Einst gab es im Toggenburg zahlreiche Getreidemühlen. Alleine in der Gemeinde Wildhaus-Alt St. Johann SG waren es vier. Es handelte sich dabei vor allem um kleine, einfache Anlagen für den lokalen Gebrauch.
Diese sind vor Jahrzehnten nach und nach von der Bildfläche verschwunden, als der Getreideanbau in der Gegend allmählich an Bedeutung verlor. Die vor drei Jahren gegründete Genossenschaft Alpsteinmühle engagiert sich dafür, dies zu ändern. Mit dem Bau der Mühle, die kürzlich ihre offizielle Eröffnung feierte, konnte ein Meilenstein auf dem Weg zur regionalen Getreideverarbeitung erreicht werden.
Unterstützung aus der Bevölkerung
Der Weg dahin war allerdings für alle Beteiligten mit grossem Aufwand verbunden. Die Gemeinde Nesslau stellte der Genossenschaft als Standort einen alten Stall der Bürgergemeinde zu fairen Konditionen zur Verfügung. Und nach intensiver Suche fanden sie gebrauchte Maschinen aus ganz Europa.
«Doch der praktische Aufwand und die Investitionen waren weit grösser als ursprünglich geplant», stellt Michael Lieberherr, Präsident der Genossenschaft, fest. Er hat das Vorhaben zusammen mit dem Projektteam organisiert. So galt es etwa, die einzelnen Teile zu einer zusammenhängend funktionierenden Mühlenanlage zusammenzusetzen.
«Das Schöne war, dass wir während der ganzen Zeit Zuspruch aus der Bevölkerung erhielten», erzählt der gelernte Landmaschinenmechaniker weiter.
So hätten sich nicht nur viele Interessierte zur Mitarbeit gefunden, sondern auch zahlreiche Personen, die Anteilscheine kauften. Heute zählt die Alpsteinmühle rund 130 Genossenschafter(innen) – darunter stammen viele aus dem Dorf.
16 Verarbeitungstufen für ganz weisses Mehl
Im vergangenen November – etwas weniger als ein Jahr nach Baustart – konnte die Anlage erstmals probehalber den Betrieb aufnehmen. Seit Anfang des Jahres mahlt sie offiziell Getreide zu Mehl. Per Anfang Juni hat nun zudem die Müllerin Maya Behrendt ihre Tätigkeit aufgenommen.
«Uns steht heute eine moderne Anlage zur Verfügung, die das Getreide sauber und professionell mahlen kann», stellt Vorstandsmitglied Dominik Schmid fest. Wie bei einer Grossmühle durchläuft die Verarbeitung bis zu 16 Mahl- und Sichtstufen. Dies erlaubt die Herstellung von sehr weissen Mehlen wie auch von Dunst und Griess bei hoher Ausbeute.
Dabei weist der Toggenburger besonders auf die professionelle Reinigung der Körner hin, die dem Prozess des Mahlens vorgelagert ist. Die Anlage verfügt über eine Kapazität von 800 kg Körnern pro Stunde. «Bis wir diese Menge erreichen, muss der Betrieb allerdings noch eingespielt werden», so Michael Lieberherr.
Zudem solle die Mühle bald um die Technik des Röllens, das vorerst noch an eine externe Schälmühle ausgelagert wird, erweitert werden. Bereits ist die Mühle für verschiedene Label, wie etwa «Schweizer Bergprodukte», «Aus der Region. Für die Region», «Bio» oder «Culinarium» zertifiziert.
Mehr Eigenprodukte wären wünschenswert
Die Alpsteinmühle führt heute zu rund 90 Prozent Lohnarbeiten aus. Dabei verarbeitet sie das Getreide von rund 40 Produzenten aus den Regionen Toggenburg, Appenzell und vereinzelt auch aus Graubünden.
«Wir haben zudem Anfragen aus dem St. Galler Rheintal und aus dem Zürcher Oberland erhalten», sagt Projektmitverantwortliche Lena Geiger. Auch diese seien willkommen, da die Auslastung noch lange nicht erreicht sei. Dazu kommt die Ruchmehlherstellung für das «Aus der Region. Für die Region»-Label der Migros.
Nebst Lohnaufträgen stellt die Mühle ausserdem unter dem eigenen Namen verschiedene bergzertifizierte Mehle her. «Es wäre wünschenswert, dass Eigenprodukte dereinst einen grösseren Anteil am gesamten Output ausmachen», so Michael Lieberherr.
Die Genossenschaft fokussiert sich auf Verarbeitung und Vermarktung
Beim verarbeiteten Getreide handelt es sich zu 60–70 % um Weizen, zu 20–30 % um Dinkel und bei den restlichen 10 % um weitere Getreidearten wie Hafer, Roggen oder Emmer. Michael Lieberherr, der als Zweitberuf Landwirt lernte und in Nesslau SG einen Betrieb mit Mutterkühen bewirtschaftet, betreibt seit 2014 selbst Ackerbau.
Dies habe ihn zunächst zum Verein «Alpsteinkorn» geführt, der 2021 gegründet worden war. Dieser dient vor allem dem Zweck, auf höheren Lagen Sortenversuche durchzuführen und das Netzwerk auszubauen. «Die Genossenschaft Alpsteinmühle dagegen möchte den Fokus auf die Verarbeitung und Vermarktung des Getreides legen», sagt Lieberherr.
So übernimmt sie die Verarbeitung des Getreides vom Vermahlen bis zum Abfüllen in Kilo-Packungen. Auch bietet sie den Produzenten Lagermöglichkeiten für Bigbags und Paloxen.
Hauptziel ist die regionale Wertschöpfung

«Unser Hauptziel ist die regionale Wertschöpfung», sagt Michael Lieberherr. Dabei gehe es darum, den Produzent(innen) aus der Gegend die Verarbeitung ihres Getreides anzubieten, damit sie es anschliessend selbst vermarkten können. Entscheidend sei daher, dass die Mühle Mengen bereits ab 300 kg entgegennehme.
Auf Anfrage hin akzeptiere man sogar noch kleinere Lieferungen. Er erwähnt einen Hobbybauer, der 82 kg Dinkel vorbeibrachte, was für die Mühle sehr aufwendig und für den Kunden nicht wirtschaftlich sei.
Doch dahinter steckt ein weiteres Ansinnen: «Die Bauern sollen sich getrauen, etwas auszuprobieren», sagt Lieberherr. Wichtig sei auch die Rolle der Konsumentinnen und Konsumenten: «Preislich kann Berggetreide nicht mit Billigprodukten konkurrieren», betont er. «Daher zählen wir auf die Kundschaft, die sich für ein hochwertiges, regionales Produkt entscheidet.»


