Bei den kantonalen Agrarkreditkassen stiegen in den vergangenen Jahren sowohl die Anzahl der Gesuche als auch die Komplexität der Anträge und der Investitionssummen. Was einerseits zu einer Verknappung der finanziellen Mittel des sogenannten Fonds-de-Roulement führte, andererseits zu einem erhöhten Arbeitsvolumen bei den Mitarbeitenden der Kreditkassen.
KI statt Excel
Bei jedem Gesuch, sei es eines neuen Stalls, einer Remise oder auch eines Batteriespeichers, muss die Kreditkasse die langfristige finanzielle Machbarkeit der Investition nachweisen. Für diese Tragbarkeitsberechnung steht seit Jahrzehnten die Excel-basierte Software Betvor von der Agridea zur Verfügung.
Der umfassende Betriebsvoranschlag besteht aus technischen Plänen, dem Voranschlag der Erfolgsrechnung und einem mehrjährigen Finanzplan. Es braucht Zeit, diese Betriebsvoranschläge zu rechnen und zu interpretieren. Infolgedessen müssen die Gesuchsteller oft lange auf einen Entscheid der Kreditkasse warten.
KI soll Prozesse beschleunigen
Diese Abläufe lassen sich jedoch effizienter gestalten – und zwar mit KI. Vorreiter ist das Landwirtschaftsamt des Kantons Zug. Amtsleiter Thomas Wiederkehr lancierte im Herbst 2025 im Rahmen des Auftrages zur Förderung von innovativen und zukunftsfähigen Massnahmen ein Projekt mit dem Arbeitstitel «Betvor-KI».
Dabei wird jedes Gesuch für Investitionshilfen basierend auf einer Buchhaltungsanalyse und einem Projektbeschrieb durch die Software «Betvor-KI» vorgeprüft. «Nach der KI-Vorprüfung liegt der Kreditkassen ein Bericht vor, der aufzeigt, wie bewilligungsfähig das Projekt ist», erklärt Wiederkehr. Drei Kategorien werden unterschieden:
1. Projekt ist eindeutig bewilligungsfähig.
2. Projekt ist eindeutig nicht bewilligungsfähig.
3. Projekte mit nicht eindeutiger Beurteilung, die vertieft durch Fachleute und Experten geprüft werden müssen.
«Das Ziel ist, einfache und klare Fälle wie zum Beispiel die Förderung von Batteriespeichern rasch abzuhandeln. Für umfassendere Projekte in der dritten Kategorie braucht es Fach- und Expertenwissen und sie müssen von unseren Spezialisten eingehend geprüft werden», erklärt Wiederkehr.

Digitalisierungsprojekt, das funktioniert
«Im Gegensatz zu einer Excel-basierten Tragbarkeitsberechnung ist es schwieriger, die KI-Berechnungen nachzuvollziehen. Beim Agridea-Betvor-Tool sieht man die Formeln und Verknüpfungen, die zum Resultat führen», sagt Thomas Wiederkehr.
Deshalb testete und trainierte er zusammen mit dem Programmierer Matthias Paulus von der Non-Profit-Genossenschaft 42hacks die KI-Software an mehreren Projekten (Neubauten von Ställen, Remisen, Investitionen in Anlagen oder Maschinen) – und die Betvor-KI funktionierte. Das vom Kanton geprüfte Gesuch muss vor der Beitragsgenehmigung auch zum Bundesamt für Landwirtschaft gelangen, welches die Arbeit des Kantons überprüft.
«Wir haben im Kanton Zug mit einem Budget von 100 000 Franken ein Digitalisierungsprojekt auf die Beine gestellt, das funktioniert, Kosteneinsparungen und Arbeitserleichterungen, raschere Projektabklärung und eine Standardisierung des Bewilligungsverfahrens für Agrarkredite mit sich bringt – dank agiler Arbeitsweise und bestem Know-how im Team sind wir hier viel schneller als andere», sagt er stolz. Umso mehr, weil auch Agrarkreditkassen aus anderen Kantonen grosses Interesse an der KI-Software zeigen.
Andere Kantone steigen ein
«Wir sind mit mehreren kantonalen Agrarkreditkassen im Gespräch, die Betvor-KI übernehmen wollen», führt Thomas Wiederkehr aus. «Die Software ist eigentlich marktreif – braucht nur noch den letzten Schliff punkto Benutzerfreundlichkeit», so der Amtsleiter.
Erst gerade konstruierten sie die KI für Vorabklärungen für Agrarkredite, nun wird schon an der Weiterentwicklung diskutiert. Denkbar ist der Einsatz in Planungsbüros, in der Weiterbildung oder, dass Bauernfamilien selbst mit Betvor-KI eine Vorprüfung machen und das vorgeprüfte Projekt einreichen.
Weiter werden Programmerweiterungen für die Betriebsentwicklung bei Hofübergaben, neuen Betriebszweigen oder Kooperationsvereinbarungen diskutiert oder Tipps, wie man mit arbeitswirtschaftlichen Daten auch Arbeitsspitzen glätten und die Arbeitsbelastung senken kann.
Datenschutz hoch zwei
Die grosse Hürde ist der Datenschutz, denn Buchhaltungsdaten sind sensible Daten. Das weiss auch Thomas Wiederkehr: «Die Datenschutzanforderungen sind hoch. Wir haben ein Datenschutzkonzept für Betvor-KI, das von den kantonalen Behörden des Kantons Zug abgesegnet wurde, sodass wir das Programm in der kantonalen Verwaltung einsetzen dürfen.»
Zum Datenschutzkonzept äussert sich auch Matthias Paulus: «Die Betvor-KI verarbeitet ausschliesslich anonymisierte Daten, die keine Rückschlüsse auf einzelne Betriebe zulassen. Zudem werden keine Betriebsdaten gespeichert.» Der Bericht kann vom Amt zur Vorprüfung heruntergeladen werden und es erfolgt auch keine Speicherung der Daten innerhalb der Software.
![BET_31_KI_BETVOR_ChatGPT Image 22. Juli 2026, 11_03_29[1] Die Agrarkreditkassen müssen die Tragbarkeit von Investitionsprojekten prüfen. Bisher basierend auf der Excel-Agridea-Betvor-Version setzt der Kanton Zug nun auf KI-Software. Dadurch sollen Kreditgesuche rascher abgewickelt werden.](https://d1s50nfp3waqqv.cloudfront.net/49d60c56-7734-4bf3-87d6-51193a5d7e51/1bc73c32-63c6-445c-9e25-f5e643d793eb/2e3d7f8d-70d4-4b9b-b75d-1f58ea85ef29/thumbnails/bf56ca5a-a875-4903-b1ab-326d321cb296.png?w=1200&webp=1)
