«Ich liebe den Zelglihof. Ich bin hier zu Hause», sagt Andrea Joss. Dabei hat sie den Bauernbetrieb im Aargauer Dorf Magden, auf den sie seinerzeit eingeheiratet hatte, einst unter widrigen Umständen verlassen. Nach dem unerwarteten Tod ihres Ex-Mannes kehrte sie zurück, um den finanziell angeschlagenen Hof weiterzuführen und für ihre Kinder zu retten.
Im März 2022 berichtete die BauernZeitung darüber (siehe Kasten). Der Artikel «Eine Bäuerin geht – und kehrt nach der Scheidung zurück auf den Hof» bewegte die Leserschaft. Andrea Joss bekam viele Reaktionen und sogar handgeschriebene Briefe von Bäuerinnen mit einer ähnlichen Geschichte.
Viereinhalb Jahre später haben wir Andrea Joss besucht und wollten von ihr wissen, wie ihre Geschichte weitergegangen ist.
Grösstenteils in Frieden mit der Vergangenheit
«Ich bin stolz, dass ich den Hof retten konnte», sagt die ausgebildete Mediatorin beim Kaffee in ihrem Büro auf dem Betrieb. Hier führt sie auch jene Mediationen durch, die nicht bei den Kunden zu Hause stattfinden. «Im Grossen und Ganzen bin ich ganz sicher im Frieden.» Aber nicht alles ist vergessen. Es gibt Momente, die bis heute nachhallen.
Besonders schwer war die letzte Zeit mit ihrem Schwiegervater. Nach jahrelangen Konflikten hatten sich die beiden versöhnt. «Das ist für mich heute noch ein riesiges Geschenk», sagt Andrea Joss. Dann geriet der betagte Mann in eine schwere Krise und unternahm einen Suizidversuch. Zuvor hatte er selbst die Polizei angerufen, die mit Scharfschützen auf dem Hof anrückte. Am Ende war es Andrea Joss selbst, die ihn von seinem Vorhaben abbringen konnte. Nach einer Zeit in der Klinik konnte er zunächst nach Hause zurückkehren. Doch mit der Zeit stürzte er häufig und brauchte immer mehr Betreuung.
«Irgendwann haben mein Sohn und ich gemerkt, dass wir das nicht mehr tragen können», erzählt sie. Nach einem schweren Sturz war eine Rückkehr auf den Hof nicht mehr möglich. Die Familie musste das Wohnrecht des Schwiegervaters auflösen, damit der Heimaufenthalt finanzierbar wurde. «Das ist fürchterlich, das wünsche ich niemandem», sagt Joss mit Tränen in den Augen. Sie habe ihren Schwiegervater weiterhin besucht und er habe sich jedes Mal gefreut, erzählt sie. Später starb er. Für die Versöhnung – auch mit Schwager und Schwägerin – ist die Bäuerin dankbar.

Maschinenpark revidiert und mehr Tiere im Stall
Auf dem Hof ist eine neue Phase angebrochen. Andrea Joss und ihr Sohn Cyrill führen ihn als Generationengemeinschaft. «Er ist Aussenminister, ich bin Innenministerin», sagt sie scherzhaft. Er kümmert sich vor allem um Tiere und Felder, daneben arbeitet er Teilzeit auswärts im Forst. Sie ist für die Bäckerei, das Büro und die Organisation zuständig.
Reibereien gebe es durchaus, aber zum Glück nicht viele – «ich bin schon impulsiv» –, doch die Zusammenarbeit funktioniere gut, sagt Joss. Wichtig ist ihr, dass ihr Sohn trotz seiner Verantwortung Zeit für Freunde und Freizeit hat. «Er ist noch jung, er soll ab und zu Party machen können», sagt sie über den 24-Jährigen.
Was 2022 noch eine grosse Baustelle war, ist inzwischen weitgehend geschafft: Der Maschinenpark ist erneuert oder instand gestellt – bis auf eine einzige Maschine. «Jetzt ist es wirklich nur noch diese eine», sagt Joss stolz. Auch die Tierzahl ist gewachsen: Im Sommer stehen bis zu 42 Mastrinder im Stall, im Winter rund 25 bis 26. Die Familie bewirtschaftet etwa 38 Hektaren, davon rund 30 eigene. Auf den Feldern wachsen unter anderem Weizen, Dinkel und Mais.
Der nächste grosse Schritt wird ein neuer Mastrinderstall sein. Der heutige Stall ist in die Jahre gekommen. Mit der Buchhaltung und fachlicher Beratung wollen Mutter und Sohn nun die Möglichkeiten klären. Als Ziel nennt Joss rund 150 Mastmuni.
Beschlossen ist der Bau noch nicht. Aber die Richtung ist klar: Der Hof soll später eine wirtschaftliche Existenz für den Sohn bieten. «Das ist unser Traum.»
«Manchmal macht es mich traurig»
Nicht alles ist seit der Rückkehr auf den Hof einfacher geworden. Besonders das Verhältnis zu einigen Berufskollegen in der Nachbarschaft beschäftigt Andrea Joss. Zwar habe ihr ein Bauer von Anfang an tatkräftig geholfen. Doch bei anderen spüre sie bis heute Vorbehalte, die auch ihren Sohn träfen. «Warum kann man nicht jedem Jungen einfach eine Chance geben?», fragt sie sich. Alte Konflikte würden teilweise auf die nächste Generation übertragen. Ihr Sohn werde etwa bei der Vergabe von Land übergangen.
Auch Gerüchte, ihr Lebenspartner finanziere die Investitionen auf dem Hof, verletzen sie. Dabei hätten sie und ihr Sohn den Betrieb mit viel Arbeit wieder auf die Beine gestellt. «Manchmal kann man gut damit umgehen, und manchmal macht es mich traurig.» Sie wünscht sich mehr Zusammenhalt unter den Bauern und vor allem einen unvoreingenommenen Umgang mit der jungen Generation. «Wenn ich mit dem Vater Krach hatte, muss ich nicht mit dem Jungen Krach haben.»
Bewusst kleiner als früher läuft die Hofbäckerei: Freitags und samstags wird regulär gebacken, sonst auf Bestellung. Der Sohn hilft mit und bei Bedarf auch die beiden Töchter. Angestellte möchte die Familie nicht mehr haben. Zu belastend war früher der Druck, genügend Aufträge für die Löhne zu erwirtschaften. «Manchmal ist weniger einfach mehr», sagt Andrea Joss. Parallel arbeitet sie weiterhin als Mediatorin und begleitet unter anderem Konflikte rund um Höfe und Familien.

Weiterbildung in Agrarrecht
Dazu bildet sich Andrea Joss an der Universität Luzern in Agrarrecht weiter. Unter ihren Studienkollegen sind diverse Landwirte. Sie findet es bedenklich, wie viel juristisches Wissen Bauern heute im Umgang mit Behörden sowie bei Landfragen und Verträgen benötigen. Für ihre Mediationen und den eigenen Hof ist die Weiterbildung wertvoll.
Mit ihrem Partner Richard Blümmel verbringt Joss jeweils den Sommer auf einer Alp bei St. Stephan im Berner Oberland. Dort betreuen sie rund 100 Tiere, melken 32 Kühe und stellen Berner Alpkäse her. Die Tage dauern oft von halb sechs Uhr morgens bis acht Uhr abends. Trotzdem bedeutet die Alp für sie Abstand vom Alltag. «Dort oben ist ganz klar, dass ich die Sennin bin und mein Schatz der Zusenn», erzählt sie. Währenddessen führt ihr Sohn den Hof zu Hause weiter. Das soll seine Selbstständigkeit stärken. «Wenn die Mutter immer da ist, ist das nicht das Gleiche», findet Joss.
Weiterhelfen und Loslassen
Für die Zukunft wünscht sie sich vor allem einen gelungenen Stallbau, eine Perspektive für den Sohn und Gesundheit. Mit ihrem Partner möchte sie später häufiger mit dem Wohnmobil reisen. Schon heute nehmen sie sich freie Wochenenden. Auf der Alp lassen sie gelegentlich Gäste mitarbeiten, um zu zeigen, was Alpwirtschaft bedeutet. Wenn der Sohn eines Tages eine eigene Familie hat, möchte das Paar in die obere Wohnung ziehen und ihm mehr Platz überlassen. Auch danach will sie mithelfen, wenn sie gebraucht wird.
Ganz loslassen wird Andrea Joss die Landwirtschaft wohl nie: Sie liebt den Hof, auf den sie nach all den Umwegen zurückgekehrt ist.

Rückblick – Weggehen, kämpfen, zurückkehren
Andrea Joss wurde auf dem Hof ihres damaligen Mannes herzlich aufgenommen. Bald belasteten Konflikte mit den Schwiegereltern den Alltag: Sie vermisste Privatsphäre und sollte ständig arbeiten. Das Paar bekam drei Kinder. Der jüngste Sohn kam mit einem schweren Herzfehler zur Welt und musste lange im Spital bleiben.
Joss baute eine Hofbäckerei auf. Aus den Anfängen in der eigenen Küche wurde ein Betrieb mit zeitweise 13 Mitarbeitenden. Dennoch fühlte sie sich wenig anerkannt. «Es eskalierte immer wieder», sagte Joss 2022 im Gespräch mit der BauernZeitung. Die Ehe geriet in eine Krise, Streit prägte das Zusammenleben. Joss arbeitete bis zu 15 Stunden täglich, sieben Tage die Woche, und erlitt ein Burnout.
Schliesslich zog sie zwei Dörfer weiter in eine Wohnung. Die Kinder wollten bei ihr leben. Finanziell war der Neubeginn schwierig: Viel Geld aus der Bäckerei war in den Hof geflossen. «Es folgten sieben Jahre Scheidungskrieg», erinnerte sie sich 2022. Joss nahm unterschiedliche Arbeiten an und bildete sich im Treuhandbereich und zur Mediatorin weiter.
Mit ihrem neuen Partner wollte Joss mehr reisen. Doch ihr Ex-Mann starb überraschend an den Folgen einer Blutvergiftung, nachdem er sich an einer Landmaschine verletzt hatte. Seine Mutter war kurz zuvor gestorben. Für die Kinder war der doppelte Verlust schwer. Joss kehrte auf den Hof zurück, obwohl das Verhältnis zum Schwiegervater lange belastet gewesen war.
Sie fand defekte Maschinen und eine unsichere wirtschaftliche Lage vor. Gemeinsam mit den Kindern und mithilfe eines Bauern aus dem Dorf begann sie, den Betrieb wieder aufzubauen. Sie lernte neue Arbeiten auf dem Feld und musste um die Finanzierung bangen. «Es gab oft Tränen. Ich wusste nicht, ob ich den Hof würde halten können», sagte sie damals. Zugleich gelang ihr die Versöhnung mit dem Schwiegervater und weiteren Angehörigen. Den Hof habe sie nicht verlassen, weil sie die Landwirtschaft nicht mehr geliebt habe, erklärte sie 2022.
Damals nahm sie sich vor, ihrem Sohn einen tragfähigen Hof zu übergeben. Die Bäckerei sollte weiter bestehen, die Kinder ihren Weg finden. «Es waren harte Jahre, aber heute bin ich glücklich», bilanzierte Joss 2022.

