Tamatha Frei fährt mit dem E-Roller zwischen den Besucherinnen und Besuchern des Freilichtsmuseums Ballenberg in Hofstetten (BE) zu den Kühen. Gestern hat eine Kuh gekalbt, nun kontrolliert sie, ob alles in Ordnung ist. Prompt hat sich das Kalb ein schattiges Plätzchen ausserhalb der Weide gesucht und die Kuh ist entsprechend aufgeregt. Das Problem ist rasch gelöst. Es zeigt sich, dass es genug Milch bekommen hat und die Kuh gut zu ihrem Kalb schaut.
Natürlich lockt die Situation einige Besucher an, die interessiert vom Weg aus beobachten, was da passiert. «Wir sprechen regelmässig mit Besuchenden, das ist eine gute Möglichkeit, um ihnen die Landwirtschaft näherzubringen», erzählt Marlise Rüfenacht.
«Gerade beim Füttern entstehen viele Kontakte», ergänzt Tamatha Frei. «Besonders für Kinder ist es sehr wertvoll, wenn sie kurz mithelfen dürfen.» Den Austausch mit den Besuchenden erleben die beiden Landwirtinnen meistens sehr positiv.

Familienfreundliches Teilzeitmodell
Tamatha Frei und Marlise Rüfenacht teilen sich die Leitung der Landwirtschaft – das ist gerade für Frei als Mutter ein familienfreundliches Modell. Mit der 50%-Anstellung kann sie beides unter einen Hut bringen.
Anders sieht es bei Marlise Rüfenacht aus: Sie hat ihre Ausbildung zur Landwirtin EFZ erst in diesem Frühjahr abgeschlossen. Bis anhin kannte sie die Landwirtschaft vor allem aus einer ganz anderen Perspektive: Als Notarin hat sie Landwirtschaftsbetriebe beraten und Verschreibungen gemacht. Nun betreut sie ihr Notariat noch nebenberuflich.
Die beiden Frauen sind ein gutes Team und ergänzen sich mit ihren Fähigkeiten. Auch Frei ist Landwirtin EFZ und war vor der Anstellung auf dem Ballenberg während vieler Jahre auf der Alp. Insgesamt sind sieben Mitarbeitende mit sehr unterschiedlichen Pensen im Team Landwirtschaft.

Die Landwirtschaft auf dem Ballenberg unterscheidet sich stark von einem normalen Bauernbetrieb. Speziell an ihrem Arbeitsplatz ist sicher, dass viele Arbeiten auf den frühen Morgen oder die Abendstunden verschoben werden. Der Museumsbetrieb soll nicht gestört werden. Das heisst, dass alle Arbeiten, die mit Motoren ausgeführt werden, ausserhalb der Öffnungszeiten passieren. Der Weidewechsel der Kühe und Ziegen gehört da ebenso dazu, wie der Transport von grösseren Sachen, wie beispielsweise Stroh oder Heu für die Tiere.
«Es gibt sehr vieles, das wir am Morgen früh oder am Abend erledigen», erklärt Marlise Rüfenacht. «Das ist zwar etwas kompliziert, funktioniert aber meist sehr gut.» Die Sicherheit der Besuchenden ist übergeordnet.
Kein gewöhnlicher Landwirtschaftsbetrieb
Der Museumszweck wird sehr betont: Die verschiedenen Tierrassen zeigen und eine angepasste Grünlandpflege. «Wir haben ein Landwirtschaftskonzept, an das wir uns halten müssen», führt Marlise Rüfenacht aus. «Wie wir das erreichen, wird im Team immer wieder diskutiert. Wir haben unterschiedliche Ansichten, finden uns aber immer wieder.»
Die Landwirtschaft Ballenberg ist ein reiner Grünlandbetrieb, der Acker-, Reb- und Gartenbau ist dem Gartenteam zugeordnet. Das sind sehr kleine Parzellen, auf denen verschiedene Gemüse, Kräuter, Blumen sowie Getreide- und Kartoffelsorten angebaut werden. Produzieren im Sinne von Ertrag generieren ist nicht das Ziel, es soll vielmehr möglichst viel gezeigt werden.
«Wir können mit unseren Stallungen nicht produzieren, auch wenn da Ideen erwünscht sind», erzählt Tamatha Frei. «Nur das Fleisch von den eigenen Mastschweinen wird verarbeitet und direkt vermarktet.» Auch die Eier gehen nicht in den Verkauf, weil mit dem Freilauf die Lebensmittelsicherheit nicht gewährleistet werden kann.
Im Ballenberg geht es darum, die verschiedenen Rassen zu zeigen. «Wir produzieren nur das Raufutter, das wir brauchen», sagt Frei. «Dazu kaufen wir noch Maiswürfel und natürlich Futter für die Schweine, Hühner und die anderen Kleintiere.»

Ballenberg zählt als Sömmerungsbetrieb
Der Ballenberg ist ein Sömmerungsbetrieb, das bedeutet, dass die meisten Tiere nicht dem Ballenberg gehören. Die langjährige Zusammenarbeit mit Züchtern, die ihre Tiere teils seit Jahrzehnten auf dem Ballenberg sömmern, ist ein wichtiger Teil des Museumskonzeptes.
So kann eine grosse Anzahl verschiedener Rassen gezeigt werden, um das bäuerliche Umfeld historisch aufleben zu lassen. Meist sind das an die zehn Tierarten, wobei von einer Art nach Möglichkeit verschiedene Rassen gezeigt werden.
Als Beispiel seien die Hühner genannt: 10 Rassegruppen à je sechs Hühner mit Hahn dürfen sich frei auf dem Ballenberg bewegen. Die Hühner werden im Unterschied zu den anderen Tieren von der Stiftung Ballenberg im Frühling gekauft.
Interessierte Besucherinnen und Besucher können sich eine Hühnergruppe reservieren und diese im Herbst kaufen. Dazu kommen noch die «Theatertiere», die im Landschaftstheater auftreten und während dieser Zeit auf dem Ballenberg untergebracht sind.
In diesem Jahr sind das zwei Haflingerpferde und zwei betriebseigene Ziegen. Die einzigen dauerhaften Tiere sind die beiden Ochsen, fünf Geissen und fünf Zwergziegen sowie die Gänse, die im nahegelegenen Brienzwiler BE überwintern.
Im Winter wird geholzt
Da im Winter keine Tiere auf dem Ballenberg sind, fallen weniger Stunden an und die Überstunden aus den Sommermonaten können kompensiert werden. Die Landwirtinnen und Landwirte sind mit Jahresarbeitszeit angestellt. Um während der kalten Jahreszeit die denkmalgeschützten Häuser etwas zu heizen, muss genügend Brennholz zur Verfügung stehen.
Zum Betrieb gehören viele Hecken und knapp 30 ha Wald, wo in den Wintermonaten geholzt wird. Im Team der Landwirt(innen) sind einige, die über eine handwerkliche Zweitausbildung verfügen; so können viele Reparaturen an den alten Gebäuden selbst ausgeführt werden. Auch die Maschinen werden über den Winter gewartet, damit im Frühling wieder alles bereit ist.

Das Team Landwirtschaft teilt sich die meisten Maschinen mit dem Team Unterhalt. «Das klappt meistens sehr gut», erzählt Tamatha Frei. «Es bedingt einfach gute Absprachen», fügt sie lachend hinzu.
Gegenwärtig ist beispielsweise das Güllefass täglich in Betrieb, um die Wege zu wässern und so der Staubbildung vorzubeugen. Für die Grünlandbewirtschaftung sind sie gut eingerichtet: Die Gesamtfläche vom Ballenberg macht gut 28 ha LN aus. Dazu gehört ebenfalls das Land in Brienzwiler, wo die Ochsen und Ziegen den Winter verbringen.
Nicht wie zu Grossvaters Zeiten
Bis vor ein paar Jahren wurde noch regelmässig mit den Pferden und Maultieren gearbeitet. «So wie früher» – doch diese sind unterdessen zu alt geworden. Mit über dreissig Jahren werden sie nicht mehr zum Arbeiten eingesetzt.
Auch das Freibergerpferd, das den Sommer auf dem Ballenberg verbringt, wird nicht zum Arbeiten eingesetzt, da es zurzeit ein Fohlen hat. «Um hier mit allen Besuchenden während der Öffnungszeiten mit dem Pferd zu arbeiten, braucht es ein sehr zuverlässiges Pferd, damit es nicht zu gefährlichen Situationen kommt», erklärt Marlise Rüfenacht.
Jetzt möchte man wieder ein Pferd aufbauen. «Da sind wir dran und hoffen, dass wir das wieder zeigen können.»

Ansonsten fehlt die Zeit, um nach alten Techniken zu arbeiten. «Eigentlich ist das schon erwünscht, doch für mehr als gelegentlich mal ein paar Heunetze zu füllen, reicht es momentan nicht», führt Tamatha Frei aus. Ausser dem Sense-Grundkurs, der von einem Landwirt aus dem Team angeboten wird, haben sie vom Landwirtschaftsteam mit den Ballenberg-Kursen eher wenig zu tun.

Betriebsspiegel Ballenberg
Fläche: 26 ha Wiesen und Weiden, 2 ha Garten und 30 ha Wald
Das Freilichtmuseum ist bis am 1. November täglich geöffnet

