Starkes ASR-Jahr – doch Bell-Chef warnt: 70 000 Schlachtkühe fehlen jährlich

Die Schweizer Rinderzüchter blicken auf ein ertragreiches Jahr 2025 zurück – trotz angespannter Lage auf dem Milchmarkt. An der Delegiertenversammlung der Arbeitsgemeinschaft Schweizerischer Rinderzüchter (ASR) forderte Präsident Markus Gerber eine Stärkung des Rindes in der AP30+. Gleichzeitig warnte Bell-CEO Marco Tschanz vor sinkenden Rindviehbeständen und fehlenden Schlachtkühen.

2025 geht als eines der ertragreichsten Jahre in die Geschichtsbücher der Arbeitsgemeinschaft Schweizerischer Rinderzüchter ein. Das günstige Wetter sorgte für hohe Erträge und gleichzeitig für eine Misere auf dem Milchmarkt.

«Wir haben in der Schweiz eigentlich nicht zu viel Milch, aber die Verarbeitungskapazitäten wurden reduziert. Dadurch kommen vermehrt Direktimporte aus verarbeiteten Milchprodukten ins Land und verdrängen unsere Schweizer Produkte aus dem Regal», sagte Präsident Markus Gerber an der diesjährigen Delegiertenversammlung in Zollikofen BE. «Der Unterschied zum Fleischmarkt liegt vor allem am Grenzschutz.»

Er forderte, dass im Rahmen der AP30+ die Stellung des Rindes als standortangepasstes Nutztier weiter gestärkt und die Rahmenbedingungen für die Milch- und Fleischproduktion verbessert werden sollen. Es solle weiterhin mit unterschiedlichen Betriebs- und Herdengrössen und verschiedenen Rassen bewirtschaftet werden. Gerber möchte zudem die Stellung der Frau in der Landwirtschaft stärken, da sonst Nachfolgelösungen fehlen würden.

Anpassung der Verteilung der Delegiertensitze

Die Delegierten wählten zwei neue Mitglieder in die Verwaltung. Neu gewählt wurde Nicolas Jotterand, neuer Präsident von Holstein Switzerland, als Nachfolger von Hans Aebischer. Ebenfalls neu gewählt wurde Erich Walder, neuer Vizepräsident von Swissherdbook. Hintergrund dieser Wahl ist, dass ASR-Präsident Markus Gerber der Verwaltung nicht mehr als Mitglied von Swissherdbook angehört, sondern als unabhängiges Mitglied.

Michel Geinoz führt den Lagebericht aus.(Bild: Isabel Althaus)

Durch die Entwicklung der Anzahl Herdenbuchtiere in den Mitgliedorganisationen werden die 25 Delegiertensitze mit einer Statutenänderung neu verteilt. Mutterkuh Schweiz erhält neu einen Sitz mehr (3), während Braunvieh Schweiz (8) einen weniger hält.

Durch die Integration von Holstein Switzerland geht die ASR davon aus, dass in Zukunft der elektronische Begleitschein für die Milchkontrolleure wesentlich mehr genutzt wird. Aktuell würden etwa 30 % der Milchkontrolleure mit dieser Applikation arbeiten, das werde voraussichtlich in diesem Jahr noch einmal stark zulegen.

Basierend auf der Zollstatistik wurden 2025 245 Zuchttiere (Vorjahr 180) aus dem Ausland importiert, dafür wurden 639 848 Spermadosen exportiert (Vorjahr: 570 261), was zeigt, dass Schweizer Genetik auch im Ausland sehr gefragt ist.

«Wir brauchen einen möglichst hohen Inlandanteil»

Marco Tschanz, CEO der Bell Group, erläuterte in seinem Gastreferat die wirtschaftliche Situation, in der sich die Rinderzüchter befinden. Einerseits gehe man davon aus, dass der Fleischkonsum pro Kopf weiter sinken werde, auf der anderen Seite werde der sinkende Pro-Kopf-Konsum mit dem Bevölkerungswachstum wettgemacht. Gerade die Schwellenländer würden den Fleischkonsum wieder ansteigen lassen.

Die Rindviehbestände gehen auf der ganzen Welt zurück, auch in der Schweiz hätten wir aktuell einen Tiefbestand, so Tschanz. Um die wachsende Nachfrage zu bedienen, seien die Fleischproduzenten gefragt, weiter zuzulegen. Auch sei das Verhältnis von Milch zu Fleisch aus den Fugen geraten: Es wird mit weniger Kühen mehr Milch produziert. Tschanz propagierte den Einsatz von Zweinutzungskühen, um auf dem Markt auch genügend Kühe für die Fleischverwertung zu haben.

Aktuell würden rund 70 000 Schlachtkühe pro Jahr auf dem Markt fehlen. Da die Schlachtviehproduktion weltweit rückläufig sei und die Inlandproduktion stagniere, «brauchen wir einen möglichst hohen Inlandanteil», so Marco Tschanz. Gegenwärtig werden in Oensingen SO ca. 3800 Rinder pro Woche geschlachtet, es bestehe die Kapazität zur Steigerung auf bis zu 5000 Rinder pro Woche.