Abo Reaktionen aus der Ostschweiz Schweizer Bauern solidarisieren sich mit deutschen Berufskollegen Donnerstag, 11. Januar 2024 Die Bauernproteste in Deutschland sind allgegenwärtig und beschäftigen auch hierzulande. Werner Locher ist Präsident der Genossenschaft «di fair Milch Säuliamt». Wir haben mit ihm über die aktuellen Proteste in Deutschland und die Bauerndemos in der Schweiz gesprochen.

Herr Locher, Sie waren federführend beim Milchstreik 2008. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Bilder der  Bauernproteste in Deutschland sehen?

Werner Locher: Was mich am meisten beeindruckt – dazumal wie heute –, ist der Ausdruck in den Gesichtern der Bäuerinnen und Bauern. Sie strahlen eine enorme Bereitschaft und Hoffnung aus, dass sie etwas verändern können.

Lässt sich die Situation in Deutschland mit jener in der Schweiz vergleichen?

Ja und nein. Ja, weil die Ursache beide Male eine jahrelang aufgestaute Wut war bzw. ist. Der Hintergrund ist aber schon ein anderer. Beim Milchstreik ging die Initiative für die Kampfmassnahmen von den bäuerlichen Basisorganisationen BIG-M, Uniterre und Bäuerliches Zentrum Schweiz aus. Wir starteten punktuell mit den Milchstreiks. In Deutschland ist der Bauernverband federführend und sorgte dafür, dass die Proteste im ganzen Land gleichzeitig losgingen.

2015 demonstrierten in der Schweiz über 10'000 Bäuerinnen und Bauern gegen die Sparpläne des Bundes. Waren Sie auch dabei?

Selbstverständlich habe ich daran teilgenommen (lacht).

Sehen Sie Parallelen zwischen der damaligen Demo in Bern und den jetzigen in Deutschland?

Parallelen gibt es, und zwar im negativen Sinn. Der Schweizer Bauernverband hat es damals ebenso unterlassen wie der Deutsche Bauernverband heute, die notwendigste Forderung aufs Tapet zu bringen.

Und die wäre?

Die Forderung nach einer System änderung bei der Preisfestsetzung. Wenn wir ein System hätten, das uns kostendeckende Preise generiert, bräuchte es keine Demos.

«Wir kommen nur aus diesem Dilemma, wenn  Mindereinnahmen wegen neuen Auflagen oder Budgetkürzungen kompensiert werden können.»

 Werner Locher sieht die Bauernverbände in der Pflicht

Können solche Bauernaufstände etwas verändern?

Es wird sich sicher etwas ändern, hoffentlich! Letztmals demonstrierten die deutschen Bauern 2019 in Berlin. Daraufhin gab es den grossen Agrardialog und als Resultat unter anderem  die Forderung, dass die Position der Bauern am Markt verbessert werden muss, damit sie auf Augenhöhe verhandeln können. Die Vorschläge wurden nur zögerlich angegangen und unter der aktuellen Regierung auf die lange Bank geschoben. Es wäre also alles vorhanden, nur an der Umsetzung scheitert es.

«Der Milchstreik 2008 hat die Branche sensibilisiert.»

Werner Locher ist überzeugt, dass Bauernaufstände immer zu einer Veränderung führen

Abo Die deutschen Landwirte sind sauer. Die Sparpläne der Bundesregierung treffen sie alle. Proteste Nächste Woche beginnt der grosse deutsche Bauernprotest Freitag, 5. Januar 2024 Wir haben erreicht, dass die Segmentierung eingeführt wurde, welche im geschützten und gestützten Segment einen besseren Milchpreis ermöglicht. Meiner Meinung nach haben wir bei der Umsetzung noch Luft nach oben. Ich persönlich hätte mir gerne auch eine Regelung beim Mengenmanagement gewünscht. Das haben wir leider nicht erreicht.