Der 2021 gegründete Verein «Alpsteinkorn» will Qualität und Quantität des Berggetreideanbaus in der Ostschweizer Region Alpstein verbessern. Alpsteinkorn untersteht dem Beratungsunternehmen Rytop GmbH.
Neben der Planung und Durchführung von Sortenversuchen erarbeitet Mjriam Frei als Geschäftsführerin des Vereins auch Anbaupläne mit interessierten Landwirten und Landwirtinnen, die den Berggetreideanbau als weiteres betriebliches Standbein etablieren wollen.
Getreideanbau in der Bergregion gilt als anspruchsvoll. Welche Herausforderungen beschäftigen die Produzentinnen und Produzenten rund um den Alpstein am meisten?
Die grössten Herausforderungen im Berggetreideanbau sind die Wetterbedingungen und standortangepasste Sorten (siehe Seite --). Ebenso entscheidend sind wirtschaftliche Faktoren. Die Vermarktung und kostendeckende Produzentenpreise bleiben zentrale Themen. Gleichzeitig braucht es passende Maschinen und eine geeignete Infrastruktur für die Bewirtschaftung in Hanglagen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Fruchtfolge.
Der Getreideanbau trägt zu einer vielfältigeren Fruchtfolge bei und hilft, die Bodenfruchtbarkeit langfristig zu erhalten. Vor diesem Hintergrund experimentieren wir mit dem Anbau von Leguminosen und Ölfrüchten wie Linsen und Leindotter in Höhenlagen. Herausforderungen bestehen zudem bei Krankheiten wie Schneeschimmel. Dieser tritt vor allem bei feuchten Bedingungen, Temperaturen zwischen 0 und 16 °C sowie lang anhaltender Schneebedeckung auf. Auch die Düngung spielt eine Rolle: Hohe Stickstoffgaben im Herbst und eine ungenügende Kaliumversorgung können den Befall zusätzlich fördern.

Der Verein führt Versuche mit verschiedenen Getreidesorten durch. Welche Erkenntnisse haben Sie bisher gewonnen?
Die Braugerste «Quench» hat sich als robuste und einfach anzubauende Kultur erwiesen. Die Herausforderung liegt jedoch weniger im Anbau als vielmehr bei der Vermarktung und der begrenzten Nachfrage. Zudem ist sie eine Sommerkultur, was den Anbau in Höhenlagen erschweren kann. Momentan testen wir daher auch Winterbraugersten.
Hafer zeigt ebenfalls grosses Potenzial. Er eignet sich gut für höhere Lagen und wirkt sich positiv auf die Fruchtfolge aus, da er als Gesundungsfrucht den Boden entlastet. Allerdings ist auch hier die Vermarktung derzeit noch begrenzt. Beim Roggen haben wir das gleiche Problem. Die Konsumenten essen gerne Dinkel, bei dem sich die Sorte «Gletscher» bewährt hat. Hier sind bald Sortenprüfungen geplant. Vor allem die Etablierung von dem gefragten Ur-Dinkel wird heikel, denn dieser ist anspruchsvoll im Anbau.
Beim Weizen haben sich insbesondere die Sorten «Bodeli», «Rübezahl», «Hanswin» und «Montalbano» bewährt. Leider wird «Hanswin» ab 2028 nicht mehr auf der Sortenliste geführt, weshalb wir bereits nach geeigneten Alternativen suchen. Wichtige Parameter sind hier Sortenwahl, Bestockung und Standfestigkeit.

Regionalität ist für viele Konsumentinnen und Konsumenten ein wichtiges Kaufargument. Spüren Sie, dass diese Nachfrage den Berggetreideanbau tatsächlich wirtschaftlich stärkt, oder braucht es dafür noch mehr?
Ich denke, hier braucht es weiterhin viel Aufklärungs- und Medienarbeit. Für Konsumentinnen und Konsumenten ist es heute nicht immer einfach, speziell bei den Grossverteilern, wirklich regionale Produkte zu erkennen. Die Deklarationen sind teilweise unübersichtlich und können verwirrend sein.
Zudem ist der Markt momentan sehr preissensibel. Viele Detailhändler verkleinern ihre Produktsortimente, was den Druck auf die Produzenten zusätzlich erhöht. Der Landwirt erzielt die höchste Wertschöpfung nach wie vor über die Direktvermarktung ab Hof oder über kleinere Fachgeschäfte.
Sehr wichtig sind für uns auch die regionalen Bäckereien wie Thurbeck, das Toggenburger Brothandwerk, die Konditorei Ziehler oder die Bäckerei Böhli. Sie ermöglichen eine faire Wertschöpfung und tragen wesentlich zur regionalen Vermarktung bei. Wir würden uns wünschen, dass sich künftig noch mehr lokale Bäckereien diesem Netzwerk anschliessen.
Die Zusammenarbeit mit regionalen Bäckereien ist ein wichtiger Bestandteil des Vereins. Was erwarten die Verarbeitungsbetriebe von den Produzenten – und wie profitieren beide Seiten von dieser Partnerschaft?
Genau diese Zusammenarbeit ist das Herzstück von Alpsteinkorn. Unser Ziel ist es, Produzenten, Mühlen und Bäckereien miteinander zu vernetzen und die gesamte Wertschöpfungskette in der Region zu stärken.
Für den Landwirt steht verständlicherweise ein guter Ertrag im Vordergrund. Gleichzeitig müssen aber auch die Qualitätsanforderungen der Bäckereien erfüllt werden. Entscheidend sind ein ausreichender Proteingehalt, ein ausgewogener Klebergehalt und eine passende Fallzahl, damit das Mehl gute Backeigenschaften aufweist.
Für die Bäckereien ist dies ebenfalls anspruchsvoll, da sich das Mehl je nach Witterung und Erntejahr unterschiedlich verhält. Ein grosser Fortschritt ist deshalb die neue Alpsteinmühle, die seit dem vergangenen Jahr in Betrieb ist und die regionale Verarbeitung wesentlich stärkt.
In vielen Berggebieten dominiert die Viehwirtschaft. Weshalb lohnt es sich aus Ihrer Sicht, Getreide auch in höheren Lagen anzubauen?
Der Getreideanbau bietet den Betrieben ein zusätzliches wirtschaftliches Standbein. Gerade weil Milch- und Fleischpreise schwanken, kann der Ackerbau zur besseren Risikoverteilung beitragen.
Zudem macht er den Betrieb vielfältiger und verbessert durch abwechslungsreiche Fruchtfolgen die Bodenfruchtbarkeit. Gleichzeitig produzieren wir Lebensmittel direkt für die menschliche Ernährung und leisten damit einen Beitrag zur Versorgungssicherheit.
Auch die klimatischen Bedingungen können für uns ein Vorteil sein. Während in tieferen Lagen Trockenheit zunehmend zum Problem wird, verfügen wir in höheren Lagen häufig noch über ausreichende Wasserreserven.

Wo soll der Verein Alpsteinkorn in fünf bis zehn Jahren stehen? Was wäre für Sie ein Erfolg – sowohl für den Verein als auch für den Berggetreideanbau in der Region?
Für mich wäre es ein grosser Erfolg, wenn sich Alpsteinkorn in den nächsten fünf bis zehn Jahren als kompetente Anlauf- und Vernetzungsstelle für den Berggetreideanbau etabliert. Der Verein soll fundiertes Fachwissen vermitteln, Sortenempfehlungen geben und die Produzentinnen und Produzenten beim erfolgreichen Anbau begleiten.
Ein wichtiges Ziel ist auch, das Bewusstsein der Landwirtinnen und Landwirte für eine nachhaltige Landwirtschaft zu stärken. Der Berggetreideanbau kann einen wertvollen Beitrag zu vielfältigen Fruchtfolgen leisten und dazu beitragen, unseren Böden langfristig Sorge zu tragen.
Ebenso wichtig ist der Aufbau eines stabilen Netzwerks – für den Wissensaustausch, die gemeinsame Nutzung von Maschinen und den Ausbau der notwendigen Infrastruktur. Interessierte Landwirtinnen und Landwirte sollen bei Alpsteinkorn unkompliziert Unterstützung und Kontakte finden.
Ein weiterer Meilenstein wäre, den Absatz weiter auszubauen: mit einer verlässlichen Abnahmegarantie zu fairen Preisen und einer Wertschöpfung, die den Berggetreideanbau langfristig attraktiv macht.
Gleichzeitig möchten wir das Bewusstsein bei Konsumentinnen und Konsumenten sowie bei den Grossverteilern stärken. Regionalität, kurze Wertschöpfungsketten und die Bedeutung einer höheren Selbstversorgung der Schweiz sollen noch stärker wahrgenommen und geschätzt werden. Wenn dadurch der Berggetreideanbau in unserer Region nachhaltig wächst und wirtschaftlich erfolgreich ist, hat Alpsteinkorn sein Ziel erreicht.
Geschichte des Getreideanbaus in Höhenlagen
Getreideanbau war vom 14. bis ins 17. Jahrhundert im Obertoggenburg weitverbreitet. Um sich ernähren zu können, baute man damals auch in Höhenlagen über 1000 m Getreide an. In dieser Zeit gab es vier Mühlen im Gebiet der heutigen Gemeinde Wildhaus-Alt St. Johann. Die kleine Eiszeit, die zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert herrschte, liess den Getreideanbau nach und nach verschwinden. Erst während des Zweiten Weltkrieges wurde der Anbau aus der Not heraus wieder aufgenommen. Heute hat sich das Klima zugunsten der Ackerbergbauern entwickelt. Ebenso steigt der Trend zu regionalen Lebensmitteln. Daher setzen auch gewerbliche lebensmittelverarbeitende Betriebe wie Bäckereien vermehrt auf die Verarbeitung von einheimischen Rohstoffen hoher Qualität und gesicherter Herkunft. In der Region Toggenburg werden nun mittlerweile schon auf 20 ha Getreide angebaut. Biobauer und Vorreiter Jakob Knaus startete damit im Jahre 1996 und konnte in der Zwischenzeit weitere Landwirte überzeugen, sich wieder dem Berggetreideanbau zu widmen. Quelle: Alpsteinkorn

