Die Kühe hatten in der Nacht ihre Tagesration abgefressen. Pascal Bühlmann öffnet nach dem Melken das Stalltor und die Herde zieht auf die nächste Koppel. Normalerweise genügt der tägliche Koppel-Wechsel. In diesem Sommer jedoch nicht. Weil die Trockenheit das Graswachstum bremst, unterteilt Bühlmann die Koppeln zusätzlich in zwei Hälften und füttert dann im Stall noch etwas zu. So verlängert sich die Ruhezeit jeder einzelnen Parzelle. «Wenn das Gras langsamer wächst, muss ich ihm mehr Zeit geben. Sonst lebt die Pflanze von ihren Reserven und der Wiederaustrieb verzögert sich noch mehr.»
Genau dieses Denken zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Betrieb. Jede Entscheidung beginnt auf der Weide. Nicht der Futtertisch im Stall bestimmt die Milchproduktion, sondern das Graswachstum draussen auf den Wiesen.
Das Gras bestimmt den Jahresablauf
Pascal Bühlmann übernahm den IP-Suisse-Betrieb «Lügisingen» in Rothenburg LU im Jahr 2023 von seinen Eltern. Sein Vater arbeitet weiterhin voll auf dem Betrieb mit. Zudem gehört jedes Jahr ein Lernender zum Team. Rund 30 Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche bilden die Grundlage des Betriebs. Davon liegen gut 21 Hektaren arrondiert rund um den Hof und eignen sich ideal für die Vollweide. Die Flächen, die weiter vom Betrieb weg sind, dienen der Futterkonservierung und werden im Herbst vom Jungvieh genutzt. Ergänzt wird die Fruchtfolge mit einem Hektar Silomais. Neben dem Milchvieh gehört auch ein separater Abferkelbetrieb mit 40 Zuchtsauenplätzen zum Hof.
Die Milchviehherde umfasst 65 Kühe der Rassen Kiwi-Cross sowie neuseeländische Holstein- und Jersey-Linien. Dazu kommen 15 Aufzuchtrinder und 15 Remontierungskälber. Die Rinder verbringen den Sommer auf der Alp. Dass Bühlmann auf neuseeländische Genetik setzt, hat einen einfachen Grund: «Ich brauche keine Kühe für Höchstleistungen. Sie sollen mit möglichst viel Gras möglichst wirtschaftlich Milch produzieren.»

Die durchschnittliche Jahresleistung liegt bei rund 5900 Kilogramm Milch je Kuh. Dafür bleiben die Tiere lange in der Herde und erreichen durchschnittlich fünf Laktationen. Genau diese Langlebigkeit gehört für Bühlmann zur Wirtschaftlichkeit seines Systems.
Abkalben, wenn das Gras wächst
Ebenso konsequent richtet Pascal Bühlmann die Fruchtbarkeit auf die Weide aus. Sämtliche Kühe kalben zwischen Mitte Januar und Ende März ab. Sobald Ende Februar die Weidesaison beginnt, steigt auch der Futterbedarf der frischlaktierenden Kühe. Wenige Wochen später liefert das Gras bereits die höchsten Tageszuwächse.
Ab dem 20. April beginnt die Besamung. Während der ersten drei Wochen werden rund 25 ausgewählte Kühe mit gesextem Samen von Weidemilchstieren belegt. Danach übernimmt bis Ende Juli ein geleaster Angus-Stier die Herde. So entstehen genügend weibliche Nachzuchttiere, gleichzeitig liefern die übrigen Kühe gut vermarktbare Mastkälber. Während dieser Zeit laufen auch die Rinder mit der Herde, bevor sie auf die Alp wechseln.

Graszuwachs wird regelmässig gemessen
Viele Milchproduzenten beurteilen ihre Weiden nach Augenmass. Bühlmann verlässt sich lieber auf Messwerte. Mit dem Rising Plate Meter kontrolliert er den Grasbestand im Frühling wöchentlich und beurteilt daraus den aktuellen Aufwuchs. «Nur wenn ich weiss, wie viel Gras jeden Tag nachwächst, kann ich entscheiden, ob ich eine Fläche weiter beweide oder konserviere.»
Diese Messungen bestimmen den gesamten Weideplan. Insgesamt ist die Weidefläche in 19 Koppeln von jeweils rund einem Hektar unterteilt. Während der Hauptweidesaison erhalten die Kühe täglich eine neue Koppel für Tag- und Nachtweide. Reicht das Grasangebot wegen der Trockenheit nicht mehr aus, werden die Koppeln zusätzlich halbiert. Dadurch verlängert sich die Erholungszeit jeder Fläche, ohne dass die Futterqualität sinkt.
Im Sommer und Herbst lässt Bühlmann das Gras höher wachsen als im Frühling, um zusätzlich stehende Reserven zu bilden.
Nebenprodukte statt Nahrungsmittel
Obwohl Bühlmann konsequent auf Vollweide setzt, verzichtet er nicht vollständig auf Kraftfutter. Entscheidend ist für ihn jedoch nicht die Menge, sondern die Zusammensetzung. Im 2×6-Fischgräten-Melkstand erhält jede Kuh pro Melkgang lediglich ein halbes Kilogramm Kraftfutter. Im Frühling wird der «Frühlingsmix» mit zusätzlichem Magnesium verfüttert, während im übrigen Jahr der «Powermix» zum Einsatz kommt.

Beide Mischungen bestehen fast ausschliesslich aus Nebenprodukten der Lebensmittelindustrie. Rapsschrot, Brotwürfel, Schokoladenreste, Zuckerrübenschnitzel und Mühlennachprodukte bilden die Grundlage. Hergestellt wird die Mischung von der Landi Sursee. «Wir verfüttern bewusst Rohstoffe, die der Mensch nicht mehr nutzt. Unsere Kühe machen daraus Milch.»
Damit reduziert der Betrieb die sogenannte Feed-Food-Konkurrenz deutlich. Anstatt Getreide oder andere Lebensmittel einzusetzen, die direkt auf dem Teller landen könnten, verwertet der Wiederkäuer Nebenprodukte, die bei der Lebensmittelherstellung anfallen. Zusammen mit dem hohen Grasanteil entspricht dies genau dem Grundgedanken der Weidemilchproduktion: Grünland und Reststoffe werden in ein hochwertiges Nahrungsmittel umgewandelt.
Hitzebedingt nur kurze Tagweidezeiten
Während der eigentlichen Vollweide erhalten die Kühe im Stall kein zusätzliches Grundfutter. Das Gras auf der Weide deckt den Bedarf vollständig. Im Sommer wird die Tagweide wegen der Hitze reduziert und dann legt Bühlmann ergänzend Raufutter vor. «Im Sommer bleiben die Kühe nach dem Morgenmelken nur etwa zwei Stunden draussen. Danach kommen sie wieder in den Stall und erhalten etwas Grassilage oder Heu.»
Ab Mitte Oktober endet die Vollweide. Danach gehen die Kühe nur noch tagsüber hinaus. Im Stall wird wieder Grassilage gefüttert. Um den 20. November ist die Weidesaison abgeschlossen. Bis zum Trockenstellen erhalten die Tiere Silomais und Grassilage. Danach besteht die Ration ausschliesslich aus Ökoheu. Ein Teil davon stammt von Rundballen, die von einem benachbarten Betrieb zugekauft werden.
Trockenheit verändert den Weideplan
Dass dieses Jahr anders verläuft als die vergangenen, zeigt sich auch bei der Futterkonservierung. Normalerweise können mehrere Koppeln gemäht und siliert werden. Im Sommer 2026 gelang dies lediglich auf zwei Flächen. Der Rest musste direkt beweidet werden.
An seinem Grundkonzept hält Pascal Bühlmann dennoch fest. Er reagiert nicht mit mehr Kraftfutter, sondern mit einem angepassten Weidemanagement. «Wenn das Gras langsamer wächst, muss die Ruhezeit länger werden.»

Deshalb halbiert er die Koppeln und lässt bewusst mehr Restaufwuchs stehen. Zu tief abgefressene Bestände würden sich nach einem Niederschlag nur langsam erholen. Das Ziel ist deshalb nicht, jeden Grashalm zu nutzen, sondern genügend Blattmasse für den Wiederaustrieb stehen zu lassen. Gleichzeitig profitiert der Betrieb von seinen tiefgründigen Böden, die Wasser länger speichern können als flachgründige Standorte. Bereits seit mehreren Jahren werden zudem regelmässig vier bis fünf Hektaren neu angesät, vermehrt mit Mischungen, die trockenheitstolerante Gräser wie Rohrschwingel oder Knaulgras enthalten.
Wirtschaftlichkeit statt Höchstleistung
Mit durchschnittlich rund 5900 Kilogramm Milch je Kuh gehört Pascal Bühlmann bewusst nicht zu den Hochleistungsbetrieben. Entscheidend sei nicht die maximale Milchmenge, sondern die Wirtschaftlichkeit der gesamten Herde.
Die Milch wird über die ZMP vermarktet und grösstenteils an Emmi geliefert, teilweise im Programm Wiesenmilch. Die Überschreitung der 105-Prozent-Grenze im Frühjahr 2026 führte zwar dazu, dass ein Teil der zusätzlichen Milch zu einem deutlich tieferen Preis abgerechnet wurde. Trotzdem stellt Bühlmann sein Produktionssystem deswegen nicht infrage. «Tiefere Milchpreise treffen jeden Betrieb. Entscheidend ist aber, wie hoch die Produktionskosten sind.»
Genau darin sieht er den Vorteil seines Weidesystems. Die Kühe nutzen das betriebseigene Gras optimal, benötigen nur wenig Kraftfutter und bleiben lange produktiv. Das senkt die Futter- und Remontierungskosten und macht den Betrieb weniger abhängig von Preisschwankungen auf dem Milchmarkt.
Für Pascal Bühlmann ist deshalb klar: «Die Weide ist und bleibt unser wichtigster Futtertisch.» Dieser Satz beschreibt den Betrieb besser als jede Milchleistungszahl. Denn hier wird die Milch nicht im Stall produziert – sondern draussen auf der Weide.

