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Statt mit dem Blick gen Himmel, arbeitet die Astrophysikerin Sandra Baumgartner nun mit Tieren und beeinträchtigten Menschen

Während ihrer Doktorarbeit beschäftigte sich Sandra Baumgartner mit den Weiten des Universums. Heute steht die Bäuerin in Ausbildung mit beiden Füssen auf der Erde: Im Landwirtschaftsbetrieb des Effingerhorts betreut die 34-Jährige Schafe, Ziegen und Legehennen und arbeitet mit Menschen auf ihrem Weg aus der Sucht.

Sandra Baumgartner ist nicht auf einem Bauernhof aufgewachsen, hatte aber schon als Kind einige Berührungspunkte mit der Landwirtschaft. Ihre Grosseltern bewirtschafteten einen Bauernhof in Kirchdorf AG, wo sie als Kind beim Kirschenpflücken mithalf. Ausserdem hat die 34-Jährige Cousins, die Bauern sind.

Nach der Matura und einem Praktikum im sozialen Bereich studierte sie Physik an der Uni Zürich. In ihrer Masterarbeit vertiefte sie sich in Astrophysik, auch weil sie der nächtliche Himmel schon als Kind faszinierte. Anschliessend schrieb sie ihre Dissertation im Bereich der theoretischen Kosmologie. Heute arbeitet Sandra Baumgartner als landwirtschaftliche Angestellte beim Effingerhort hoch über dem Dorf Holderbank AG. Wie kam es dazu, dass eine junge Frau mit Doktortitel mit Menschen mit Suchtproblemen und mit Schafen, Ziegen und Hühnern arbeitet?

Der Effingerhort ist ein Suchtbehandlungszentrum oberhalb von Holderbank AG.(Bild: Privat)

Sinnsuche ausserhalb der Universität

Sandra Baumgartner machte die Erfahrung, dass das Schreiben einer Dissertation bedeutet, sich lange, sehr intensiv und meistens allein in einem Raum in ein Thema zu vertiefen. Dabei kam bei ihr allmählich das Bauchgefühl auf, dass ihr die Arbeit mit den Händen und der Kontakt mit Mitmenschen je länger je mehr fehlten. Sie hatte das Gefühl, dass sie für ihre Doktorarbeit mit dem Kopf im Universum weilte, während ihr Körper gar keinen Beitrag dazu leistete. Trotzdem und konsequent schloss die junge Frau ihre Doktorarbeit erfolgreich ab.

«Auf die Frage: ‹Was will ich erreichen in meinem Leben?›, fand ich damals keine Antwort», erzählt sie im Eiersortierraum des Effingerhort. Um zu testen, ob ihr die Arbeiten auf einem Bauernhof gefielen, arbeitete sie zwei Wochen für Kost und Logis auf einem Berner Milchviehbetrieb mit. Und es gefiel ihr. Bald darauf schickte sie eine Blindbewerbung als Landwirtschafts-Praktikantin an den Effingerhort.

Beim Schreiben ihrer Doktorarbeit kam Sandra Baumgartner zu einschneidenden Erkenntnissen.(Bild: Privat)

Arbeit, die Sinn macht – und eine schöne Müdigkeit

Sandra Baumgartner erhielt die Zusage für ein halbjähriges Praktikum im Suchtbehandlungszentrum, früher auch Trinkerheilanstalt genannt. «Es hat mir so gefallen, dass ich nach dem Praktikumsende gerne bleiben wollte», blickt sie zurück. Allerdings, musste sie feststellen, dass die Arbeit in der Landwirtschaft sie körperlich mehr ermüdet als Studium und Büroarbeit. «Jedoch ist es eine schöne Müdigkeit, die mich gut schlafen lässt», hat Sandra Baumgartner erfahren. Und die Arbeit in der Natur und mit Tieren erdet sie. Im Effingerhort mit rund 60 Bewohnerinnen und Bewohnern arbeitet sie täglich mit Menschen mit Suchtproblematik.

Im Bereich Landwirtschaft mit den Legehennen, Schafen und Ziegen geht es darum, Produkte für den Verkauf und die Selbstversorgung zu produzieren und zugleich Arbeitsplätze für die Bewohner zu schaffen, angepasst an deren jeweilige Fähigkeiten. Ihre Arbeit mache Sinn, hat Sandra Baumgartner erlebt. «Ich erlebe, dass die Bewohnerinnen und Bewohner sich öffnen und zwischen ihnen und mir ein Vertrauensverhältnis entsteht. So kann ich sie auf ihrem Weg aus der Sucht begleiten»,  erzählt sie.

Sandra Baumgartner kennt jedes einzelne Schaf beim Namen.(Bild: Hans Rüssli)

Statt Astrophysik Bäuerin auf der Erde

Im heissen Sommer 2026 sind es schon anderthalb Jahre, dass Sandra Baumgartner in dem kleinen Landwirtschaftsbetrieb des Effingerhorts arbeitet. «Ich arbeite nach wie vor sehr gerne mit den Engadinerschafen, mit den Ziegen der Rasse Capra Grigia und mit den braunen Legehennen», erzählt sie.

Ihr nächstes Ziel heisst Bäuerin mit Fachausweis. Zielstrebig besucht sie seit einem Jahr am Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg in Gränichen AG die Bäuerinnenschule. Bisher absolvierte sie die Module Produktverarbeitung, Reinigung/Textilpflege, Ernährung und Verpflegung sowie Gartenbau.

Ab August dieses Jahres geht es für sie im zweiten Jahr weiter mit den Modulen Landwirtschaftliches Recht, Buchhaltung, Haushaltsführung, Familie und Gesellschaft und Betriebslehre. «Keine Sekunde habe ich es bisher bereut, von der Astrophysik zur Bäuerin gewechselt zu haben», betont sie. «Die Bäuerinnen-Ausbildung ist eine gute Lebensschule, interessant und wertvoll für das ganze Leben», so ihr Fazit.

Ein weiteres Plus sei das gute Verhältnis der jungen Frauen untereinander. Später will Sandra Baumgartner den Fachausweis Bäuerin erlangen. Dazu braucht sie noch Berufspraxis in einem bäuerlichen Haushalt.

Sandra Baumgartner liebt auch die Arbeit mit den braunen Legehennen.(Bild: Hans Rüssli)

Erholung findet die junge Frau durchs Wandern in den Bergen oder Zeit mit Freunden. Sie will eines Tages eigene Tiere halten, das weiss sie jetzt schon. Sie kann sich aber auch vorstellen, eines Tages Bäuerin auf einem Hof zu sein. «Mal sehen, was das Leben noch alles mit sich bringt», bleibt sie offen.

5 Fragen

Wie lautet Ihr Leitspruch fürs Leben, Ihr Lebensmotto?

Vertrauen in das Leben haben und dankbar sein, auch für die kleinen Dinge.

Welches ist Ihr Lieblingsplatz?

Zu Hause in meinem Garten, im Effingerhort, am Ort, an dem die Schafe sind.

Worüber können Sie lachen?

Unter anderem über mich selbst: Ich bin manchmal tollpatschig.

Wohin würden Sie gerne einmal reisen?

Nach Schweden, Norwegen oder Finnland im Sommer.

Welchen Traum möchten Sie verwirklichen?

Selbst eigene Tiere halten.

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