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Der Landdienst hat einen Mehrwert für alle Beteiligten

Im Jahr 2021 leisteten über Agriviva schweizweit 1393 Jugendliche 21'001 Arbeitsstunden auf Betrieben. Seit über 30 Jahren beherbergt Helen Käslin Roth aus Fahrwangen junge Frauen bei sich. Warum, das erzählt sie im Interview.

Seit über 75 Jahren setzt sich Agriviva zum Ziel, Jugendliche die Landwirtschaft durch aktive Mitarbeit erleben zu lassen. Zwischen zwei bis acht Wochen verbringen die jungen, interessierten Menschen jeweils auf dem landwirtschaftlichen Betrieb und begleiten die Bauernfamilie hautnah. Während des Einsatzes unterliegt die Aufsichtspflicht für die minderjährigen Jugendlichen der Gastgeberfamilie. Helen Käslin Roth erzählt, warum sie seit vielen Jahren Jugendliche zu sich ins Haus, in den Stall, aber auch ins Herz lässt.

Seit wie vielen Jahren und warum bieten Sie Agriviva-Plätze an?

Helen Käslin Roth: Im Februar 1987 hatte ich drei Söhne, Markus, 21 Monate alt, und die fünfwöchigen Zwillinge Stefan und Daniel, als mein Mann bei einem Arbeitsunfall ums Leben kam. Die Pro Juventute und der Landdienst, heute Agriviva, haben mir damals geholfen, dass ich Entlastung bekomme. Und so durfte ich jedes Jahr eins bis vier Mädchen für durchschnittlich zwei Wochen bei mir aufnehmen. Meine Söhne sind damit aufgewachsen und wussten das immer zu schätzen. Natürlich kam es in der Zeit, wo die Jungs grösser waren, eher zu weniger Einsätzen. Seit ich jedoch die Enkelkinder bei mir habe, interessieren sich die jungen Mädchen wieder mehr.

1994 habe ich meinen jetzigen Mann Markus Roth geheiratet und nochmals einen Sohn, Christian, bekommen. Christian ist auf unserem Betrieb der Melker und der Vater meines Enkels Livio.

Bisher betreute ich 133 Mädchen über Agriviva und Pro Juventute.

Wie lange möchten Sie noch Plätze anbieten?

Wir sind jetzt 61 Jahre alt, wie lange wir den Betrieb noch selber führen und wie lange ich noch die Enkelkinder hüten werde, steht in den Sternen. Danach bestimmt nicht mehr.

Warum und wem würden Sie Agriviva weiterempfehlen?

Ich finde es schön, wenn man den jungen Leuten die Natürlichkeit, die man auf einem Landwirtschaftsbetrieb erlebt, weitergeben kann. So lernen sie, dass die Milch nicht im Tetra Pak entsteht. Auch dass es für Milch, Fleisch, Eier usw. eine Sieben-Tage-Woche braucht.

Da wir ausserhalb des Dorfes wohnen, bin ich oft allein im grossen Männerhaushalt und geniesse es natürlich, mit einer jungen Frau zu diskutieren.[IMG 2]

Ich empfehle es aber nur Bauernfamilien, die diese jungen Leute familiär einschliessen können. Ansonsten sind Probleme vorprogrammiert, da sie sich ausgenützt fühlen.

Was waren bisher Ihre schönsten oder schlimmsten Erlebnisse?

Es freut mich sehr, dass ich schon dreimal nacheinander zwei Schwestern bei mir aufnehmen durfte. Weil es der ersten so gut gefallen hat, hat die Schwester sich auch für uns entschieden.

Drei Praktikantinnen haben freiwillig ein Jahr später einen Teil ihrer Ferien wieder bei uns verbracht.

Wir hatten das Glück, dass nie etwas Schlimmes passiert ist. Eher eine lustige Geschichte passierte, als wir Heu einen Hang runterrechen mussten. Da meinte die Praktikantin, sie habe einen Hamster gefunden. Hier gibt es bestimmt keine Hamster im Feld. Sie kam und wollte ihn mir zeigen. Da biss die dicke Feldmaus sie in den Daumen. Ihre Mutter hat sich aber nicht gefreut und verlangt, dass wir mit dem Mädchen zum Arzt gehen wegen der Starrkrampfimpfung. Alles wurde gut!

Wie empfinden Sie die Zusammenarbeit mit Agriviva?

Ich fühle mich bei der Vermittlungsstelle in Sursee gut verstanden. Sie versuchen auch immer wieder auf meine Bedürfnisse einzugehen.

Haben Sie mit ehemaligen Teilnehmenden noch Kontakt?

Ja mit sehr vielen. Vor allem per E-Mail oder per Whatsapp. Ich versuche auch, an ihre Geburtstage zu denken und ihnen dann zu schreiben.

Ich schreibe immer einen Neujahrsbrief, wo ich das Jahr in unserer Familie zusammenfasse. Fast alle erhalten den per E-Mail, sofern ich die Adresse besitze.

Die allererste Praktikantin aus dem Jahr 1987 schickte uns vor zwei Jahren eine Einladung zu ihrem 50. Geburtstag. Am Fest beim Vorstellen der Anwesenden meinte sie, wir gehören unbedingt an dieses Fest. Wir seien ein grosser Meilenstein in ihrem Leben. Und das Praktikum hätte ihr so viel für ihr weiteres Leben gebracht.

Wissen Sie, was an Ihnen besonders geschätzt wird?

Ich versuche immer zu erklären, warum ich es so und nicht anders mache und es auch so haben möchte. Vor einem halben Jahr habe ich eine Geburtsanzeige erhalten. Als ich der Mutter gratulierte, meinte sie: «Glaub mir, ich denke bei jedem Sockenpaaren an dich. Du hast gesagt, wenn sie schön flach gepaart sind, braucht es viel weniger Platz, sieht schöner aus und man findet, was man sucht.» Das mache sie noch heute so. Es werden auch viele Rezepte von mir noch heute angewendet, beispielsweise von der Salatsauce oder vom Eistee.

Welchen Mehrwert sehen Sie für sich in einem Agriviva-Praktikum?

In den meisten Fällen bin ich weniger unter Zeitdruck, dadurch ausgeglichener. Oder ich kann mir mal für etwas Zeit nehmen, was sonst nicht gehen würde. Für die Praktikantin denke ich, ist es ein Mehrwert, dass sie etwas Neues kennenlernt, auch wenn sie diese positive Seite erst einige Zeit später wahrnehmen. Ich versuche jedes Mädchen zu nehmen, wie es ist und da einzusetzen, wo es seine Stärken hat. Ich versuche auch, oft die Arbeiten zusammen zu machen. Das steigert die Motivation und ist kurzweiliger für beide.

Was braucht es, um Gastfamilie zu sein?

Einen einigermassen sauberen Betrieb, eine intakte Familie, Geduld, denn man muss vieles erklären und vorzeigen. Aber vor allem braucht es die Freude, mit jungen Menschen zu arbeiten und zu kommunizieren.

Was würden Sie sich für zukünftige Teilnehmende wünschen?

Die jungen Leute sind sehr auf ihr Natel fixiert. Darum ziehen sich die meisten am Abend ins Zimmer zurück. Es würde mich jedoch sehr freuen, wenn wir zum Beispiel ein Gesellschaftsspiel zusammen machen könnten. Bei wenigen klappt das.

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