Auf dem Hof Obere Sollegg im Appenzell hat man Weitsicht. In der Ferne sieht man den Bodensee, im Rücken hat man den Säntis. Die Braugerste wächst direkt neben der Hofstätte und unterhalb im Tal liegt die Brauerei Locher, für die sie nach der Ernte bestimmt ist.
Auch die Mutterkühe, die den Hauptzweig des Betriebes von Peter Gätzi darstellen, grasen unweit. Sie waren es, die den Anstoss gaben für den Bergackerbau, den Gätzi nun seit rund 10 Jahren betreibt. «Ich wollte als weitere Futtergrundlage für das Vieh Mais anbauen. So hat alles angefangen», erzählt der Appenzeller Landwirt.

Sein Betrieb liegt auf 1160 m ü. M. Schnee hat es zwar solide von Januar bis in den März hinein, aber massiv weniger als noch vor 10 Jahren, berichtet Gätzi. Seine Hauptkultur ist Braugerste. Von der Brauerei gefragt ist die Braugerstensorte «Quench» – eine Sommersorte, die im Frühling angebaut werden muss. Und genau darin liegt im Berggebiet die Schwierigkeit, denn das Aussaatfenster ist sehr eng. «Dieses Jahr musste ich mit dem Bagger die Schneeverwehungen wegräumen, bevor ich pflügen konnte», sagt Peter Gätzi.
«Da wächst doch ohnehin nichts»
Nur einer der Gründe, warum Ackerbau in dieser Höhenlage unüblich ist. «Da wächst doch ohnehin nichts», hätten seine Bekannten gesagt, als er seine Idee kundtat. Peter Gätzi wollte es genau wissen und begann auszuprobieren.
«Dadurch, dass ich hier aufgewachsen bin, habe ich in der Lehre bei Ackerbau-Themen nicht allzu aufmerksam aufgepasst», erzählt Gätzi und lacht. Das bereue er heute. Viel Recherche begleitete die ersten Ackerbauversuche. So kam er auch auf den Verein Alpsteinkorn, bei dem er seit 2022 Mitglied ist und mit dem er sehr eng zusammenarbeitet.
Fruchtfolgekonzepte für Bergregionen
Der Ackerbau tue seinem Betrieb gut, wie er sagt. Wenn nach den Ackerkulturen Kunstwiese als Futtergrundlage für seine Mutterkühe angesät wird, habe diese eine höhere Qualität und einen höheren Ertrag. Auch die Bodenfruchtbarkeit werde durch den Ackerbau positiv beeinflusst.
«Genau hier setzt die Idee von Alpsteinkorn an», präzisiert Mjriam Frei, Geschäftsführerin des Vereins: Die Entwicklung eines angepassten Fruchtfolgekonzeptes für die Bergregionen. «Landwirte müssen erst ab drei Hektar eine Fruchtfolge haben. Unser Ziel ist es, das Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Fruchtfolgen dem Boden auch auf kleineren Flächen zugutekommen», erklärt Frei.
Direktvermarktung bietet die höchste Wertschöpfung
Gleichwohl müssen Berggetreideprodukte auch gekauft werden. Die Bereitschaft der Konsumenten, regionale Produkte zu kaufen, sei gegeben. Vor allem bei den Mitgliedsbetrieben, die direkt vermarkten. Dort sei die Wertschöpfung am höchsten. Stehen Konsumenten vor dem überfüllten Supermarktregal, ist es schwerer, mit einem regionalen, teureren Produkt das Rennen beim Kaufentscheid zu machen, erklärt Mjriam Frei. «Mit der Alpsteinmühle, die nur regionales Getreide aus dem Alpstein mahlt, haben wir jetzt im Bereich der Vermarktung viel mehr Möglichkeiten», sagt Frei.
Im Berggebiet habe man viele kleine Parzellen an verschiedenen Standorten. Das Mehl, welches aus dem Berggetreide vermahlen wird, hat immer einen unterschiedlichen Gehalt und unterschiedliche Backeigenschaften.
Daher sei es zwar für den Detailhandel uninteressant, für die Bäckerzunft jedoch nicht. Wünschenswert wäre, dass sich noch mehr Bäckereien aus der Region am Projekt beteiligen. «Für uns ist es sehr wertvoll, wenn die Bäcker und Bäckerinnen sich melden und sagen, was sie brauchen. Von Hafer- oder Linsenbrot über Ackerbohnenmehl wäre alles aus regionalem Anbau denkbar», sagt Frei.
Die Balance zwischen erfolgreichem Anbau in den Bergregionen und den Kundenwünschen muss stets gefunden werden. Roggen wäre als robuste Kultur beispielsweise für den Anbau in höher gelegenen Regionen geeignet, der Markt dafür ist jedoch gering. Andersherum ist es mit Ur-Dinkel – grosse Nachfrage, schwierig im Anbau. Die lange Halmlänge macht die Kultur zu anfällig für den Wind. «Der liegt sofort», bestätigt Peter Gätzi.

Ein vermarktbarer Vorteil des Berggetreideanbaus ist die höhere Lichteinstrahlung in den Höhenlagen, die den Geschmack des Getreides intensiviert: Das merken nicht nur die Bäcker, sondern auch die Brauer. «Wenn es uns gelingt, in den nächsten drei Jahren Braugerste auf konstantem Qualitätsniveau abzuliefern, könnte daraus eine regionale Biersorte entstehen», erzählt Peter Gätzi. Seine Braugerstenerträge fielen in den vergangenen Jahren sehr unterschiedlich aus.
Wind belüftet das Getreide
Primär verursacht wird die Fluktuation durch Witterungsextreme wie Hagelschauer oder lange Nass- und Trockenperioden. Auch der Wind spiele eine grosse Rolle. Vorteilhaft sei, dass die Braugerste nicht so hoch wachse und somit standfester sei. Auch der Pilzbefall ist geringer, weil der Wind die Frucht trockener hält. Allerdings trägt viel Wind auch schneller Gewitter heran – ein grosses Risiko für die Ackerkulturen in der Bergregion.

Damit sich noch mehr Ackerkulturen für den Einsatz in den Höhenlagen etablieren können, werden von Alpsteinkorn in Zusammenarbeit mit mehreren Landwirten Sortenversuche durchgeführt. Auch Peter Gätzi stellt dem Verein eine Fläche zur Verfügung auf der innerhalb kleiner Parzellen zahlreiche Kulturen wie Linsen, Leindotter und mehrere Getreidesorten wachsen.
Die Beratungsfirma Rhytop GmbH in Salez, welche die Geschäftsführung des Vereins Alpsteinkorn hat, arbeitet dahingehend mit der Getreidezüchtung Peter Kunz (GZPK) zusammen. Die Landwirtschaftsämter von Appenzell Innerrhoden, Appenzell Ausserrhoden und St. Gallen, sowie die Ernst Göhner Stiftung unterstützen die Sortenversuche finanziell.
Sortenprüfung und ‑stabilisierung brauchen viel Zeit
Peter Gätzi ist gespannt: «Manche Getreidesorten haben einen zu langen Halm, nur kleine Ähren oder einen hohen Unkrautdruck. Sie eignen sich nicht für den Berganbau. Erfolgreichere Sorten werden dann im nächsten Jahr in etwas grösserem Stil angebaut. Und so tasten wir uns in Zusammenarbeit mit Alpsteinkorn und Rhytop voran.»
Das Getreide wird in seiner Entwicklung ständig bonitiert. Sobald es reif ist, wird es in Sträussen geerntet und der Züchtungsanstalt GZPK übergeben. Diese macht einen Einzelährendrusch und sät die Körner nach. Bis eine Sorte stabil sei, können 10 Jahre vergehen, erklärt Mjriam Frei. Die etablierten Sorten werden von Hand gedroschen und auf den Gehalt und den Ertrag hin analysiert.

Peter Gätzi hat grosse Freude an seinem Berggetreide und würde sich freuen, wenn sich noch mehr Landwirte und Landwirtinnen dafür begeistern könnten. «Ein Berufskollege hat mir vor einiger Zeit gesagt, dass ihn die Braugerste reizen würde. Da bin ich immer offen und freue mich. Ich habe ihm das Feld gepflügt und mit ihm den Absatz organisiert. Da wird einander geholfen und das Wissen weitergegeben», erzählt Gätzi.
Gerade um den Säntis herum, da kenne man sich. Doch wie wird es aufgenommen, wenn man Neues ausprobiert? Peter Gätzi lacht. «Zweierlei», sagt er. «Es gibt immer ein paar, die das belächeln. Wenn man aber dranbleibt und der Plan aufgeht, kommen die meisten ins Grübeln und überlegen, ob der Plan nicht doch vielleicht besser ist als anfangs gedacht.»
Maschinen und Wissen teilen
Landwirtinnen und Landwirte aus der Alpsteinregion, die am Projekt teilnehmen wollen, müssen Mitglied im Verein Alpsteinkorn sein (50 Fr.) und in der Bergzone wirtschaften. Dann können sie Versuchsflächen bereitstellen und bekommen eine Flächenentschädigung. Alpsteinkorn stellt das Saatgut zur Verfügung, und plant Fruchtfolgen und Anbau. Der Landwirt übernimmt dann die Bodenbearbeitung, Aussaat, Pflege und Ernte gemäss Anbauplan.
«Wünschenswert wäre es, wenn die Fruchtfolgen innerhalb der Region so aufeinander abgestimmt werden könnten, dass man beim Dreschen möglichst wenige Leerfahrten hat», merkt Peter Gätzi an. Denn die Mähdrescher seien hauptsächlich auf der Strasse und nicht auf den Feldern unterwegs. Wenn man dies effizienter gestalten könnte, würde man Kosten sparen und ökologischer wirtschaften, so der Landwirt. Die Förderung von Zusammenarbeit und Beratung sei ganz im Sinne des Vereins, der dahingehend regelmässig Flurgänge organisiert.
Grosses Potenzial sehen sowohl Peter Gätzi als auch Mjriam Frei in der Vernetzung unter den Landwirten und Landwirtinnen: Maschinen teilen, Wissen teilen, Erträge bündeln. Das Miteinander müsse gefördert werden, so Frei, vor allem, weil es um Nischenprodukte geht.
Mjriam Frei, Geschäftsführerin des Vereins Alpsteinkorn, erklärt im Interview unter anderem, wie der Bergackerbau in der Alpsteinregion zukünftig weiterentwickelt werden soll.
Betriebsspiegel
Betriebsleiter: Peter Gätzi
LN: 41 ha; davon 2 ha Acker, 13 ha Weide, 16 ha Naturwiese und 10 ha Wald
Betriebszweige: Braugerste und Mutterkuhhaltung

