Rätsel um kranke Kühe: Hitze, Virus oder doch die Blauzungenkrankheit?

Unzählige Betriebe haben kranke Kühe mit Leistungseinbrüchen. Was ist da los, wie kann sich ein Virus verbreiten und was zeigt der Blick zurück ins Jahr 2003?

Kranke und sterbende Kühe, ausgetrocknete Weiden, angespannte Bauern: Die aktuelle Durchfallwelle bei Schweizer Milchkühen trifft die Betriebe mitten in einen ohnehin schwierigen Sommer. Wie tragisch die Lage auf einzelnen Höfen bereits ist, zeigt ein Gespräch mit Ernst Wandfluh.

Der SVP-Nationalrat, selbst Landwirt im Berner Oberland und Präsident der Interessengemeinschaft öffentliche Märkte (IGöM), war gerade in Burgdorf BE, wo Bauern ihre Tiere auf den Schlachtviehmarkt brachten. Im Gespräch dort erzählten sie ihm von den Fällen auf ihren eigenen Betrieben zu Hause – und was sie berichteten, sei teils zutiefst tragisch gewesen, so Wandfluh. Darunter auch Berichte von Kühen, die an der Krankheit gestorben sind.

Verschärft wird die Lage auf den Höfen zusätzlich durch die Futterknappheit: Nach Wochen ohne nennenswerten Niederschlag sind die Weiden vielerorts leer, das Grundfutter wird knapp. Die Bauern seien entsprechend dünnhäutig, wenn zur Trockenheit nun auch noch kranke und teils sterbende Tiere in der Herde dazukommen. Trotz dieser schwierigen Ausgangslage sei der Handel an den öffentlichen Märkten laut Wandfluh bislang bemerkenswert stabil geblieben: Die Preise hätten sich gehalten.

Ein Betrieb, dokumentiert in Echtzeit

Wie schnell sich das Geschehen rund um die kranken Kühe auf einem einzelnen Hof entwickeln kann, zeigen Screenshots, die ein Betrieb im Kanton Luzern der BauernZeitung aus der App seines Melkroboters geschickt hat. Bei mehreren Kühen bricht die Tagesmilchmenge innerhalb weniger Tage um deutlich mehr als 50 Prozent ein – Kurven, die sonst brav um ihren individuellen Erwartungswert pendeln, stürzen regelrecht ab.

Was den Betrieb dabei am meisten umtreibt, ist das Tempo. Im vergangenen Herbst und Winter 2025/26 hatte er einen ähnlichen, kurzzeitigen Milcheinbruch bei einzelnen Kühen bereits beobachtet – damals betraf es in vier Monaten insgesamt drei Tiere. Vor rund zwei Wochen zeigte nun die erste Kuh dieses Sommers die Symptome. Mittlerweile sind rund 30 Prozent des 42-köpfigen Bestandes betroffen. Was früher ein Randphänomen war, ist innert zwei Wochen zu einem Herdenproblem geworden – eine Beschleunigung, die der Betriebsleiter gegenüber der BauernZeitung selbst als kaum fassbar beschreibt.

Aus mehreren Regionen wird zudem berichtet, was aktuell vielerorts die Runde macht: Praktisch überall ist von frischgekalbten Kühen die Rede, die trotz bester Verfassung kurz nach der Geburt nur noch rund 20 Liter Milch geben – deutlich weniger, als man von solchen Tieren erwarten würde. Befragte Tierärzte, die Auskunft geben (das tun nicht alle), verbringen nach eigenen Angaben einen bedeutenden Teil ihrer Arbeitszeit derzeit nur noch mit der Behandlung dieser Fälle. Vereinzelt wird zudem beobachtet, dass Anbindeställe weniger betroffen scheinen als Betriebe mit Laufstall und Melkroboter – belastbar belegen lässt sich das aber nicht, dafür sind es zu wenige, zufällig bekannt gewordene Einzelfälle.

Ebenso vorsichtig einzuordnen ist ein weiterer Eindruck aus mehreren Gesprächen: Es wirkt, als erwische es zunächst die leistungsstärksten Kühe, bevor weitere Tiere der Herde folgen, und als sei praktisch nie nur ein einzelnes Tier betroffen, sondern meist mehrere pro Betrieb. Ob das tatsächlich ein Muster ist oder sich nur so anfühlt, weil die BauernZeitung bislang primär mit stark betroffenen Betrieben im Austausch steht, lässt sich mit den vorliegenden Fällen nicht sauber unterscheiden. Auffällig ist immerhin: Praktisch jeder Betrieb, mit dem die Redaktion Kontakt aufgenommen hat, meldet in irgendeiner Form Fälle – was für sich genommen schon bemerkenswert ist.

Der eine, gut dokumentierte Betrieb im Kanton Luzern ist damit letztlich nur ein Ausschnitt aus einem viel grösseren Bild: Das Geschehen beschränkt sich nicht auf einzelne Regionen, sondern scheint sich über weite Teile der Schweiz auszubreiten. Seltsam ist dabei vor allem, wie wenig die üblichen Erklärungsmuster zu greifen scheinen.

Ein Landwirt aus dem Berner Seeland etwa berichtet, dass es bei ihm keineswegs nur die hochleistenden, empfindlicheren Tiere trifft – auch als besonders robust geltende Kuhrassen seien betroffen. Ebenso wenig lässt sich das Geschehen an das Haltungssystem knüpfen: Weidebetriebe und Betriebe mit ganzjähriger Laufstallhaltung ohne Weide melden gleichermassen Fälle, unabhängig davon, wie die Tiere gehalten werden. Gerade weil weder Robustheit noch Haltungsform einen schützenden Unterschied zu machen scheinen, wirkt die Wucht, mit der praktisch alle kontaktierten Betriebe betroffen sind, umso rätselhafter.

Wetter und Milchmenge im Vergleich

Die Datumsangaben auf den Roboter-Screenshots des einzelnen Betriebs aus Luzern erlauben einen direkten Abgleich mit der Wetterkurve – und der ist aufschlussreich. Eine erste, kurze Episode zeigt sich bereits am 8. Juli: An diesem Tag bricht die Tageskurve einer Kuh von rund 47 auf 31 Kilogramm ein, um sich bis zum 12./13. Juli wieder vollständig zu erholen. Das fällt genau in den Beginn der zweiten Hitzewelle, die laut MeteoSchweiz ab dem 9. Juli einsetzte – dieser erste, isolierte Fall passt damit eher zum Einsetzen der Hitze selbst als zu deren Ende.

Ganz anders das Bild bei den übrigen Kühen desselben Betriebs: Deren Kurven verlaufen bis Mitte Juli weitgehend stabil um ihren Erwartungswert und brechen erst zwischen dem 18. und 21. Juli reihenweise ein – bei einer Kuh von 35 auf 24 Kilogramm, bei einer anderen von rund 32 auf 20, bei einer dritten von 29 auf 13 Kilogramm. Das deckt sich exakt mit dem Ende der zweiten Hitzewelle: Diese brach laut MeteoSchweiz um den 15./17. Juli mit Gewittern und Regen zusammen, die Temperaturen fielen auf 20 bis 25 Grad. Zwischen diesem Wetterumschwung und dem reihenweisen Einbruch der Milchmengen liegen damit rund drei bis sechs Tage – ziemlich genau jenes Zeitfenster, das die Forschung für eine verzögerte Reaktion auf Hitzestress beschreibt.

Mit anderen Worten: Der einzelne, früh aufgetretene und rasch wieder abgeklungene Fall vom 8. Juli passt zum Einsetzen der Hitze. Die grosse, gleichzeitige Welle ab dem 18. Juli passt dagegen exakt zum Abklingen der zweiten Hitzewelle – nicht zu deren Höhepunkt. Beide Male liegt zwischen Wetterereignis und Reaktion der Kühe eine Verzögerung von mehreren Tagen, nie eine sofortige Reaktion.

2003 und 2026 im Vergleich – ein Blick ins Archiv, was wir genau wissen

Um einzuordnen, ob der Sommer 2026 tatsächlich aussergewöhnlich ist, lohnt der Vergleich mit dem bisherigen Referenzjahr, dem Hitzesommer 2003. Wie MeteoSchweiz und SRF Meteo in ihren Rückblicken festhalten, war jener Sommer praktisch durchgehend heiss, mit zwei ausgeprägten Höhepunkten: einem Rekord-Juni, der in vielen Regionen zum wärmsten Monat seit Messbeginn 1864 wurde, und einem noch extremeren August, in dem am 11. August in Grono im Kanton Graubünden mit 41,5 Grad der bis heute gültige Schweizer Rekordwert gemessen wurde. Eine längere Verschnaufpause dazwischen kannte dieser Sommer kaum.

Wie genau sich die erste diesjährige Hitzewelle in dieses historische Bild einordnet, hat MeteoSchweiz in ihrem Blog vom 30. Juni 2026 minutiös aufgearbeitet. Über zehn Tage gemittelt (19. bis 28. Juni) erreichten die Tagesmaxima an mehreren Stationen einen neuen Allzeitrekord – nirgends war seit Messbeginn vor rund 160 Jahren eine 10-Tages-Periode heisser. In Bern-Zollikofen (34,5 Grad), Luzern (34,4 Grad) und Genf (35,6 Grad) belegte die Welle diesbezüglich Rang 2 und wurde nur von jener im August 2003 übertroffen.

Bern-Zollikofen verzeichnete zudem mit 13 Hitzetagen in Folge einen neuen Allzeitrekord seit 1864 – zum Vergleich: 2022 waren es in Lugano 14 in Folge, 1911 in Neuchâtel 18. Selbst auf dem Napf, immerhin 1406 Meter über Meer, wurde erstmals überhaupt ein Hitzetag registriert. Auch die Nächte boten kaum Erholung: Rekord-Tiefsttemperaturen von 21,1 Grad in Bern-Zollikofen, 23,0 Grad in Basel/Binningen und 25,3 Grad in Lugano wurden gemessen. Den Höhepunkt erreichte die Welle am 26. und 27. Juni mit 39,0 Grad in Basel – ein neuer Allzeitrekord für die Deutschschweiz.

Wie stark der Klimawandel bei alldem mitspielte, hat die internationale Forschungsgruppe World Weather Attribution direkt im Anschluss an die Hitzewelle berechnet: Ein Ereignis dieser Art wäre vor 50 Jahren praktisch unmöglich gewesen – dieselbe Wetterlage wäre damals rund 3,5 Grad kühler ausgefallen. Über die vergangenen 23 Jahre hat die Klimaerwärmung derart hohe nächtliche Tiefsttemperaturen rund 100-mal wahrscheinlicher gemacht, entsprechend hohe Tageshöchstwerte rund 10-mal wahrscheinlicher.

2026 präsentiert sich damit anders als 2003: Statt einer einzigen langen Periode gab es zwei klar voneinander getrennte Hitzewellen mit einer kühleren Phase dazwischen – die geschilderte Rekordwelle im Juni und eine zweite, schwächere vom 9. bis 13./14. Juli, die um den 15./17. Juli mit Gewittern zusammenbrach und Temperaturen von 20 bis 25 Grad brachte.

50 Mio. Franken Verlust

Was die landwirtschaftlichen Folgen von 2003 angeht, liefert ein Fachartikel der Zeitschrift Agrarforschung Schweiz aus dem Jahr 2004 die verlässlichsten Zahlen: Ernterückgänge bei Ackerkulturen und im Futterbau von durchschnittlich bis zu 20 Prozent gegenüber den Vorjahren, Gesamtverluste für die Landwirtschaft von bis zu 500 Millionen Franken, dazu gezielte Massnahmen von Bund und Kantonen gegen Engpässe bei der Tierversorgung.

Zu Durchfallwellen, Todesfällen oder vergleichbaren Krankheitsbildern bei Milchkühen findet sich darin allerdings nichts – was aber auch daran liegen dürfte, dass Melkroboter mit Einzeltier-Tracking, wie sie heute solche Verläufe sichtbar machen, 2003 kaum verbreitet waren. Ob es damals ein ähnliches Krankheitsgeschehen gab und es schlicht nicht erfasst wurde, oder ob es das tatsächlich nicht gab, lässt sich im Nachhinein nicht mehr klären. Bekannt ist es jedenfalls nicht.

Auch aus Aargau, Solothurn und Baselland kommen Meldungen

Nicht nur aus Bern und Luzern, auch aus dem Aargau, aus Solothurn und aus dem Baselland treffen bei der BauernZeitung mittlerweile Meldungen ein, und das Bild aus dem Baselland stimmt nicht restlos mit dem bisher Beschriebenen überein. Ein Kontakt von dort schildert vor allem eines: Im Pansen steigt die Temperatur extrem an, der Pansen ist spürbar heisser als sonst. Die Milchmenge bricht dabei teils auf bis zu einen halben Liter pro Melkung ein. Durchfall dagegen habe er nicht unbedingt beobachtet – die Milch sei zwar praktisch überall zurückgegangen, das auffällige Durchfallbild aus Bern und Luzern fehle bei ihm aber weitgehend.

Als möglichen Verdächtigen bringt er die Blauzungenkrankheit (Bluetongue, BTV) ins Spiel – genauer: eine mögliche Mutation des Virus. Das ist keineswegs aus der Luft gegriffen: In der Schweiz zirkulieren aktuell die Serotypen BTV-3 und BTV-8, ein Eintrag von BTV-4 aus Nachbarländern gilt als wahrscheinlich, und Fachleute schliessen einen genetischen Austausch zwischen zirkulierenden Virusvarianten – und damit eine neue Variante – ausdrücklich nicht aus.

Anders als beim bovinen Coronavirus passt das Symptombild der Blauzungenkrankheit zudem eher zu dem, was aus dem Baselland geschildert wird: Fieber, Schleimhautentzündungen, Leistungseinbruch und Fruchtbarkeitsprobleme stehen im Vordergrund, Durchfall gehört nicht zum typischen Bild. Ein entscheidender Unterschied zum bovinen Coronavirus kommt hinzu: Die Blauzungenkrankheit ist eine gemäss Tierseuchenverordnung meldepflichtige Tierseuche – anders als BCoV müsste ein bestätigter Fall also den Behörden gemeldet werden.

Wie kommt die Krankheit auf den Hof

Viele Betriebsleiter erklären, dass in den letzten Wochen wenig Bewegung auf dem Hof stattfand. Aber wie kommt nun ein Erreger auf einen Hof, der praktisch keinen Aussenkontakt hat? Zwei konkrete Studien liefern dazu einen naheliegenden Verdächtigen, den man auf den ersten Blick leicht übersieht: den Lastwagen. Eine norwegisch-schwedische Forschungsgruppe von der Norwegischen Universität für Lebenswissenschaften wies 2018 in einer im Fachjournal «BMC Veterinary Research» veröffentlichten Studie nach, dass BCoV auch über kontaminierte Kleidung, Stiefel und Ausrüstung von Betrieb zu Betrieb weitergetragen werden kann: Bei 46 Prozent der untersuchten Personen liess sich das Virus 30 Minuten nach Kontakt mit infizierten Kälbern noch auf der Nasenschleimhaut nachweisen, und auf gereinigten, augenscheinlich sauberen Gegenständen wie Stethoskopen oder Armbanduhren blieb infektiöses Virus mindestens 24 Stunden lang nachweisbar.

Wie stark solche indirekten Kontakte die Ausbreitung zwischen Betrieben tatsächlich befeuern können, hat ein italienisches Forschungsteam um Gianluigi Rossi 2017 in der Fachzeitschrift «Scientific Reports» modelliert. Anhand realer Besuchsdaten von Tierärzten auf Milchviehbetrieben zeigten sie, dass indirekte Kontakte über Personen und Fahrzeuge die Ausbreitungsdynamik von Tierseuchen erheblich beeinflussen können. Unter Verweis auf frühere Studien halten sie zudem fest, dass neben Tierärzten und Besamungstechnikern auch Milchsammelwagen, Viehtransporter und Tierkörper-Entsorgungsfahrzeuge zu den besonders risikoreichen Kategorien für eine solche Verschleppung zählen, weil diese in engen Kontakt mit den Tieren respektive deren Ausscheidungen kommen.

Gerade der Milchsammelwagen ist insofern ein naheliegender Kandidat, weil er mehrmals wöchentlich bei fast jedem Milchviehbetrieb einer Region vorfährt, unabhängig davon, ob sonst irgendein Besucher auf den Hof kommt. Ein Betrieb, der von sich sagt, keinen Tierarztkontakt und keine Bedenken gehabt zu haben, hatte in aller Regel trotzdem Besuch vom Fahrzeug, das die Milch abholt – Tag für Tag, auf dem Weg von Hof zu Hof.

Was das für die Biosicherheit heisst

Für die Betriebe bedeutet das: Biosicherheit endet nicht beim Tierarztbesuch. Wer verhindern will, dass ein Erreger über Fahrzeuge oder Ausrüstung von Hof zu Hof getragen wird, sollte auch bei alltäglichen, scheinbar harmlosen Kontakten wie der Milchabholung auf saubere Übergänge achten – etwa separate Stiefel oder eine Reinigungsstation am Hofeingang. Ob das im aktuellen Geschehen tatsächlich der entscheidende Übertragungsweg ist, bleibt offen. Angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich die Krankheit von Betrieb zu Betrieb und innerhalb einzelner Herden ausbreitet, dürfte es sich aber lohnen, genau hinzuschauen, wer und was tatsächlich täglich über den Hof kommt. Und natürlich bleibt wieder die Frage zum Schluss: Was ist es, Hitzestress oder ein Virus, oder eben beides? Und was jetzt?

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