Wenn auf der Alp kein Gras wächst, kommen Älpler an ihre Grenzen

Auf den Juraweiden oberhalb von Saint-Cergue VD kämpft Älpler Jürg Müller mit den Folgen eines aussergewöhnlich trockenen Sommers. Das Gras wächst kaum noch, die Milchleistung der Kühe ist eingebrochen und zusätzliches Futter muss mühsam auf die Alp gebracht werden.

Seit fünf Jahren verbringt der ehemalige Emmentaler Landwirt Jürg Müller jeweils den Alpsommer auf der Alp l'Archette. Von Mitte Mai bis Mitte Oktober betreut er die kleine, 35 Hektaren grosse Alp an der Flanke der La Dôle, des zweithöchsten Juraberges der Schweiz.

Die Alp gehört der Stadt Nyon VD und wird seit 25 Jahren vom Landwirt Olivier Chambaz aus Duillier VD bestossen. Dessen 25 Milchkühe stehen während des Sommers unter der Obhut von Müller. Mit seinem Patron hat er ein sehr gutes Verhältnis und «ab und zu trinken wir auch ein Glas Wein zusammen».

Kein frisches Gras mehr für die laktierenden Kühe

Der heute pensionierte Landwirt kennt die Arbeit. Als junger Bursche hat er, vor 44 Jahren, zwei Sommer lang auf einer Alp im Waadtländer Jura gearbeitet und auch mitgeholfen, Gruyère d’alpage zu produzieren.

Jahrzehntelang führte er dann mit seiner Familie den eigenen Bauernhof im Emmental. Vor fünf Jahren übernahm sein Sohn, nach einem Brandfall 2019 und dem Wiederaufbau, den Hof zu Hause. Für Jürg Müller bedeutete das jedoch keineswegs den Ruhestand.

Auf der Alp fand er eine neue Aufgabe – eine, die ihn täglich fordert. Dazu sagt er: «Wenn meine Frau zu Besuch kommt und mir hilft, fühlt sich das fast wie Ferien an.» Ausserdem singt er in seiner Freizeit in einem waadtländischen Jodlerclub.

Die Alp l'Archette liegt auf 1190 m an der Ostseite der La Dôle, oberhalb von Saint-Cergue.(Bild: Samuel Otti)

Der Tagesablauf beginnt lange vor Sonnenaufgang. Bereits um vier Uhr steht Jürg Müller auf. Da die Tiere über die gesamte Alp verteilt weiden, müssen sie rechtzeitig zusammengetrieben werden, damit sie um fünf Uhr im Stall angebunden und gemolken werden können. Die Milch wird jeden zweiten Tag abgeholt. Dafür transportiert Müller den Milchtank mit dem Traktor rund drei Kilometer bis zum Treffpunkt mit dem Milchlastwagen. In diesem Sommer bestimmt jedoch ein anderes Thema den Alltag: die Trockenheit.

«Die Kühe sind schnell von der Milch gefallen», beschreibt Müller die Situation. Die anhaltende Hitze und der fehlende Niederschlag haben das Graswachstum stark gebremst. Was normalerweise den ganzen Alpsommer über ausreichend Futter liefert, reicht dieses Jahr vielerorts nicht mehr aus.

Futter muss aus dem Tal auf die Alp

Im Unterschied zu vielen anderen Regionen dürfen die Waadtländer Alpbauern zusätzliches Futter von ihren Talbetrieben auf die Alp bringen. Diese Möglichkeit verhindert einen noch stärkeren Einbruch der Milchproduktion. Ganz lösen lässt sich das Problem damit allerdings nicht.

Müllers Kühe können auf der ganzen Fläche der Alp weiden. Durch das eingestellte Graswachstum sind sie aber gezwungen sich mehr und weiter zu bewegen als sonst.(Bild: Samuel Otti)

Die Alpställe wurden nie dafür gebaut, grössere Mengen an zugeführtem Futter zu lagern und zu verfüttern. Entsprechend schwierig gestaltet sich die Organisation der Fütterung. «Ich weiss heute nicht, wie ich die Kühe bis zum Alpabtrieb leistungsgerecht füttern soll», sagt Müller.

Damit wird deutlich, dass die Folgen der Trockenheit weit über eine geringere Grasmenge hinausgehen. Sie verändern die gesamte Betriebsorganisation auf der Alp. Zusätzliche Transporte werden notwendig, der Arbeitsaufwand steigt, und dennoch bleibt ungewiss, ob die Tiere bis Ende Alpsommer ausreichend versorgt werden können.

Disteln profitieren vom trockenen Sommer

Nicht nur das Futterangebot bereitet Sorgen. Auch die Vegetation verändert sich. Besonders die Disteln breiten sich in diesem Sommer stark aus. «Mähen und Ausreissen sind erfolglose Strategien», stellt Jürg Müller fest. Gerade Trockenjahre spielen den tiefwurzelnden Pflanzen in die Hände. Während die Futtergräser unter Wassermangel leiden, behaupten sich die Disteln problemlos und gewinnen zusätzliche Konkurrenzkraft.

Den Disteln gefällt die Trockenheit. Ihre Bekämpfung ohne Chemie bedeutet einen grossen Arbeitsaufwand für den Älpler.(Bild: Samuel Otti)

Für den Älpler bedeutet dies mehr Arbeit und gleichzeitig weniger wertvolles Weidefutter. Die Pflege der Alpweiden wird dadurch zunehmend anspruchsvoller.

Auch der Wolf beschäftigt die Älpler

Zur Trockenheit kommt eine weitere Unsicherheit hinzu. In der Region rund um die La Dôle wurden in diesem Sommer mehrfach Wölfe beobachtet. Auf einer benachbarten Alp riss ein Wolf bereits ein eineinhalbjähriges Jersey-Rind. Solche Ereignisse lassen auch auf der Alp l'Archette niemanden unberührt.

Zwar blieb Jürg Müllers Herde bislang verschont, doch die Präsenz des Grossraubtiers beschäftigt die Älpler täglich. «Den Wolf sollte man ausrotten, nicht regulieren», sagt Müller zu diesem Thema, wohl wissend, dass diese Forderung politisch kaum umsetzbar ist.

Nachhaltige Bewirtschaftung trotz schwieriger Bedingungen

Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen wird die Alp weiterhin extensiv bewirtschaftet. Nach dem Alpabtrieb bringt Olivier Chambaz den im Stall anfallenden Hofdünger auf den befahrbaren Flächen aus. Mineraldünger kommen nicht zum Einsatz. Damit bleibt der natürliche Nährstoffkreislauf erhalten.

Die Trockenheit zeigt jedoch deutlich, dass selbst eine sorgfältig geführte Alp an ihre Grenzen stösst. Wenn der Niederschlag ausbleibt, reicht auch eine angepasste Bewirtschaftung irgendwann nicht mehr aus, um das fehlende Graswachstum zu kompensieren.

Die Trockenheit wird zur eigentlichen Herausforderung

Die Alp l'Archette ist mit ihren 35 Hektaren zwar eher klein, doch die Probleme unterscheiden sich kaum von jenen vieler anderer Juraalpen. Sinkende Milchleistungen, zunehmende Futterknappheit, Wassermangel, problematische Unkräuter und die Rückkehr des Wolfs treffen vielerorts gleichzeitig aufeinander.

Für Jürg Müller ist deshalb klar, dass nicht der Arbeitsaufwand die grösste Belastung darstellt. Früh aufstehen, Kühe zusammentreiben oder den Milchtank kilometerweit transportieren gehören seit Jahren zu seinem Alltag. Sondern neu ist die Unsicherheit, wie lange die natürlichen Futterreserven unter immer häufigeren Trockenperioden noch ausreichen werden.

Die Tiere können in diesem Sommer ihre Leistung nicht aufrechterhalten, da gutes und melkiges Futter fehlt.(Bild: Samuel Otti)

Gerade auf den Juraalpen wird damit sichtbar, dass sich die Folgen des Klimas nicht erst in der Zukunft bemerkbar machen. Sie prägen bereits heute den Alltag der Älpler – Tag für Tag.

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