Zwischen Fohlenweide und Finanzplan: Was die Pferdezucht über unsere Wirtschaftsangst verrät

1952 wussten die Züchter, dass der Traktor das Arbeitspferd verdrängen würde. Heute, 74 Jahre später, ist das Pferd keine Notwendigkeit mehr. Das macht die Zucht verwundbar.

Im März 1952 schrieb ein Autor aus Avenches VD in einer landwirtschaftlichen Publikation einen Artikel mit dem bezeichnenden Titel «Entwicklung und Aussichten in der Pferdezucht». Der Ton darin wirkt erstaunlich gelassen: Die Preise an den Pferdemärkten in Aarberg BE und Burgdorf BE zogen an, das Interesse an guten Zuchtstuten war so gross wie lange nicht mehr.

Zwar war klar, dass der Traktor dem Pferd zunehmend Arbeit abnehmen würde – die Armeepferdebestände waren bereits auf die Hälfte der Zwischenkriegszeit geschrumpft, die Importe hatten sich seit den 1940er-Jahren fast halbiert. Die Züchter stellten auf Qualität statt Masse um, verbesserten den Zuchttyp gezielt und blieben zuversichtlich, weil gute Pferde nach wie vor gefragt waren. Ein Berufsstand also, der wusste, wohin die Reise geht, und sich pragmatisch darauf einstellte.

Was in 74 Jahren abgeschlossen ist

Heute ist die Verdrängung durch den Traktor vollständig abgeschlossen. Die Armee kauft nur noch vereinzelt Pferde. Das Pferd ist als Arbeitstier aus der Schweizer Landwirtschaft praktisch verschwunden.

An seine Stelle ist wirtschaftlich betrachtet ein fast vollständig neues Tier getreten. Der Freiberger, die einzige noch existierende Schweizer Pferderasse, hat sich vom Arbeits- und Armeepferd zum vielseitigen Freizeit-, Familien- und sogar Therapiepferd gewandelt.

Eine Auswertung der Tierverkehrsdatenbank durch die Identitas AG zeigt das Ausmass dieser Verschiebung: Je nach Rassetyp gelten Pferde heute unterschiedlich stark als Heimtier statt als Nutztier. Iberer und Vollblüter liegen bei 75 bis 78 Prozent Heimtier-Anteil, Warmblüter und Ponys bei rund 60 Prozent.

Die Kaltblutpferde – zu denen der Freiberger als letztes leichtes Kaltblut Westeuropas gezählt wird – hängen mit 20 bis 25 Prozent noch am stärksten im alten, landwirtschaftlichen Status fest. Beim Freiberger dauert der Wandel zum Freizeitgegenstand offenbar länger als bei anderen Rassen.

Das Pferd war in den Fünfzigerjahren noch Arbeitspferd auf den Höfen. In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts wurde es dort weitgehend vom Traktor verdrängt.(Bild: Archiv Peter Barth)

Diese abgeschlossene Verwandlung erzeugt eine neue Art von wirtschaftlicher Verwundbarkeit, die 1952 schlicht noch nicht existierte: Ein Konsumgut ist den Launen von Haushaltsbudgets ausgesetzt, ein Arbeitstier den Launen der Landtechnik.

Was ein Pferd heute wirklich kostet

Das Schweizer Nationalgestüt in Avenches, das Kompetenzzentrum des Bundes für Equiden innerhalb von Agroscope, hat in einer eigenen Erhebung bei Schweizer Pferdehaltenden ausgerechnet, was diese Verwundbarkeit konkret bedeutet: Die durchschnittliche Pension bei Dritten kostet 711 Franken pro Monat, dazu kommen jährlich rund 917 Franken Tierarzt- und 1450 Franken Hufschmiedkosten.

Für ein dreijähriges Pferd nach bestandenem Feldtest müsste der Verkaufspreis rund 10 000 Franken erreichen, damit sich die Zucht für den Betrieb überhaupt trägt – eine Schwelle, die je nach Region zwischen 7100 Franken im Jura und 12 000 Franken im Mittelland variiert, wie eine ältere Wirtschaftlichkeitsstudie von Agroscope zeigte.

Bemerkenswert ist eine Nebenbeobachtung aus der Kostenerhebung: Ein erheblicher Teil der Schweizer Pferdebesitzenden gehört mittlerweile der unteren Mittelschicht an. Das Pferd ist eine Anschaffung, die sich Normalverdienende bewusst vom Munde absparen. Wie jedes andere Konsumgut gehört es damit zu den ersten Posten, die gestrichen werden, wenn Krankenkassenprämien, Mieten und Energiekosten steigen.

Die Zahlen zur Zucht selbst

Wie real dieser Druck ist, zeigen die Zahlen zur Zucht direkt. Der Schweizerische Freibergerverband hat zusammen mit Agroscope im April 2025 einen Bericht zur Entwicklung und aktuellen Situation der Freibergerpferde veröffentlicht, der auf den Daten der Tierverkehrsdatenbank sowie den eigenen Erhebungen des Verbands beruht.

Er beziffert die Zahl der 2023 gedeckten Stuten auf 2394 – bei 154 eingesetzten Hengsten. Das ist gerade noch gut ein Fünftel der 10 600 gedeckten Stuten aus dem Jahr 1951. Der Bericht hält zudem einen kontinuierlichen Rückgang fest: 18 Prozent weniger gedeckte Stuten 2023 gegenüber 2013, und 13 Prozent weniger Geburten im Vergleich der Fohlenjahrgänge 2014 und 2024.

Der gesamte Freiberger-Bestand liegt bei rund 18 700 Tieren – knapp 17 Prozent des gesamten Schweizer Pferdebestands von rund 111 000 Tieren.

Vom Ackergaul zum Freund: Der Freiberger ist zum Freizeitpartner geworden. Junge Frauen investieren dabei einen bedeutenden Teil ihres Verdiensts in ihr Pferd.(Bild: Simone Barth)

Rückgang aller Pferderassen

Die monatlichen Geburtenzahlen aller Equiden in der Schweiz, die Identitas AG auf ihrem offenen Datenportal veröffentlicht, bestätigen, dass es sich nicht um eine reine Freiberger-Besonderheit handelt. Sie zeigen bei allen Pferderassen zusammen denselben Verlauf: eine ausgeprägte saisonale Spitze jeweils im April und Mai, die aber von Jahr zu Jahr niedriger ausfällt.

Lag der Frühjahrspeak 2016 noch bei rund 1290 gemeldeten Geburten, waren es 2020 noch etwa 1050, 2024 rund 1005 und 2025 nur noch etwa 945. Der Rückgang zieht sich durch die gesamte Schweizer Pferdezucht.

Für den Freiberger kommt eine politische Komponente hinzu: Ausgerechnet die Rassekategorie mit dem geringsten Heimtier-Anteil ist am stärksten von einer möglichen Aberkennung des Landwirtschaftsstatus im Rahmen der Agrarpolitik AP 2030+ betroffen – und damit vom Wegfall jener Bundesbeiträge, auf die viele kleinstrukturierte Zuchtbetriebe angewiesen sind.

Der Markt lebt – aber unter Spannung

Was 1952 die Pferdemärkte in Aarberg BE und Burgdorf BE waren, sind heute die grossen Verkaufsschauen: die Freibergerverkaufsschau in Sumiswald BE, die jährlich im April in der Markthalle Schüpbach BE über die Bühne geht, oder die Nationale FM-Fohlenauktion in Avenches, die 2026 zum zehnten Mal stattfindet. Der Marché-Concours im jurassischen Saignelégier gilt nach wie vor als grösstes Freiberger-Fest der Welt.

Diese Anlässe funktionieren, aber in einem engeren Korsett als noch vor zwanzig Jahren. 1952 ging es um die Frage, wie viel Arbeit dem Pferd noch bleibt. Heute geht es um die Frage, wie viel Haushaltsbudget für ein Freizeitgut übrig bleibt, das keine Notwendigkeit mehr ist.

Was bleibt: Zucht als Vertrauensfrage in die Zukunft

Der Autor von 1952 schrieb einen Satz, der auch heute noch trägt: Die Bereitschaft, in Zucht zu investieren, sei Ausdruck von Vertrauen in die Zukunft. Damals blieb dieses Vertrauen ungebrochen, obwohl der Verwendungszweck des Pferdes sich bereits sichtbar veränderte. Heute, wo sich das Pferd längst zum Freizeitpartner gewandelt hat, steht genau dieses Vertrauen unter Druck – weil seine Haltung zu einem der ersten Posten wird, den man sich in unsicheren Zeiten überlegt.

1952 hatte die Zucht noch einen geschützten Markt: Importschutz, Armeebedarf, eine klare landwirtschaftliche Funktion. Heute trägt sie sich fast vollständig über den privaten Freizeitmarkt – ungeschützter, konjunkturabhängiger, aber auch freier.

Weiterlesen

  • Sonja Turtschi will Tierärztin werden und hat freiwillig ein dreiwöchiges Praktikum absolviert. Ab Herbst 2026 ist das in der Schweiz Pflicht.

    Wie eine angehende Tierärztin auf dem Bauernhof fit gemacht wird

    Ab Herbst wird ein landwirtschaftliches Praktikum für alle Veterinärmedizin-Studierenden Pflicht. Sonja Turtschi hat es freiwillig schon gemacht. Ein Gespräch über Geburten, Hitzestress und die Frage, warum kaum ein Mann mehr Tierarzt werden will.
    Show more
  • Rätsel um kranke Kühe: Nun bricht die Milchmenge ein

    Plus
  • Schweinepreise steigen: Hat sich die Lage entspannt?

    Plus