Es ist nicht das erste Mal in der Geschichte des ehemaligen Eidgenössischen Hengsten- und Fohlendepots und heutigen Schweizer Nationalgestüts (SNG), dass sich dieses von Abbaumassnahmen, ja sogar von einer kompletten Aufhebung bedroht sieht. Anfang der 2010er Jahre konnte sich das 1898 gegründete Zentrum der Schweizer Pferdezucht durch eine Verschmelzung mit Agroscope vor einer Schliessung retten. Bedingung war damals, sich neu auf die Forschung auszurichten. Es entbehrt einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet diese Pferdeforschung, die zum jetzigen Zeitpunkt zur Blüte kam und internationales Renommee geniesst, eliminiert wird.
Der Bundesverordnung zuwider
Die Medienstelle von Agroscope bestätigt, dass per Mai 2027 drei Stellen im Bereich Pferdeforschung vom Abbau betroffen sind. Spätestens mit dem Abschluss des laufenden Arbeitsprogrammes, also im Jahr 2029, ist es vorgesehen, die Forschung durch Agroscope im Bereich Equiden vollständig aufzugeben.
Damit handelt der Bund entgegen seinen eigenen Vorgaben. Im Artikel 66 der erst kürzlich revidierten Tierzuchtverordnung wird in den vom Bund definierten Aufgaben des SNG unter Punkt «b» explizit die angewandte Forschung in den Bereichen Zucht, Haltung und Nutzung der Equiden aufgeführt. Christian Hofer, Direktor des BLW, sieht den gesetzlichen Auftrag trotz der reduzierten Personalressourcen und einer Reduktion des Forschungsoutputs aktuell nicht in Gefahr. Ab 2029 werden dann aber wohl definitiv Anpassungen am noch immer auf der Agroscope-Webseite angepriesenen Forschungs-Hauptzweck des Gestüts notwendig. Denn zu viel mehr als Umfragen werden den verbleibenden Mitarbeiterinnen im Bereich Beratung und Wissensvermittlung die Kapazitäten fehlen.
War die Forschung zu tierschutzrelevant?
Der Verwaltung schien der motivierte Auftritt der Pferdeforschungsgruppe nicht willkommen. «Wohl waren der Agroscope-Leitung einige unserer Forschungsfragen zu tierschutzrelevant und daher zu brisant», vermutet Iris Bachmann. Die promovierte Zoologin war über 20 Jahre lang in verschiedenen Funktionen am Gestüt tätig, zuletzt und bis Ende 2024 als Forschungsgruppenleiterin. Jedenfalls hätten sie und ihre Mitarbeitenden die Anweisung bekommen, sich aus politisch heiklen Themen zurückzuhalten. «Unser Team wurde zunehmend ausgebremst und es herrschte eine toxische Stimmung, was einerseits Frustration bei den Mitarbeitenden auslöste und andererseits dafür sorgte, dass das Gestüt in der Praxis an Relevanz verlor, ja sogar bedeutungslos wurde», erklärt Iris Bachmann. Diese Zurückdrängung kann als Schritt dazu gesehen werden, die Forschung zu Pferdethemen in Avenches abzusägen, aber auch als Grund, weshalb der Abbau in diesem Bereich in der Branche kaum Beachtung zu finden scheint, vermutet die ehemalige Forschungsverantwortliche des Gestüts.
«In vielen Bereichen, in denen Agroscope forscht, sind auch andere Akteure, wie beispielsweise die ETH Zürich, tätig», weiss Bachmann. Die unabhängige Forschung zu Haltungs-, Umwelt- oder Pferdewohlaspekten mit dieser tollen Infrastruktur sei ein «Unique Selling Point» von Agroscope. Umso unverständlicher ist es für die Zoologin, dass ausgerechnet dieser fallen gelassen wird.

Direkte Konsequenzen?
Doch wie wichtig waren diese Forschungsbemühungen etwa im Bereich der Pferdefütterung, Genetik oder Raumplanung für die Praxis? «Für die Entwicklung und Qualität der Freibergerrasse brachte die Forschung des Gestüts Vorteile. Dank der gewonnenen Erkenntnisse konnten Selektionskriterien verfeinert und gesundheitliche Probleme ausgemerzt werden», sagt Pauline Queloz. Sie leitet die Geschäftsstelle des Schweizerischen Freibergerverbandes (SFV).
Dass die Forschung am Gestüt eingestellt wird, habe aber keine direkten und sofortigen Konsequenzen auf die Rasse sowie die Züchter, resümiert die Jurassierin. «Die Züchter würden wohl sagen, dass für sie diese Forschungsprojekte etwas zu theoretisch waren», gibt Queloz zu bedenken. Vom Gestüt habe sie ausserdem die Zusicherung erhalten, dass der SFV weiterhin bei eigenen Forschungsprojekten auf Unterstützung aus dem Gestüt zählen dürfe.
Finanzielle Ressourcen fehlen
Anja Lüth, die Geschäftsführerin des Zuchtverbandes CH-Sportpferde (ZVCH), sieht in der langfristigen Elimination der Forschungsgruppe einen Verlust für die Schweizer Pferdebranche. «Nur mit fundierten Erkenntnissen, die in den speziellen Rahmenbedingungen der Schweiz erarbeitet wurden, kann sich die Schweizer Pferdebranche für die künftigen Aufgaben wappnen», ist sie der Meinung.
Die Schlussfolgerung, dass die Pferdebranche kein Bedürfnis nach auf die hiesigen Bedingungen und Rassen zugeschnittener Forschung habe, sei nicht korrekt, lässt die Medienstelle von Agroscope ausrichten. Es bestünden aber schlichtweg nicht mehr die finanziellen Ressourcen, um diesen Bereich weiterzuführen. Ausserdem sei es aktuell weiterhin möglich, in Avenches Projekte in der Equidenforschung durchzuführen, wenn sie über Fremdmittel finanziert werden. Iris Bachmann weiss jedoch aus Erfahrung, dass Forschung zu machen, ohne eine Institution wie eine Universität oder Forschungsanstalt im Rücken zu haben, nicht realistisch ist.
Vorboten für Gestütsschliessung?
Eher als realistisch muss wohl die Abschaffung des SNG angesehen werden. In der Bundesrepublik Deutschland wurden seit der Jahrtausendwende mehrere Traditionsgestüte, wie etwa das Haupt- und Landgestüt Dillenburg, geschlossen. Ähnlich sieht es bei unseren französischen Nachbarn aus. 2005 musste das Haras national de Stasbourg seine Tore schliessen, 2017 wurde das Haras national de Rodez aufgegeben und 2019 ereilte das Haras national de Saintes dasselbe Schicksal.
Muss der Stellenabbau in der Pferdeforschung als Vorbote dafür gesehen werden, dass auch das SNG bald aufgegeben wird? Während die Medienstellen von Agroscope und BLW beide klar verneinen und beteuern, dass die Aufgabe des SNG zum Erhalt der Freibergerrasse sowie die Beratung der Praxis und der Wissensaustausch unverändert bestehen bleiben, sieht Iris Bachmann einen anderen Wind wehen: «Hinter diesem schrittweisen Abbau könnte durchaus eine Strategie stehen.»
Der Moment für eine Veränderung wäre nach dem Tod von Jean-Pierre Kratzer, dem Gründer und Geschäftsführer des Institut Equestre National Avenches (IENA) optimal. Bachmann findet es naheliegend, dass sich der Bund langfristig aus dem Gestüt zurückzieht und beide Pferdezentren in einem privatwirtschaftlichen «Pôle Equestre» (wieder)vereint werden.
Auch der Nationalrat Olivier Feller sieht die Gefahr der Gestütsschliessung als bedrohliche Wolke am Himmel hängen. Am 16. Juni deponierte der FDP-Politiker beim Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) die Anfrage, ob das Schweizer Nationalgestüt weiterhin über die notwendigen Mittel verfügen wird, um seine Aufgaben zu erfüllen.
Verdrängung aus der Landwirtschaft?
Leider kann sich an diesem Abbau nicht nur eine Gestütsschliessung erahnen lassen. Es zeige sich auch einmal mehr, dass das Pferd in der Schweiz aus dem landwirtschaftlichen Sektor verdrängt werde – dieses Mal aus der landwirtschaftlichen Forschung, gibt Anja Lüth zu bedenken.
Dieser Feststellung widerspricht Christian Hofer. «Pferde leisten nach wie vor wichtige Beiträge zur Schaffung von Wertschöpfung auf Landwirtschaftsbetrieben und im ländlichen Raum sowie zur Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen und zur Pflege der Kulturlandschaft», anerkennt der Direktor des BLW. Die aktuellen finanziellen Unterstützungen der Pferde auf Basis der Landwirtschaftsgesetzgebung würden zeigen, dass der Bund ihre Bedeutung sieht. Was er jedoch nicht anspricht, ist, dass auch diese Beiträge mit der Revision der Tierzuchtverordnung massiv abgebaut wurden. Die Beiträge für die Sportpferdezucht werden ganz eingestellt und die Freiberger müssen starke Kürzungen der Bundessubventionen verkraften. So felsenfest scheinen die Pferde also tatsächlich nicht mehr im landwirtschaftlichen Umfeld verankert.
Natürlich gibt es für die Landwirtschaft aktuell drängendere Probleme als einen Abbau am Gestüt, anerkennt Iris Bachmann, mahnt aber gleichzeitig: «Die Einstellung der Pferdeforschung darf nicht ohne Beachtung bleiben, weil sie für die Branche und die Freibergerrasse vielleicht nicht sofortige, dafür aber langfristige Auswirkungen haben wird.»
Kommentar von Muriel Willi: Ironie des Schicksals
Es wirkt sarkastisch, dass dem Stellenabbau von Agroscope ausgerechnet die Pferdeforschung zum Opfer fällt und Insider darin eine Strategie für eine Gestütsschliessung auf lange Sicht sehen. Denn als im Rahmen des Entlastungsprogramms 2011/2012 der Bundesrat das Gestüt abschaffen wollte, schien die einzige Rettungsmöglichkeit in einem Zusammenschluss mit der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope zu bestehen.
Wie der Name besagt, muss als Teil einer Forschungsanstalt aktiv Forschung betrieben werden. Für die Mitarbeitenden in Avenches eine vollkommene Neuausrichtung. Die Herausforderung wurde angenommen: Das Team des Gestüts machte sich mit grosser Motivation daran, eine Pferdeforschungsgruppe auf die Beine zu stellen. Spitzenforschende aus dem In- und Ausland wurden angeworben, anspruchsvolle Studien umgesetzt, und just zum jetzigen Zeitpunkt hatte sich das SNG dank der ausgezeichneten Infrastruktur, der guten finanziellen Möglichkeiten und seiner Unabhängigkeit und damit gegebenen Objektivität zu einer Topadresse der Equidenforschung auf dem internationalen Parkett etabliert.
Und nun soll dieser Bereich fallen gelassen werden, um den Schliessungsgerüchten mal wieder neuen Schub zu verleihen. Denn was bitte soll ein Kompetenzzentrum für Equiden, eines, dessen Hauptaufträge laut Tierzuchtverordnung in der Forschung bestehen, ohne genau diese, für eine Daseinsberechtigung haben?
Natürlich bestehen in der Landwirtschaft zurzeit drängendere Probleme und unter dem Abbau bei Agroscope leiden auch viele andere Forschungsbereiche. Die Schweizer Pferdezucht wird ohne das Forschungsteam in Avenches auch nicht sofort zugrunde gehen und die Freibergerrasse nicht aussterben, darüber sind wir uns einig.
Doch beim Blick aufs grosse Ganze muss sich wohl auch der Freibergerzüchter, der die Forschung in Avenches als etwas gar theoretisch und abgehoben empfand, eingestehen, dass, wenn sich niemand mehr um die Genetik der Rasse sorgt, wenn sich niemand mehr den für Pferdehaltende herausfordernden Raumplanungsbestimmungen bei uns in der Schweiz annimmt und auch niemand mehr neue Erkenntnisse zur optimalen Fütterung so leichtfuttriger Pferde wie dem Freiberger bietet, ein Verlust für die Pferdebranche bemerkbar wird. Vielleicht nicht sofort, aber langfristig gesehen.
m.willi@bauernzeitung.ch

