«Vollgas Bio» – Der Berner Gad Günter setzt auf fünf verschiedene Standbeine

Ackerbau, Mutterkühe, Bio-Weidebeef, Legehennen und Junghennenaufzucht: Beim Berner tragen mehrere Betriebszweige gemeinsam das wirtschaftliche Risiko.

«Wenn ein Betriebszweig einmal schwächelt, müssen die anderen funktionieren. So verteilen wir das Risiko auf mehrere Standbeine», sagt Gad Günter ruhig und sachlich. Genau nach diesem Grundsatz entwickelt er seinen Biobetrieb in Thörigen BE seit Jahren weiter. Statt auf Spezialisierung setzt er auf eine breite Produktion. Ackerbau, Mutterkühe, Bio-Weidebeef, Legehennen und die Aufzucht von Junghennen greifen ineinander und bilden ein Gesamtsystem, das wirtschaftliche Risiken möglichst breit verteilt.

Von Milch- auf Mutterkühe umgestellt

Seit 2016 wird der Betrieb biologisch bewirtschaftet. Gemeinsam mit seiner Frau Rebekka, mit einem Lehrling, zwei Teilzeitmitarbeitenden und verschiedenen Aushilfen führt Gad Günter den Familienbetrieb, dessen Hauptgebäude bereits sein Vater errichten liess. Ursprünglich wurden hier Milchkühe gehalten. 1999 erfolgte die Umstellung auf Mutterkühe. In den folgenden Jahren investierte die Familie kontinuierlich in den Ausbau der Infrastruktur. 2016 ersetzte ein neuer Laufstall den alten Kuhstall, vier Jahre später entstand im alten Kuhstall der Aufzuchtstall für die Junghennen.

Geflügelhaltung verlangt eine präzise Planung

Zum wichtigsten Betriebszweig hat sich in den vergangenen Jahren die Geflügelhaltung entwickelt. Neben den Legehennen werden Junghennen aufgezogen. Drei Umtriebe erfolgen innerhalb von rund 15 Monaten. Ein Durchgang dient der eigenen Remontierung, zwei gehen an andere Legehennen-Betriebe. Die gesamte Produktionsplanung erfolgt unter der Führung der Firma Hosberg, die den Bedarf der Abnehmer koordiniert.

Die neu eingestallten Junghennen beginnen gerade zu legen. Im Stall herrscht dank der Vernebelungsanlage eine angenehme Temperatur.(Bild: Samuel Otti)

«Die Aufzucht funktioniert nur, wenn jeder Termin stimmt. Stallbelegung, Reinigung, Einstallung und Ausstallung greifen wie Zahnräder ineinander», sagt der Landwirt. Damit verbunden ist ein hoher organisatorischer Aufwand. Zwischen zwei Umtrieben müssen die Ställe vollständig gereinigt und für die nächste Herde vorbereitet werden. Gleichzeitig richtet sich die Produktion nach der Nachfrage auf dem Markt. Der Betrieb produziert also nicht einfach möglichst viele Tiere, sondern genau jene Anzahl, die später auch benötigt wird.

Mit den heissen Sommern stiegen auch die Anforderungen an das Stallklima. Deshalb hat Gad Günter kürzlich in eine Nebelkühlanlage im Legehennenstall investiert. «Früher waren solche Anlagen kaum ein Thema. Heute gehören sie fast zur Standardausrüstung», sagt er.

Die Schlachtung der Suppenhühner erfolgt bewusst ausserhalb des Betriebs. Sie wird von einer spezialisierten Metzgerei übernommen, die gleichzeitig das Verpacken und Vakuumieren erledigt. «Wir konzentrieren uns auf die Tierhaltung. Für die Weiterverarbeitung arbeiten wir mit Spezialisten zusammen.»

Mehrere Betriebszweige ergänzen sich gut

Auch die Mutterkuhhaltung bleibt ein wichtiger Bestandteil des Betriebs. Alle Kühe verbringen den Sommer auf einer Alp in der Nähe von Bex VD. Ein Teil der Nachkommen und zugekaufte Kälber werden als Bio-Weidebeef ausgemästet und über Fidelio vermarktet.

Im Ackerbau umfasst die Fruchtfolge bewusst unterschiedliche Kulturen. Neben Getreide wachsen Zuckerrüben, Kartoffeln, Zuckermais, Speisekürbisse und Einschneidkabis. Die Produkte gelangen über mehrere Vermarktungspartner in den Handel. «Wir wollen nie von einer einzigen Kultur oder einem einzigen Markt abhängig sein», sagt Gad Günter.

Speisekürbisse der Sorte Hokkaido, auch bekannt als oranger Knirps, geniessen die sonnige und warme Zeit in diesem Sommer.(Bild: Samuel Otti)

Diese Strategie hat sich nach seiner Erfahrung bewährt. Während einzelne Kulturen je nach Jahr stärkeren Preisschwankungen unterliegen oder unter Witterungseinflüssen leiden, sorgen andere Betriebszweige für Stabilität. Gerade im Biolandbau sei diese Risikoverteilung wichtig.

Qualität entscheidet am Ende über den Erlös

Besonders anspruchsvoll bleibt der Kartoffelbau. Weniger die Erntemenge als vielmehr die Qualität entscheidet über den wirtschaftlichen Erfolg. Die Babykartoffeln haben sich sehr gut entwickelt und können ab Anfang Juli geerntet werden. Bei den normalgrossen Speisekartoffeln macht die grosse Trockenheit aber jetzt Probleme.

Die gepflanzten Zuckerrüben können sich dank des gesunden Bodens sehr gut entwickeln.(Bild: Samuel Otti)

Die Zuckerrüben sind früh auf schweren Boden gepflanzt worden, haben den sehr kalten Nächten im Frühling getrotzt und von der Winterfeuchte im Boden profitieren können; sie haben sich prächtig entwickelt und sehen beim Besuch der BauernZeitung noch sehr gut aus.

Wasser wird zum Produktionsfaktor

Neben Markt und Produktion beschäftigt Gad Günter vor allem ein Thema: die Wasserversorgung. Die vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass sich die Landwirtschaft auf längere Trockenperioden einstellen müsse. Umso wichtiger sei es, das vorhandene Wasser möglichst effizient einzusetzen.

Ein Teil der Kulturen konnte in diesem Frühjahr noch mit Wasser aus dem Hydrantennetz bewässert werden. Auf den Parzellen in Thunstetten BE ist das auch heute noch möglich, aber in Thörigen besteht diese Möglichkeit nicht mehr. Für Wasserentnahmen aus Bächen sind Sonderbewilligungen notwendig. «Wasser wird künftig einer der entscheidenden Produktionsfaktoren sein. Umso wichtiger sind klare und nachvollziehbare Regeln», findet Günter.

Familie Günter aus Thörigen hzieht an einem Strick: Simea, Rebekka, Lya, Sophie und Gad Günter mit Lehrling Noah (v.l.).(Bild: Privat)

Gerade die unterschiedliche Bewilligungspraxis sorgt seiner Ansicht nach immer wieder für Diskussionen. «Wenn einzelne Betriebe Wasser beziehen dürfen und andere nicht, entstehen zwangsläufig Fragen», sagt der Berner.

Mit einer Sonderbewilligung durfte der Betrieb kürzlich während der Nacht 200 Kubikmeter Wasser vom Hydrantennetz von Thörigen über Beregnungsanlagen ausbringen. Solche Einzelbewilligungen seien jedoch keine langfristige Lösung, so Günter. Mindestens ebenso wichtig wie die Bewässerung ist ihm der sorgsame Umgang mit der vorhandenen Bodenfeuchtigkeit. Deshalb setzt er seit Jahren auf eine konservierende Bodenbearbeitung.

Zuckermais wird in gestaffelten Sätzen angebaut, um eine möglichst lange Versorgung zu erreichen.(Bild: Samuel Otti)

Mit einer Celli-Fräse und anschliessender Streifenfrässaat entsteht eine kapillarbrechende Schicht, die das Wasser länger im Unterboden hält. Die Mulchschicht hilft dem Zuckermais, weil die Verdunstung reduziert und der Boden vor starker Sonneneinstrahlung geschützt wird. «Jeder Liter Wasser, der im Boden bleibt, muss später nicht beregnet werden», sagt Günter.

Melioration als Chance und als Knackpunkt

Neben den klimatischen Herausforderungen beschäftigt ein Grossprojekt die ganze Region: die laufende Gesamtmelioration von Thörigen, Bleienbach BE und Bettenhausen BE. Der Betrieb Günter besitzt in Thörigen 17 über das ganze Gemeindegebiet verstreute Parzellen. Lange Fahrwege und häufige Standortwechsel haben erhebliche Kosten verursacht und viel Arbeitszeit gebunden. Durch Landabtausch unter den Landwirten wurde die Anzahl der Parzellen halbiert und einfachere Strukturen konnten geschaffen werden.

Die Melioration soll die Flächen arrondieren und damit die Bewirtschaftung wesentlich vereinfachen. Doch das Verfahren zieht sich seit Jahren hin. «Grundsätzlich stehen wir hinter der Melioration. Eine bessere Arrondierung bringt jedem Betrieb Vorteile», sagt Gad Günter. Ganz ohne Sorgen verfolgt er das Projekt dennoch nicht. Auf einzelnen bestehenden Parzellen kommt bereits heute Erdmandelgras vor. Mit einer Neuzuteilung der Flächen müsse deshalb sorgfältig umgegangen werden. «Kein Landwirt übernimmt gerne Land, das mit Erdmandelgras belastet ist. Darauf muss man bei der Arrondierung Rücksicht nehmen», findet er.

Trotzdem überwiegen für ihn die Vorteile. Grössere, zusammenhängende Bewirtschaftungseinheiten würden nicht nur Fahrten einsparen, sondern auch den Einsatz moderner Maschinen vereinfachen und die Schlagkraft des Betriebs erhöhen.

Investieren mit Augenmass

In den vergangenen Jahren investierte die Familie gezielt dort, wo sich die Arbeit vereinfachen oder das Tierwohl verbessern liess. «Wir investieren nicht, um möglichst gross zu werden. Wir investieren so, dass der Betrieb langfristig besser funktioniert», sagt Gad Günter entschieden. Dieser Grundsatz prägt den gesamten Betrieb. Jeder Betriebszweig erfüllt eine klar definierte Aufgabe. Die Geflügelhaltung sorgt für einen kontinuierlichen Geldfluss, die Mutterkühe verwerten das Grundfutter, der vielseitige Ackerbau verteilt Produktions- und Marktrisiken auf verschiedene Kulturen und Absatzkanäle. «Je unsicherer die Rahmenbedingungen werden, desto wichtiger wird es, mehrere Standbeine zu haben.»

Gad Günters Motto «Vollgas Bio» beschreibt deshalb weniger ein hohes Arbeitstempo als vielmehr die Überzeugung, den Betrieb konsequent auf die Zukunft auszurichten. Mit einer breiten Fruchtfolge, verschiedenen Tierhaltungszweigen, gezielten Investitionen und einer durchdachten Vermarktung schafft der Berner ein Produktionssystem, das nicht auf kurzfristige Höchsterträge ausgerichtet ist, sondern auf langfristige Stabilität und unternehmerische Unabhängigkeit.

Betriebsspiegel

Betrieb: Gad und Rebekka Günter, Thörigen BE

Bewirtschaftung: Bio seit 2016

Landwirtschaftliche Nutzfläche: 30 ha

Tierhaltung:

  • 20 Mutterkühe (Kreuzungsrassen)
  • 35 Bio-Weidebeef-Mastplätze
  • 2000 Legehennen
  • 2000 Aufzuchtplätze für Junghennen

Ackerbau:
Silomais, Weizen, Dinkel, Zuckerrüben, Kartoffeln, Einschneidkabis, Zuckermais und Speisekürbisse

Vermarktung:
Bio-Eier an Hosberg, Bio-Weidebeef über Fidelio, Zuckerrüben an Bio Zucker Frauenfeld, Getreide über Biofarm, Kartoffeln, Zuckermais und Speisekürbisse über Terraviva und der Einschneidkabis an Schöni

Motto: «Vollgas Bio»

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