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Verkaufen oder behalten: Tiere, die heute geschlachtet werden, fehlen morgen

Die Folgen der extremen Trockenheit zeigen sich deutlich auf dem Schweizer Viehmarkt. Die Schlachtzahlen sind im Sommer stark gestiegen. Viele Betriebe bringen Milch- und Mutterkühe vorzeitig zur Schlachtung, um Futter zu sparen. Die Tiere werden 2027 fehlen.

Die Zahl der geschlachteten Kühe ist im Juni (+19,5 %) und Juli (+46,0 %) 2026 im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegen. Bei den Rindern insgesamt nahmen die Schlachtungen um rund 14 % zu. Auch im August stiegen die Zahlen: Bei den Kühen um 44,5 %, bei den Rindern um 23,7 % im Vergleich zum Vorjahr. In den drei Monaten wurden insgesamt allein über 12 000 Kühe mehr geschlachtet als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Der Hauptgrund des hohen Anstiegs liegt bei der diesjährigen besonders starken Trockenheit und dem damit verbundenen Futtermangel. «Um Futter zu sparen, sind Milch- und Mutterkuhbestände reduziert worden», sagt Urs Jaquemet, Direktor der Vianco Viehhandels AG.

Zusätzlich gibt es noch weitere Faktoren, welche die Schlachtzahlen beeinflusst haben. Die Hitze und der Krankheitsdruck (Shamonda-Virus) führten vermehrt zu schlechter Fruchtbarkeit und Aborten, was wiederum ein Grund zur Schlachtung wird oder wurde. Dazu kommt der durchschnittlich tiefe Milchpreis, der die Wirtschaftlichkeit der Milchproduktion zusätzlich belastete.

(Bild: Vianco AG)

«Ruhe bewahren und nur schlachtreife Kühe liefern.»

Urs Jaquemet, Vianco AG

Schlachtzahlen wirken sich auf die Preise aus

Ein besonders hoher Anstieg an Schlachttieren war in der Jurakette von Genf bis an den Bodensee sowie im gesamten Mittelland zu beobachten.

Solche Marktschwankungen sind grundsätzlich nicht neu. Trocken- und Hitzeperioden haben auch in früheren Jahren den Markt beeinflusst. «Normalerweise kommt eine grössere Angebotswelle allerdings erst mit dem Einstallen im November. Wenn der Winter für die ganze Schweiz gleichzeitig eintrifft, führt das zu ähnlichen Turbulenzen am Markt», weiss Urs Jaquemet.

Die hohen Schlachtzahlen haben sich auf die Preise ausgewirkt. Besonders bei den Kühen, und hier wiederum bei den leerfleischigen Tieren, gerieten die Preise unter Druck. «Durch die hohen Schlachtzahlen bei den Kühen kam auch das Bankvieh, das in dieser Jahreszeit sonst oft als Kuhersatz dient, ein wenig unter Druck», so Jaquemet. Um einem noch grösseren Überangebot entgegenzuwirken, wurde im August auf eine Importfreigabe für Kühe und Verarbeitungsfleisch verzichtet.

«Nach den Niederschlägen der letzten Wochen hat sich die Situation normalisiert und wird sich weiter normalisieren», so Jaquemet. Der Schlachtkuhpreis kann sich wieder erholen und steigt. Für magere Kühe wird zudem wieder der offizielle Tabellenpreis bezahlt. «Das fehlende Futter führt aber dazu, dass weiterhin Tiere, die von der Sömmerung zurückkehren und für die Schlachtung vorgesehen sind, zeitnah geliefert werden», ergänzt Jaquemet.

Die Schlachtkühe werden 2027 fehlen

Der Bestandesabbau dürfte langfristige Folgen haben. Urs Jaquemet erwartet, dass es 2027 an Schlachtkühen fehlen wird. «Nutz- und Zuchtvieh wird sicher wieder mit deutlichem Mehrwert zum Schlachtpreis gehandelt werden», so Jaquemet.

Auch die Milchproduktion könnte unter dem Bestandesabbau leiden. «Die Milch von Produzenten, die ihre Produktion früher als geplant aufgegeben haben, wird fehlen», sagt Jaquemet. Ob die verbleibenden Betriebe diesen Ausfall wie bisher durch Effizienz und höhere Leistung auffangen könnten, sei fraglich. Dazu kommt der freizügige Import von Milchprodukten, der für die ProduzentInnen zusätzlich eine Herausforderung darstellt.

Urs Jaquemet rät in der aktuellen Situation: «Ruhe bewahren und nur schlachtreife Kühe liefern.» Auch beim Futterzukauf sei Zurückhaltung angebracht. «Nur so viel Futter zukaufen wie nötig. Teures Futter kann man auch noch im Februar 2027 kaufen.»

Bei guter Liquidität kann sich der Futterzukauf lohnen, sofern Futter zu einem vertretbaren Preis verfügbar ist. (Bild: «die grüne» / Peter Röthlisberger)

Hier können Betriebe Futter kaufen (und verkaufen)

Wegen der starken Trockenheit im Jahr 2026 gibt es in der Schweiz mehrere konkrete Möglichkeiten, um Grundfutter zu finden.

Nationale Raufutterbörse des Maschinenrings Schweiz

Die nationale Raufutterbörse wurde Anfang August 2026 vom Maschinenring Schweiz zusammen mit mehreren Bauernverbänden aus der Ostschweiz lanciert.

www.diegruene.ch/futter-maschinenring

Futtermittelbörsen von regionalen Bauernverbänden

Einige Kantone führen wegen der regionalen Futterknappheit eigene Plattformen:

Agrarbörse

Die Agrarbörse ist ein allgemeiner Online-Marktplatz für landwirtschaftliche Produkte und Futtermittel.

www.diegruene.ch/futter-agrarboerse

Biomondo (Biofuttermittel-Börse)

Biomondo ist der offizielle Online-Marktplatz der Schweizer Biolandwirtschaft, betrieben von Bio Suisse.

www.diegruene.ch/futter-biomondo

Achtung vor Betrugsfällen

In den vergangenen Wochen kam es vermehrt zu Betrugsfällen. Betrüger nutzten die Futternot der Landwirte aus und boten Futter zu Schnäppchenpreisen an. Diese tätigten eine Vorauszahlung, die Ware wurde aber nie ausgeliefert. Wichtig ist deshalb:

  • Keine Vorauszahlungen tätigen.
  • Verkäufer auf die Identität überprüfen.
  • Bei auffällig günstigen Preisen besonders skeptisch sein.
  • Sich nicht unter Druck setzen lassen.
  • Wenn möglich bekannte Händler bevorzugen.
  • Referenzen von Berufskollegen einholen.

Tiere behalten oder verkaufen?

Die Kriterien, wie Landwirte entscheiden, ob eine Kuh geschlachtet werden soll, sind je nach Betrieb sehr individuell. «Wichtige Faktoren sind sicher der Schlachtkuhpreis, die Kosten für den Ersatz der abgehenden Kuh oder bei eigener Remontierung und wie es bezüglich Nutzviehpreisen aussieht», sagt Mario Bühler vom Plantahof.

Durch den Futterzukauf kann der Deckungsbeitrag deutlich sinken. Sinnvoll kann deshalb eine Kombination sein. Tiere mit Mängeln werden geschlachtet, während für die übrigen Tiere gezielt Futter zugekauft wird. Das würde auch den derzeit angespannten Schlachtviehmarkt etwas entlasten.

Weist ein Betrieb eine gute Liquidität auf, kann es sinnvoll sein, Futter zuzukaufen, statt Tiere voreilig zu verkaufen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass überhaupt ausreichend Futter zu einem wirtschaftlich vertretbaren Preis verfügbar ist.

Artikel «Zu wenig Winterfutter ‒ was tun?»

Deckungsbeitrag berechnen

Die Berechnung des Deckungsbeitrags (DB) kann Betrieben bei der Entscheidung, ob sie ein Tier behalten oder verkaufen sollen, unterstützen.

Der DB wird berechnet, indem von den gesamten Erlösen (Milch, Fleisch, Verkauf von Tieren usw.) die Direktkosten (variable Kosten) wie Kraftfutter, zugekauftes Futter, Medikamente, Besamung usw. abgezogen werden. Dieser Betrag steht nun zur Verfügung, um die betrieblichen Fixkosten (wie Gebäude, Abschreibungen und Löhne) zu decken und einen Gewinn zu erzielen.

Mit der «Deckungsbeitragsberechnung Milchviehhaltung» von den Schweizer Milchproduzenten (SMP) und Agridea können TierhalterInnen den Deckungsbeitrag ihrer Milchkühe berechnen.

Hier geht es zum kostenlosen Rechner:

www.diegruene.ch/db-milchvieh

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