«Mit unserer Stimme schätzen wir euch, mit unseren Einkäufen schröpfen wir euch.» Das ist der letzte Satz im Film. Er fällt, nachdem man ein Jahr lang Menschen zugeschaut hat, die morgens in den Stall gehen, abends über Formularen sitzen und dazwischen nicht mehr wissen, wie lange sie das noch durchhalten.
Es ist Nacht in Dompierre VD. Im Licht einer Strassenlampe hängt die Ortstafel verkehrt herum, der Dorfname steht auf dem Kopf. Solche Bilder gab es im Winter 2024 von Genf bis in den Berner Jura. Wer die Tafeln umgedreht hatte, wollte nichts beschädigen. Er wollte sagen: «So fühlen wir uns. Die Welt steht auf dem Kopf.»
Eine, die sich für schüchtern hielt
Marlène Perroud ist Anfang dreissig, als die «Révolte Agricole» über sie hereinbricht. Debattieren hat sie am Familientisch gelernt, öffentlich geredet hat sie bis dahin kaum. Sie hielt sich für schüchtern. Dann steht sie zusammen mit dem zehn Jahre jüngeren Arnaud Rochat aus Bavois VD an der Spitze einer Bewegung, und Männer wie Frauen hören ihr zu.

Arnaud Rochat hatte am 24. Januar 2024 die Facebook-Gruppe «Révolte agricole Suisse» gegründet. Innerhalb einer Woche zählte sie rund 7000 Mitglieder. «Es ist ein Problem, wenn die Milch billiger ist als Mineralwasser», sagte er damals. Ein Satz, den man in den Ställen der ganzen Schweiz verstand.
Marlène Perroud hat kurz zuvor einen eigenen Hof gekauft. Mit einer kleinen Kuhherde pendelt sie zwischen dem Broyetal und der Alp ihrer Eltern, wo jeden Sommer L’Etivaz-Käse entsteht, so wie seit Generationen. Sie hat auch die Hochweiden ihrer Vorfahren zurückgekauft, so steil, dass sich die Kühe dort kaum auf den Beinen halten. Für Perroud verbindet ein einziges Motiv die gehütete Tradition mit dem Aufstand: die Liebe zur Milch und die Würde einer Bäuerin, die ihren eigenen Betrieb führt.
Vom Gummistiefel zum SOS
Angefangen hatte es leiser. Anfang Januar 2024 gingen in Deutschland die Bauern auf die Strasse. In der Schweiz hängten Landwirte aus Solidarität ihre Gummistiefel an die Ortstafeln: «Wenn wir die Stiefel an den Nagel hängen, ist Schluss mit regionalen Lebensmitteln.»
Ende Januar wurde daraus eigener Protest. Nach französischem Vorbild drehten Bauern in der Waadt, in Freiburg und im Berner Jura die Ortstafeln um. Es folgten Protestfeuer, Traktorkorsos und jener Abend, an dem landesweit Hunderte Traktoren ein SOS auf die Felder zeichneten, auch zwischen Echallens VD und Goumoëns VD. Der Film zeigt diese Nächte mit den Scheinwerfern im Dunkeln, von denen niemand weiss, ob sie etwas bewirken.
Mit Treicheln vor das Amt
Im Dezember 2024 stehen die Bauern wieder in Bern, diesmal vor dem Bundesamt für Landwirtschaft in Liebefeld BE. Eine Gruppe aus der Westschweiz trägt eine Bauernpuppe im Sarg zu Grabe. Eine Bäuerin und ein Bauer spielen Pingpong, auf ihren Leibchen steht «Coop» und «BLW», der Ball ist der Landwirt. Auf einer Wiese neben dem Amt stellen die Demonstrierenden eine «Erinnerungstanne» auf und nageln vier Bretter daran: Mehr Wertschätzung. Weniger Bürokratie. Mehr Stabilität. Faire Preise.
BLW-Direktor Christian Hofer tritt vor die Menge. «Ich kann euren Unmut nachvollziehen», sagt er. Arnaud Rochat reicht das nicht. «Es kann nicht sein, dass wir Landwirte und Landwirtinnen uns alle paar Monate versammeln müssen, um unseren Unmut kundzutun.» Seit dem Frühjahr habe sich nichts geändert.
Was der Beruf kostet
Der Film bleibt nicht bei den Demonstrationen stehen. Er geht mit nach Hause.
Zu Jacky Pavillard, um die sechzig, der 66 Hektaren Ackerland bewirtschaftet und bei der Waadtländer Bauernorganisation Prométerre engagiert ist. Der Révolte begegnet er zunächst mit Distanz. Dabei weiss er, wohin der Druck führen kann. Angegriffen für seine Pflanzenschutzbehandlungen, dem Agrobusiness und launischen Konsumenten ausgeliefert, erlitt er ein Burnout. Heute sieht er sich nicht mehr nur als Getreidebauer, sondern auch als Landschaftsgärtner für die Allgemeinheit. Im Film bereitet er die Hofübergabe an eines seiner Kinder vor, ein heikler Moment.

Zu Anouk Hutmacher, die aus einem Genfer Akademikerhaushalt stammt und sich vor zwanzig Jahren in Marc Piccand verliebt hat, einen Bauern aus dem Nachbardorf mit 60 Milchkühen. Ihre Freundinnen waren schockiert, dass die Sozialdemokratin einen SVP-Mann heiratete. In ihrem Buch «Silence on ferme» beschreibt sie mit Zärtlichkeit und scharfem Blick die Härte des Berufs. Im Film sagt sie einen Satz, der lange nachhallt: In diesem Milieu sei Suizid «eine Option». Gegen Ende des Jahres zieht ein Melkroboter ein und stellt den Betrieb auf den Kopf.
Zu Philippe Porta, um die fünfzig. Als junger Bauer hatte er einen kleinen Betrieb, heute sind es 92 Hektaren mit Bio-Ackerbau und Milchkühen im Laufstall. Seine dreizehnjährigen Zwillinge wollen den Hof einmal übernehmen. Portas Leben prägte die Enteignung des elterlichen Hofs für den Bau der Lavaux-Autobahn. Sein Vater zerbrach daran, als Philippe selbst dreizehn war. Vierzig Jahre später hat er sich geduldig zurückgeholt, was der Familie genommen wurde.
Und zu Raphaël Van Singer und Laurence Traber, beide Quereinsteiger. Mit Ziegenkäse und Gemüse haben sie innert zehn Jahren eine Bio-Mikrofarm aufgebaut, gegen alle Prognosen, und eine treue Kundschaft in der Region gewonnen. Bezahlt haben sie das mit grossen finanziellen Opfern, denn Kleinstbetriebe fallen bei der Agrarpolitik weitgehend durch. Ausgerechnet die am wenigsten Unterstützten, finden die Filmschaffenden, stellen die Verbindung zu den Konsumenten am besten her.
Die Bauern drehten ihren eigenen Film
Hinter der Kamera standen Frédéric Gonseth und Catherine Azad aus Vuibroye VD. Vierzig Jahre lang hätten sie neben der Westschweizer Landwirtschaft gelebt, ohne sie wirklich zu verstehen, schreiben sie. Erst während der Dreharbeiten begriffen sie, wie sehr die Bauern zwischen widersprüchlichen Ansprüchen stehen: eine Ökonomie, die sie tendenziell ärmer macht, eine Politik, die hilft und zugleich einengt, und Medien, die sie als Verschmutzer hinstellen. «Wenn etwas passierte, waren wir da», schreiben sie. Mit der Zeit hätten sie gemerkt, dass nicht sie einen Film über die Bauern drehten, sondern die Bauern einen über sich selbst.
Gedreht wurde in der Romandie. Dort läuft «Buure» seit Ende April unter dem Titel «Être paysan·ne», im Dezember kommt er in die Deutschschweizer Kinos. Der Film dauert 90 Minuten.

