300 Löcher, 300 Bambusstecken, ein Wochenende: Als das Schweizer Ruder-Nationalkader in Sempach Station anrückte, ging es ausnahmsweise nicht ums Wasser, sondern um Erde. «Alle haben Vollgas gegeben», sagt Roman Röösli. Am Ende waren die ersten 50 Bäume gepflanzt. In der Nachbarschaft sorgte die Aktion für einiges Aufsehen, schliesslich verändert sie das Landschaftsbild. Die Rückmeldungen seien aber positiv, sagt Röösli: Die Bäume würden die Landschaft aufwerten.
Ein alter Obstgarten kehrt zurück
Bisher wurde der Betrieb in Sempach LU vor allem als Acker- und Grasland genutzt. Das war nicht immer so: Bevor Ende 1999 der Sturm Lothar über das Land zog, standen hier deutlich mehr Obstbäume. Von den jetzigen Bewirtschaftern weiss Röösli, wie es früher aussah. Ein Teil der Fläche wird bald fast wieder so aussehen wie damals. Der bestehende Obstgarten wird dabei vergrössert.

Gepflanzt werden Hochstämmer, die Ertrag bringen sollen: Äpfel und Birnen für Tafel und Most, dazu Zwetschgen, Mirabellen, Aprikosen, Pfirsiche und Nussbäume, aber auch seltenere Arten wie Maulbeeren und Felsbeeren. Beeren, Sträucher und Hecken ergänzen das System. Unter den Baumreihen sollen später Weidehühner einer extensiven Zweinutzungsrasse scharren, ergänzt durch Weidegänse.
Bäume gegen Klimaextreme
Der Ackerbau bleibt. Die Baumreihen sind so gesetzt, dass die Maschinen weiterhin ungehindert arbeiten können. Gleichzeitig sollen sie Biodiversität, Mikroklima, Wasserhaushalt und Nährstoffkreislauf fördern. «Wir hoffen, so Klimaextreme wie den vergangenen Sommer besser zu überstehen», sagt Röösli. Auf den Ackerflächen möchte er in Richtung Mosaiklandwirtschaft gehen.
Bei der Planung half unter anderem SilvoCultura mit. Das Unternehmen plant Agroforstsysteme von der Konzeption über den Pflanzplan bis zur Begleitung bei Förderprogrammen. Auf Rööslis Betrieb berät es und kontrolliert, dass fachgerecht gepflanzt wird, vom Baumschutz bis zur richtigen Anbindung. Gefördert wird das Projekt über ein Klimaschutzprogramm mit Myclimate: Freiwillige Spenden fliessen in regionale Projekte, deren Bäume langfristig CO₂ speichern sollen. Zertifikate werden keine gehandelt.
Vom Wassermanagement auf den Hof
Roman Röösli ist nicht in der Landwirtschaft aufgewachsen. Ein eigener Hof war aber schon immer sein Traum. Röösli studierte Betriebswirtschaft und Geographie und machte in Oxford, auch wegen des Ruderns, einen Master in Wassermanagement. «Wenn du dich mit Wasser auseinandersetzt, kommst du immer auch mit dem Thema Nährstoffkreislauf und Lebensmittelproduktion in Berührung», sagt er. Danach folgte die Zweitausbildung zum Bio-Landwirt. Lange habe das Rudern viel Zeit beansprucht, jetzt stehe die Landwirtschaft im Vordergrund. Für ihn und seine Frau Alina sei der Entscheid zu hundert Prozent stimmig.

Was die beiden antreibt: Nachhaltigkeitsthemen würden oft in einer «Blase» diskutiert. «Wir wollen eine Brücke zur Praxis schlagen und sehen, was am Ende wirklich funktioniert – und wie man es am besten angeht», sagt Röösli. Dafür schaue man sich bei anderen Betrieben um und arbeite mit ihnen zusammen. Das Ziel: Kreisläufe auf dem Hof schliessen und das Gesamtbild im Blick behalten, statt sich im Detail zu verlieren.
Acht Jahre Geduld
Bis die Hochstämmer nennenswert tragen, dauert es im Schnitt rund acht Jahre. Röösli setzt bewusst auf Ertragsbäume, die Früchte möchte er eher direkt vermarkten. Geduld hat er im Sport gelernt. «Ich habe 18 Jahre gerudert mit dem Ziel, irgendwann eine olympische Medaille zu gewinnen», sagt er. Oft habe er gedacht, das sei nicht möglich, aber immer an das Ziel geglaubt. «Und ich habe gelernt, dass nicht nur das Ziel wichtig ist, sondern auch der Weg. Die meiste Zeit ist man nämlich nicht am Ziel, sondern eben auf dem Weg.» Auf seinem eigenen Hof ist der Agroforst der erste Schritt dieses Wegs.

