Während der Vegetationszeit stehen die Mutterkühe von Fanny Rediger mehrheitlich auf der Weide. Viel Arbeit geben sie dann nicht. Die Agronomin führt den Betrieb Hohweid in Rüedisbach BE, neben der Mutterkuhherde hält sie Bio-Güggeli und betreibt Ackerbau. «Die Flexibilität mit den Mutterkühen ist für uns sehr praktisch», sagt sie. Die Kinder kann sie mit in den Stall nehmen, und wer sie an einem Wochenende oder in den Ferien ablöst, braucht nicht viel Vorwissen.
Mit dem Einkommen aus den Mutterkühen ist Fanny Rediger zufrieden. Ihre Buchhaltung weist die Zahlen zwar je Betriebszweig aus, in Stundenlöhne umgerechnet werden sie aber nicht. Für sie zählt etwas anderes: Die Mutterkühe liefern mit relativ wenig Aufwand einen Teil des Betriebseinkommens. Aufwand und Ertrag stehen für sie in einem guten Verhältnis.
Auf dem Papier der tiefste Lohn
Rechnet man genauer, fällt das Bild weniger freundlich aus. Mathias Binswanger, Ökonom an der Fachhochschule Nordwestschweiz, kommt in einer Studie im Auftrag von Faire Märkte Schweiz (FMS) auf einen mittleren Verdienst von 4.30 Franken pro Stunde in der Mutterkuhhaltung. Damit Mutterkuhhalter einen angemessenen Stundenlohn erreichen, müssten die Marktpreise für ihre Produkte laut Binswanger um 101 Prozent höher liegen – also mehr als doppelt so hoch. Kein anderer Betriebszweig schneidet in seiner Berechnung so schlecht ab.
Was «angemessen» heisst, legt das Landwirtschaftsgesetz fest: Nachhaltig wirtschaftende und wirtschaftlich leistungsfähige Betriebe sollen im Durchschnitt mehrerer Jahre ein Einkommen erzielen, das mit jenem der übrigen Erwerbstätigen in der Region vergleichbar ist. «Die vergleichbaren Einkommen werden jedes Jahr berechnet und von Agroscope publiziert», sagt Binswanger. In den letzten Jahren lagen diese Stundenlöhne zwischen 24 und 29 Franken. Daraus hat der Ökonom abgeleitet, welche Marktpreise es in den einzelnen Betriebszweigen – die Direktzahlungen eingerechnet – bräuchte, um auf diesen Lohn zu kommen.
Streit um den Begriff «Fairness»
Daniel Flückiger, Geschäftsführer von Mutterkuh Schweiz, hatte gegenüber der BauernZeitung gesagt, «Fairness» sei ihm zwar wichtig, aber auch sehr subjektiv. Diese Haltung kann Binswanger nicht ganz nachvollziehen. «Denn diese Berechnungen stammen nicht von uns, sondern wurden von Agroscope aufgrund von Buchhaltungsdaten berechnet», sagt er. «Es wurden somit offizielle Zahlen verwendet und keine subjektiven Annahmen getroffen.»
Einen Unterschied gibt es: Binswanger hat einen anderen Mittelwert verwendet als Agroscope in der Vollkostenrechnung, also der Rechnung, die sämtliche Kosten eines Betriebszweigs einbezieht. So verhindert er, dass wenige, sehr produktive Grossbetriebe den Durchschnittslohn nach oben ziehen.
Wer das Risiko trägt, soll dafür bezahlt werden
Für Binswanger reicht es nicht, wenn Produzentenpreise bloss die Kosten decken. Sie sollten zusätzlich einen Zuschlag für das Risiko enthalten, eine sogenannte Risikoprämie. «Dies gilt insbesondere auch deshalb, weil Bauern die Einkommensausfälle in schlechten Jahren im Normalfall nicht durch gute Jahre kompensieren können», sagt er. Wird viel produziert, sinken die Preise. Fällt die Ernte schlecht aus, steigen sie kaum, weil die fehlende Menge importiert wird. Auch in der Mutterkuhhaltung schwanken die Einkommen von Jahr zu Jahr relativ stark. Und das dürfte laut Binswanger mit dem Klimawandel und häufigeren Wetterextremen eher zunehmen.
Teures Label heisst nicht guter Produzentenpreis
Mutterkuh Schweiz setzt auf Labels wie Natura-Beef. «Die Konsument(innen) sollen gerne und mit Überzeugung einen höheren Preis für Qualitätsfleisch aus tierfreundlicher und naturnaher Mutterkuhhaltung bezahlen», sagt Daniel Flückiger. Binswanger zweifelt, ob sich so faire Preise erreichen lassen. Die Preise für Labelprodukte wie Natura-Beef seien heute schon so hoch, dass sie ein Nischenprodukt für zahlungskräftige Kundschaft blieben. Hohe Preise im Laden führten nicht automatisch zu hohen Preisen für die Produzenten. Um diese gehe es aber.
Eine Mischrechnung
Wer mit der Politik oder mit Abnehmern über Preise verhandelt, ist mit harten Zahlen im Vorteil. Auf vielen Mutterkuhbetrieben wird allerdings nicht so genau gerechnet – und das hat Gründe. So wie auf der Hohweid sei es wohl auf vielen Betrieben, schätzt Fanny Rediger: Es sind oft kleinere Nebenerwerbsbetriebe, die ihre Bewirtschaftung nach der Lage des Hofes und den verfügbaren Arbeitskräften ausgerichtet haben. Das Einkommen entsteht aus mehreren Betriebszweigen, und jeder muss ins Ganze passen.
Da sind sich auch Ökonom und Verband einig. Die meisten Betriebe kombinierten die Mutterkuhhaltung mit anderen Zweigen und nähmen deshalb tiefe Stundenlöhne in Kauf, sagt Binswanger. Flückiger stellt fest, dass viele zuerst jene Tätigkeiten optimieren, die mehr zum Einkommen beitragen. Deshalb liege der Arbeitsverdienst tiefer als bei Betrieben, die Mutterkühe im Vollerwerb halten.
Hinzu kommt das Land selbst. «Gerade für Betriebe im Berggebiet oder mit Hanglagen ist es sinnvoll, Grasland, das nicht ackerbaufähig ist, mit der Nutzung durch Mutterkühe zu monetarisieren», sagt Fanny Rediger. So werden Flächen genutzt, die sich sonst kaum wirtschaftlich verwerten liessen. Ihr Fazit: «Für viele Mutterkuhbetriebe zählen neben dem Ertrag auch eine sinnvolle Nutzung des Landes und die passende Ergänzung zu der gesamten Betriebsausrichtung.»

