Nach diesem Sommer hat eine Raupenplage gerade noch gefehlt, die das spärliche Herbstfutter vertilgt. Damit ist man in der Ostschweiz gerade konfrontiert. Nach dem Sarganserland im Kanton St. Gallen ist auch Graubünden betroffen. Zu beachten ist, dass es sich bei diesen Eulenraupen um die Larven der einheimischen Einpunkt-Graseule handelt. «Das ist eine subtropische, mediterrane Wanderart, die seit rund 50 Jahren regelmässig in der Schweiz beobachtet wird», erklärt Agroscope auf Anfrage. Normalerweise könne das Insekt nördlich der Alpen nicht überwintern. Der Spuk dürfte also spätestens mit dem Wintereinbruch enden.
Mediterrane Arten profitieren, das ist bereits sichtbar
Was zur grausigen Raupeninvasion mit tausenden Larven auf Wiesen, an Hauswänden und in Gärten geführt hat, ist ein natürlicher Migrationsflug. Aber sein lokales Ausmass ist schwierig zu erklären: «Dessen Ausmass schwankt und hängt von zahlreichen biotischen und abiotischen Faktoren entlang des Migrationsgebiets ab», so Agroscope.
Nun kommt der Klimawandel als ein solcher abiotischer Faktor zahlreichen Insekten entgegen, die sich ausbreiten und zunehmend Schäden verursachen. Zwar sind Beispiele wie der Japankäfer, die Marmorierte Baumwanze oder die Kirschessigfliege nicht direkt mit der Einpunkt-Eulenraupe zu vergleichen, da dies eingeschleppte invasive Arten sind. Trotzdem: «Tatsächlich dürften subtropische bzw. mediterrane Arten durch den Klimawandel begünstigt werden», heisst es bei Agroscope. Dafür gebe es einige Beispiele, etwa den Rübenrüssler, der aus dem Mittelmeerraum stammt.
Ein Zusammenspiel vieler Faktoren macht Prognosen schwierig
Die Forschenden geben allerdings zu bedenken, dass für die massive Ausbreitung einer Art zahlreiche biotische und abiotische Faktoren zusammenspielen. «Je nach Ort sind sie unterschiedlich und haben einen starken Einfluss», so die Fachleute. Das sei der Grund, weshalb wandernde Arten nicht jedes Jahr in grosser Zahl auftreten und nur selten Schäden verursachten – z. B. die Einpunkt-Graseule oder auch die Ypsilon-Eule. Letztere hat vergangenes Jahr grossflächig Maispflanzen gefällt, heuer aber praktisch keinen Schaden angerichtet.
Welche Insektenarten besonders profitieren könnten und welche Kulturen entsprechend zunehmend gefährdet sind, lasse sich aus diesen Gründen nur schwerlich beantworten. Zumal viele wandernde Eulenraupen zahlreiche verschiedene Pflanzen auf ihren Speiseplan setzen. Es gibt aber auch vollständig einheimische Arten, die plötzlich zum Problem werden – etwa die Schilf-Glasflügelzikade als Krankheitsüberträger in Zuckerrüben und Kartoffeln.
Angesichts der Unsicherheiten und der potenziell beachtlichen Schäden ist die Frage umso drängender, wie die Schweiz für die Zukunft gerüstet ist.


Forscher und Kantone überwachen die Schädlinge
Agroscope überwacht sowohl einheimische als auch wandernde Schädlinge in Raps, Rüben, Gemüse, Wein, Obst und Mais. Ausserdem ist die Forschungsanstalt an verschiedenen Überwachungsnetzwerken beteiligt oder organisiert sie. Für die Überwachung von Quarantäneorganismen – dazu zählen z. B. Japankäfer oder Feuerbrand – sind hingegen die Kantone zuständig. «Wir reagieren auch auf besondere Probleme in bestimmten Jahren, die uns von den Kantonen gemeldet werden», ergänzt Agroscope-Forscher Stève Breitenmoser. So befassten sich die Forschenden etwa mit den Hintergründen der Schäden durch die Ypsilon-Eule 2025.
Die Überwachung stellt sicher, dass im Ernstfall reagiert werden kann – zumindest theoretisch. Denn in der Praxis erweist sich die Bekämpfung von Schädlingen als immer schwieriger. Trotz strikter Massnahmen zur Eindämmung und Sensibilisierung der Bevölkerung sind heuer etwa neue Populationen des Japankäfers aufgetaucht. Und der Eulenraupe, die gerade das Herbstfutter in Teilen St. Gallens und Graubündens vernichtet, ist schwer beizukommen. Mittel auf Basis von Bacillus thuringiensis sind zwar in verschiedenen Kulturen gegen bestimmte Eulenraupen zugelassen, wirken aber vor allem gegen junge Exemplare.
Bereits wirksame Instrumente – aber auch Lücken
Zusammen mit Wetterextremen und Krankheiten kann sich Schädlingsbefall im Zuge des Klimawandels zu einem perfekten Sturm zusammenbrauen. Als Antwort auf ein Postulat von Simone de Montmollin (FDP, GE) hat der Bundesrat eine vertiefte Analyse dazu durchgeführt, wie die Folgen des Klimawandels für die landwirtschaftliche Produktion wirksam abgeschwächt werden könnten. Er kommt zu dem Schluss, dass es etwa mit ertragsunabhängigen Direktzahlungen, Unterstützungen für Wiederinstandstellungen, sozialen Begleitmassnahmen und Prämienverbilligungen in diese Richtung bereits wirksame Instrumente gebe. Einige Risiken könnten durch private Versicherer bereits gut abgesichert werden, andere seien auch in Zukunft nur schwer versicherbar. «Dies verdeutlicht die Notwendigkeit, differenzierte Lösungen zu entwickeln – beispielsweise durch anreizorientierte Prämienmodelle», so die Schlussfolgerung.
Ertragseinbussen durch Schadorganismen, invasive Arten und klimasensitive (Vektor)Krankheiten gelten gemäss Analyse als «vermehrt auftretende Herausforderung». Man identifiziert als Schwierigkeiten und Lücken den steigenden Krankheitsdruck, die Abnahme an zugelassenen und wirksamen Insektiziden, den regional sehr unterschiedlich ausgeprägten Druck, das steigende Risiko als Folge der Spezialisierung der Betriebe und die Kombination von ökonomischem Druck und steigender Unvorhersehbarkeit. Gleichzeitig verschärft sich der Zielkonflikt zwischen Schutz und Förderung der Biodiversität und dem Einsatz von Insektiziden zum Schutz der Kulturen.
Zuerst Eigenverantwortung und Eigeninitiative, bevor der Staat hilft
Die möglichen Massnahmen aus der Antwort auf das Postulat Montmollin setzen auf verschiedenen Ebenen an:
Betrieblich: Diversifikation, Fruchtfolgen mit längeren Anbaupausen, Mischkulturen, Förderung und Anlockung von Nützlingen, Wahl anderer, weniger anfälliger Kulturen, Anbau von resistenten oder robusten Sorten.
Wissensbasiert: Verbessertes Monitoring und Prognosen, Züchtung, Selektion und Vermehrung resistenter Sorten, frühzeitige, sachliche Information und Sensibilisierung der beteiligten Akteure, verstärkte Forschung zu Auswirkungen des Klimawandels auf Schädlinge und Nützlinge der Landwirtschaft.
Agrarpolitisch: Prüfung von Möglichkeiten zur finanziellen Unterstützung einer Ernteversicherung betreffend Schädlinge und Krankheiten, gesetzliche Grundlagen für Bekämpfungspflicht invasiver Arten durch Grundeigentümer.
Vor einer staatlichen Unterstützung sei in erster Linie die Eigenverantwortung und Eigeninitiative der Branche gefordert. Zentral bleibe die Rolle der Landwirtschaftsbetriebe selbst, wobei mit der Grösse und Systemrelevanz der Risiken der Koordinations- und Unterstützungsbedarf durch weitere Akteure steige. Damit gemeint sind Versicherungen, Verbände, Kantone und der Bund. Aber erst wenn keine differenzierten Branchenlösungen möglich sind, stelle sich die Frage nach der Notwendigkeit einer finanziellen staatlichen Intervention – die immer risikospezifisch zu bewerten sei.
Integrierter Pflanzenschutz und Massnahmen in der AP 30+
Im Klartext sieht der Bundesrat primär die Branchenakteure – also auch die Landwirt(innen) – selbst in der Pflicht. Agroscope findet es auf Anfrage schwierig, eine allgemeine Empfehlung dazu abzugeben, wie sich die Betriebe gegen das massenhafte Auftreten von Schädlingen rüsten könnten. Denn es sei, wie erwähnt, schwierig, Befall zu prognostizieren. «In jedem Fall ermöglicht die Anwendung der Massnahmen des integrierten Pflanzenschutzes eine bestmögliche Bewältigung der Herausforderungen von Schadorganismen in der Landwirtschaft», fasst Stève Breitenmoser zusammen.
Die Analyse zum Postulat Montmollin ist in die Vorlage zur AP 30+ eingeflossen. In der Agrarreform sind entsprechend eine Unterstützung für Klimaberatungen, Aufbau und Betrieb einer Überwachungsplattform im Pflanzenschutz, Informationskampagnen zu Schadorganismen und Abfindungen für Schäden als Folge behördlicher Massnahmen gegen Schädlinge oder Krankheiten vorgesehen.

