Hin und wieder zieht sich Helene Elmer zurück in ihr stilles Kämmerlein. Dann brütet sie über ihrer Literatur, bis sie findet, wonach sie sucht. Die Drogistin hat sich vor sechs Jahren einen Traum erfüllt und ihre eigene Drogerie im bernischen Bätterkinden eröffnet. Dort hat sie ein beachtliches Angebot für Tierhaltende aufgebaut.

Viel über Pflanzen gelernt

Dieses Jahr hat Helene Elmer ihre Drogerie komplett umgebaut; gleichzeitig mit der Neueröffnung erscheint auch ihr neuer Tierratgeber, welcher einen guten Überblick über ihrgesamtes Sortiment für Tiere bietet.

Elmer ist zusammen mit vier Geschwistern auf einem Bauernhof in Davos aufgewachsen. Die Kinder halfen viel mit und konnten vom grossen Wissensschatz des Vaters profitieren. «Er hat häufig mit Naturheilmitteln gearbeitet. Von ihm lernte ich auch viel über Pflanzen», erinnert sich Elmer an ihre Kindheit zurück. Das war mit ein Grund, dass sie den Beruf der Drogistin erlernte.

Ein neuer alter Ansatz

Helene Elmer weiss, dass der Veterinärmedizin zunehmend Grenzen gesetzt sind und dass die aktuellen Diskussionen über Antibiotika nach Alternativen fragen. Ausschlaggebend dafür, dass die Drogistin tief in die Thematik der Phytotherapie eintauchte, war schliesslich, dass sie eine Tierärztin kennenlernte, die keine aktive Praxis mehr führt, sondern sich auf Tierhomöopathie spezialisiert hat. Sie äusserte den Wunsch «irgendetwas Unterstützendes» zu haben, das die homöopathische Therapie bei einer Kombination aber nicht stört. Gemeinsam mit der Veterinärin hat Elmer dann das erste Sortiment im Bereich der Phytotherapie für Tiere entwickelt.

Darauf folgten entscheidende Lehrjahre. «Ich habe mich enorm weitergebildet», sagt Elmer. Nach der Spezialisierung auf Phytotherapie beim Menschen vertiefte sie sich im Bereich Tierhaltung. «Phytotherapie ist in der Nutztierhaltung wenig bekannt, interessanterweise ist sie aber etwas vom Ältesten, das wir kennen», erklärt sie. Das soll sich ändern. Und genau dafür setzt sich die junge Frau mit aller Kraft ein. «Drehen wir das Rad zurück, sehen wir, dass Phytotherapieverdrängt wurde. Die Industria-lisierung forderte schnelle Medikamente, zudem musstendiese günstig sein. Das Wissen geriet in den Hintergrund.» In Vergessenheit geraten sei es aber nicht, ist die Drogistinsicher.

Rasches Handeln wichtig

Helene Elmer setzt bei ihrer Arbeit auch auf die Zusammenarbeit mit Tierärzten. Denn die Phytotherapie ersetze die Schulmedizin nicht: «Sagen wir es mal so, manchmal braucht es auch etwas stärkere Kost», sagt die Drogistin. Man könne aber in jedem Fall phytotherapeutisch ergänzen, zudem sei die Therapieform im Bereich der Prävention vielversprechend. Das bedingt aber ein schnelles Reagieren und gutes Beobachten der Tiere. «Wenn ein Kalb hustet, kann man davon ausgehen, dass sich die Krankheit alsbald durch den ganzen Bestand zieht. Dann muss man relativ schnell mit Phytotherapie einsteigen, will man Erfolg haben», erklärt Elmer anhand eines konkreten Beispiels.

Immer individuelle Lösungen

So oft sie bei ihrer Arbeit auch ähnlichen Krankheiten begegnet, es ist doch jeder Betrieb anders. So sei es wichtig, die Möglichkeiten der betriebsleitenden Person bei der Ausgestaltung der Therapie miteinzubeziehen, sagt Helene Elmer. «Was kann er tun und wozu ist er bereit?», seien entscheidende Fragen, auf die sie eine Antwort braucht. «Mutterkuhhaltung ist nicht mit einem Milchbetrieb zu vergleichen», weiss sie. So seien beispielsweise auch Tiere in einem Roboterstall anders anzuschauen als Tiere in einem Anbindestall. Die Behandlungen müssten folglich individuell angepasst werden. Es gibt viele Probleme, welche die meisten Betriebe kennen; dazu gehören Husten, Euterprobleme und Durchfall.

Nicht selten kämpfe dann aber jede(r) Betriebsleitende mit spezifischen Problemen, die er oder sie vielleicht nicht im Austausch mit Kollegen in den Griff bekomme. Denn wenn eine spezifische Problemstellung die Berufskolleginnen nicht belaste, könne man auch nicht fragen: «Was hast du gemacht, dass du die Sache in den Griff gekriegt hast?» In solchen speziellen Fällen mischt Helene Elmer ein Produkt speziell für dieses Problem. Und wenn die Thematik für sie ganz neu ist, zieht sie sich zurück ins stille Kämmerlein, bis sie weiss, welche Wirkstoffe helfen können. «Das ist es ja genau», sagt sie. «Die Individualität zu wahren, ist wichtig. Und genau dafür gibt es uns Fachleute.» Wichtig sei, dass alles einfach anzuwenden sei, ohne dass man sich noch in Berge von Literatur einlesen müsse. Auch da sei ihr oft ihr Vater mit gutem Rat zur Seite gestanden. «Es muss einfach sein», sagt er, sonst mache das niemand.

Einfach in der Handhabung und nahe an der Natur – das tönt doch vielversprechend. Doch so naturnah das Ganze auch ist: In der Phytotherapie wird, wie in der klassischen Medizin auch, mit Wirkstoffen gearbeitet. Das heisst, dass sich die Indikationen auch «beissen» können. So müsse man beispielsweise bei trächtigen Tieren aufpassen, dass nicht ein Abort ausgelöst werde. Die Ansicht, es ist ja pflanzlich, also kann nichts passieren, funktioniere nicht. «Es braucht Wissen», sagt Helene Elmer. Sie will das, was sie weiss, den Bauernfamilien und ihren Tieren mit auf ihren Weg geben.

Phytotherapie ist nicht etwa neu, sondern vielmehr uralt. Diese Therapieform zählt zu den ersten und ältesten Heilmethoden der Menschheit. Das Wissen um die Phytotherapie, zu Deutsch Pflanzenheitlkunde, wird in verschiedenen Ländern durch spezielle Fachgesellschaften gesammelt, gepflegt und verbreitet. In der Schweiz hat die Schweizerische Medizinische Gesellschaft für Phytotherapie (SMGP) die Aufgabe übernommen, die Phytotherapie als Bestandteil der modernen Medizin bekannt zu machen und zu fördern. Wie die SMGP erklärt, werden in der Phytotherapie Pflanzen, Pflanzenteile und deren Zubereitungen zu therapeutischen Zwecken verwendet und seit Jahrhunderten auf der ganzen Welt eingesetzt. Über diese lange Zeit sei ein umfangreiches sowie breitgefächertes Erfahrungswissen generiert worden.

Historisch betrachtet gäbe es die heutige Schulmedizin nicht ohne die Phytotherapie, so die SMGP. Erst mit der rasanten Entwicklung der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert, insbesondere durch die Fortschritte in der Chemie, seien dank der Isolierung von pflanzlichen Reinstoffen und deren partialsynthetischer Abwandlungen neue chemisch-synthetische Substanzen entwickelt worden, wie sie heute in der modernen Schulmedizin vorwiegend eingesetzt werden. «Eine Vielzahl von Wirkstoffen, die heute eine grosse Bedeutung haben, stammen zumindest bezüglich ihrer Grundstruktur aus der Natur», so die SMGP.

In den meisten Fällen ist keine Einzelsubstanz fürdie Wirkung einer Pflanze verantwortlich. Erst das Zusammenspiel der Inhaltsstoffe einer Zubereitung führe zur beobachteten Wirkung.