Am Sonntag stimmt die Schweiz über ein Verbot der Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung ab (siehe Kasten). Wie tolerant ist die Landwirtschaft?

«Jeder soll leben, wie er will»

In der Öffentlichkeit stehende schwule Bauern sind eher schwierig zu finden. Bislang haben zwei bei der 3+-Kuppelshow «Bauer, ledig, sucht...» mitgemacht. Jeroen Heusser aus Mühlrüti SG war 2014 Kandidat. Fündig wurde er damals nicht, heute lebt er in einer Beziehung. «Schwule Bauern gibt es sicher, aber ich kenne auch nicht so viele», sagt er gegenüber der BauernZeitung. Diskriminierung habe er bis heute nie erlebt. «Ich habe nur positive Erfahrungen gemacht.» Natürlich habe es vielleicht Leute gegeben, die vor dem Fernseher gelästert hätten. Der Frage, ob ein Diskriminierungsverbot nötig sei, stehe er eher neutral gegenüber. «Aber natürlich geht Hass aufgrund von sexueller Orientierung nicht, heute soll jeder so leben können, wie er will.»

«Viele schwule Bauern»

Pink Cross, der Schweizer Dachverband für schwule und bisexuelle Männer, bietet Mitgliedern eine gratis Rechtsberatung, auch bei Diskriminierung. An Anfragen aus der Landwirtschaft kann sich Geschäftsleiter Roman Heggli nicht erinnern. «Schwule gibt es in allen Berufen. Sie sind sowohl in der Stadt, als auch auf dem Land zuhause. Natürlich gibt es auch viele schwule Bauern», sagt er.

Einerseits sei wohl das traditionelle Familienbild in der Landwirtschaft noch recht verbreitet. Auf der anderen Seite sei der familiäre Zusammenhalt vermutlich grösser als in anderen Branchen. «Man akzeptiert den Menschen als Mensch. Urs ist dann nicht ‹der Schwule›, sondern einfach Urs.» Das sei vielleicht eine Stärke der Landwirtschaft, so Heggli.

Ein paar Sprüche geerntet

Die Landwirtschaft als tolerant erlebt hat Miriam Stauffacher, die mit ihrer Eltern und ihrer Frau in Nesslau SG einen Hof und ein Restaurant führt. Die Landwirtin outete sich in der Lehre. «Die Familie stand ohnehin hinter mir. Meine Schulkollegen fanden es cool.» Einige hätten ein paar Witze gemacht wie «Jetzt nimmst du uns die Frauen weg.» Aber da sie es mit Humor genommen habe, habe sie auch keine Angriffsfläche geboten.

Heute werde sie mit Blick auf ihren Ehering manchmal gefragt, was denn der Mann beruflich mache. «Dann sage ich: Ich habe keinen Mann, ich habe eine Frau.» Die Reaktionen würden zwar manchmal überrascht, aber nicht negativ ausfallen. «Auch aus der näheren und weiteren Nachbarschaft kamen Gratulationen zu unserer Hochzeit.»

Transmenschen nicht geschützt

Falls das Diskriminierungsverbot angenommen wird, bleiben Transidente und intersexuelle Menschen aussen vor. Im Parlament war umstritten, ob auch Diskriminierung aufgrund der Geschlechtsidentität unter Strafe gestellt werden sollte.  Der Nationalrat hatte sich zunächst dafür ausgesprochen, der Ständerat war aber dagegen. Hauptgrund war, dass die Geschlechtsidentität schwer fassbar sei.

«Gebrochene Menschen»

«Es braucht unbedingt ein Diskriminierungsverbot, und zwar für alle in der LGBTIQ-Community», sagt Stefanie Stalder aus Grosswangen LU. Die aus dem englischen Sprachraum stammende Abkürzung steht für lesbisch, schwul, bisexuell, transgender, intersexuell, queer. In der Rolle von Stefan bis 2016 gelebt, entschloss sich die Landwirtin nach jahrzehntelangem Leiden zur Geschlechtsumwandlung (die BauernZeitung berichtete).

Kollegen zogen sich zurück

Damit geht Stefanie Stalder offen um. Verschiedene Medien porträtierten sie und sie kandidierte als erste Transgender-Kandidatin überhaupt für die Grünliberalen für den Kantonsrat. «Viele Transmenschen haben sehr gelitten und sind gebrochene Menschen», erzählt sie. Wenn sie dann in der Öffentlichkeit angegriffen oder beschimpft würden, «ist das extrem brutal». Viele seien in psychischer Behandlung, «ein solcher Vorfall kann einem um Monate zurückwerfen.»

Direkte Diskriminierung habe sie in der Landwirtschaft nicht erlebt, sagt sie.  «Aber es ist extrem ruhig um mich geworden.» Viele in ihrem Umfeld konnten nicht mit ihrer Transition umgehen. Ihr früherer Kollegenkreis habe sich zurückgezogen. «Ich bin jetzt mehr überregional befreundet, zum Beispiel durch mein neues Hobby, das Geige-Spielen, und nicht mehr mit der Dorfbevölkerung.» Das liege sicher auch daran, dass sie sich selbst sehr verändert habe. «Ich lebe jetzt mein echtes Leben und will mich nicht mehr verstecken.»

 

Abstimmung am 9. Februar 2020

Heute schützt das Strafrecht die Menschen in der Schweiz vor Diskriminierung wegen der Rasse, der Religion oder der Ethnie. Bundesrat und Parlament wollen nun die Anti-Rassismus-Strafnorm stärken und verbieten, Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung zu diskriminieren. Wer deswegen zu Hass aufruft oder Propaganda verbreitet, soll ebenfalls bestraft werden können. Gegen diese Änderung wurde das Referendum ergriffen.   Laut Referendumskomitee würde die neue Regelung die Meinungsfreiheit einschränken. Das sieht der Bundesrat anders. Das Stimmvolk entscheidet am 9. Februar.

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