Das Mut-Café, ein Inforama-Angebot von Frauen für Bäuerinnen und Frauen vom Land, hat sich jüngst einem schweren Thema gewidmet: Psychisch kranke Angehörige. Die Moderatorin, Barbara Thörnblad-Gross, erklärte, dass dieses Thema bewusst für das Juni-Mut-Café gewählt wurde, wenn die Tage noch lang und hell sind, und nicht im November, wenn es eh schon dunkel und schwerfällig sei. Nur ein knappes Dutzend Frauen fand bei hochsommerlichen Temperaturen den Weg ans Inforama Berner Oberland in Hondrich. Die geringe Teilnehmerinnenzahl ist wohl auch der Alpzeit geschuldet.

Darüber spricht man nicht

Oder das fehlende Interesse ist darauf zurückzuführen, dass psychische Erkrankungen wie Burn-out, Depressionen, Angststörungen oder Schizophrenie in unserer Gesellschaft nach wie vor ein Tabuthema sind. Zu gross ist die Angst Betroffener und ihrer Familien vor Ausgrenzung und davor, den Stempel «krank» aufgedrückt zu bekommen. Referent und Psychologe Timur Steffen sagt dazu: «Mir liegt es am Herzen, zu betonen: Eine Diagnose ist keine Biografie!» 2017 fühlten sich laut Bundesamt für Statistik rund 15 Prozent der Schweizer Bevölkerung mittel bis stark psychisch belastet. Ein Tabu ist das Thema auch im landwirtschaftlichen Umfeld, wo die Zahl der Betroffenen gross ist. Eine Befragung im Jahr 2016 bei 4000 Landwirt(innen) zeigte, dass rund 12 Prozent von Burn-out betroffen sind. Das ist doppelt so viel wie beim Rest der Bevölkerung.

Burn-out

Symptome: emotionale Erschöpfung, Gefühl von Überforderung, reduzierte Leistungszufriedenheit, Symptomatik ist uneinheitlich, es sind mehr als 130 Symptome beschrieben. Auch eine Überlappung mit anderen psychischen Störungen wie Depression ist möglich. Warnsignale: längerdauernde Schlafstörungen, verkümmern sozialer Beziehungen, zunehmende Unlustgefühle, Depersonalisierung (Entfremdung von sich selbst). «Ich lade euch ein, bleibt wachsam, hellhörig, sprecht es an. Ein Burn-out passiert nicht einfach», rät der Psychologe.

Depression

Symptome: Traurigkeit, Freudlosigkeit, Antriebslosigkeit, sozialer Rückzug, Interesselosigkeit, Konzentrationsstörungen. Wenn die Zeitung durchlesen nicht mehr an einem Stück geht, ist das ein deutliches Zeichen. Summieren sich mindestens drei Symptome kann eine Depression dahinterstecken. Ein Selbsttest unter: www.pzmag.ch/stepped-care kann Hinweise liefern, ob man nur schlecht drauf ist, oder mehr dahintersteckt. Anonymes Erstgespräch ist möglich. Erst wenn es zu einer Therapie kommen sollte, werden Arzt und Krankenkasse hinzugezogen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Stress als Auslöser

Der Psychologe gab einen Überblick über psychische Erkrankungen und deren Symptome. Als Einführung betonte Timur Steffen, dass Stress, der Auslöser vieler psychischer Erkrankungen, nicht nur negativ sei. Zwischendurch akuter Stress ist in Ordnung, chronischer Stress hingegen kann zur Erschöpfung führen. Und wichtig: Nicht jede Krise führt zu einer Erkrankung.

 

Bipolare Störung

Die Bipolare Störung (manisch depressiv) äussert sich durch Stimmungsschwankungen zwischen zwei entgegengesetzten Extremen, der Depression und im Gegenzug, der Manie. Die Person hat eine gedrückte, kurz darauf eine  gehobene Stimmung, ist traurig, dann jedoch extrem aktiv. Weitere Beispiele: energielos – sprunghaft, ruhig – unruhig. Was tun: Bipolare Störung als Erkrankung akzeptieren. Betroffene sollen, besonders während manischer Episoden, motiviert werden, einen Arzt oder Therapeuten aufzusuchen und die Behandlung konsequent wahrnehmen.

Schizophrenie

Schizophrenie ist eine psychische Störung, die durch den Verlust des Realitätsbezugs und durch Wahnvorstellungen gekennzeichnet ist. Hauptmerkmale sind: Halluzinationen, Angst davor, abgehört, kontrolliert oder verfolgt zu werden, abnormes Verhalten, Stimmen hören, welche Gedanken/Handlungen kommentieren oder kritisieren, Beeinträchtigung im gesellschaftlichen und beruflichen Leben sowie bei der Selbstversorgung. Betroffene sind mit logischen Argumenten nicht davon abzubringen. Diese Störung sei unglaublich breit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Keine Ratschläge geben

Wenn der Verdacht besteht, dass es einer nahestehenden Person nicht gut geht, rät Timur Steffen, dies anzusprechen und Sorge zu signalisieren. Etwa: «Ich sehe, dass du keine Freude mehr hast. Was können wir gemeinsam tun?» Fehl am Platz sind gute Ratschläge wie: «Das geht schon wieder weg.» Oder: «Reiss dich mal zusammen!» Ratschläge setzen noch mehr unter Druck und verschlimmern die Schuldgefühle. Eine Person solle auch angesprochen werden, wenn der Verdacht auf einen drohenden Suizid besteht. Es stimme nicht, dass das Ansprechen eines drohenden Suizids, diesen erst möglich mache. Schweizweit gibt es pro Jahr 1000 Selbstmorde. Fast 90 Prozent der Suizide werden von psychisch Kranken begangen. Das Ansprechen zeige dem Gegenüber: Da ist jemand. Wird die direkte Frage darauf, ob die Person nicht mehr leben möchte, mit ja beantwortet, ist unverzüglich der nächste Arzt, das Spital, oder auch das Regierungsstatthalteramt zu informieren, ­welche die nötigen Schritte einleiten. Dies auch, wenn die betroffene Person das nicht will, da Selbstgefährdung besteht.

Essstörung

Symptome: Ständiges Sorgen um Gewicht und Essen, heimliches Essen, Nahrungsverweigerung, unkontrollierte Essanfälle, Panik vor dem Zunehmen, Ablehnung des eigenen Körpers, hoher Leidensdruck. Was tun: Essstörung nicht als Tabu behandeln, sondern ansprechen. Betroffene nicht auf ihre Essstörung reduzieren. Wenn von körperlicher Gefährdung auszugehen ist (Bodymassindex kleiner als 14,5) auf Arztbesuch bestehen und handeln, auch wenn Betroffene die Notwendigkeit nicht einsehen. Es drohen lebensbedrohliche Zustände wie Organschäden.

Angst (Panik)

Angst gehört zum Leben, aber es gibt Angst, die zu viel ist. Angst hat viele Gesichter: Panikstörung, soziale Phobie, generalisierte Angststörung (Angst vor allem und überall), spezifische Phobien (Angst vor Schlaf, Zahnarzt, Spinnen, ohne Smartphone zu sein). Die Angst wird immer schlimmer und führt bis hin zu Todesangst, etwa vor Spinnen. Was tun: Verständnis zeigen, vermitteln, dass Zähne zusammenbeissen meist nicht hilft. Direkte Konfrontation mit der Angst kann helfen. Auch Zwangshandlungen wie Reinigungs-, Wiederhol- und Zählzwänge sind Angststörungen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zugegeben, die Mut-Café-Kost war auch bei schönstem Sonnenschein schwer zu verdauen. Timur Steffen entliess die Frauen aber nicht, ohne ihnen zahlreiche Adressen mit auf den Weg zu geben, die Hilfe für Betroffene aber auch Angehörige bieten.

Hier finden Sie Hilfe

Es gibt einige Angebote für psychisch kranke Menschen und deren Angehörige. Hier eine Auswahl davon. 

Schweizerische Gesellschaft für Zwangsstörungen:
www.zwaenge.ch

Infoplattform Schizophrenie:
www.lebenmitschizophrenie.ch

Thema Sucht:
www.suchtschweiz.ch 
www.ada-zh.ch
www.al-anon.ch
www.safezone.ch

Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter:
www.angehoerige.ch
www.vaskbern.ch
www.selbsthilfeschweiz.ch
www.proinfirmis.ch

Studierendenberatung HAFL: Tel. 031 310 21 34

Anlaufstelle Überlastung Landwirtschaft:Tel. 079 200 00 44

Bäuerliches Sorgentelefon: Tel. 041 820 02 15

Inforama-Beratung: Tel. 031 636 41 00

Die Dargebotene Hand: Tel. 143

Allgemeine Notrufnummer: Tel. 112