Vollkosten neu online verfügbar – was das bringen soll

Was kostet ein bestimmter Betriebszweig, was wäre ein passender Mindestpreis und wird die eigene Arbeit angemessen entlöhnt? Solche Fragen sollen Vollkostenberechnungen klären.

Wenn es wirtschaftlich nicht aufgeht, bleibt kein Landwirtschaftsbetrieb lange bestehen. Einen Überblick über sämtliche Kosten von Betriebszweigen – bestehenden oder möglichen neuen – zu bekommen, ist allerdings nicht immer einfach.

Helfen können Vollkostenberechnungen, die Agroscope neu online zur Verfügung stellt. Es handelt sich um eine Exceldatei mit zahlreichen Blättern, die detaillierte Zahlen für Betriebszweige von Brotgetreide (mit und ohne Produktionssystembeiträge) über Milch, Schweine- und Pouletmast bis zu Zuckerrüben enthält.

Verschiedene Kosten einem Betriebszweig zuordnen

«Die Vollkostenrechnung ermöglicht es, sämtliche Kosten – einschliesslich kalkulatorischer Kosten für das Eigenkapital und die eingesetzte Arbeit – einem Betriebszweig zuzuordnen», schreibt Agroscope zur neuen Publikation. So werde die tatsächliche Wirtschaftlichkeit des jeweiligen Betriebszweigs transparent dargestellt und Betriebsleitende könnten abschätzen, ob es sich finanziell lohnen würde.

Künftig sollen diese Daten jährlich online zur Verfügung gestellt werden, um Landwirt(innen), Beratungspersonen sowie Forschenden fundierte Entscheidungsgrundlagen zu bieten. Die erste, jetzt verfügbare Version basiert auf Zahlen aus dem Jahr 2024 und liefert Informationen zu Erlösen, Direktkosten, Arbeitskosten sowie weiteren Gemeinkosten.

Ob die Eigenleistung angemessen entlöhnt wird

Als mögliche Anwendung der Vollkostenberechnungen nennt Petyo Bonev, Leiter der Gruppe Unternehmensführung und Wertschöpfung bei Agroscope, das Bestimmen von Preisuntergrenzen. «Der Landwirt oder die Landwirtin kann erkennen, welchen Preis er oder sie mindestens erzielen muss, um alle Kosten zu decken.» 

Vollkosten könnten Investitionsentscheide in Maschinen, Ställe oder Produktionsverfahren unterstützen. Zuletzt könne man auch Eigenleistungen damit bewerten, heisst es bei Agroscope. Die eigene Arbeit, das eingesetzte Eigenkapital und der Boden werden als Kosten eingesetzt. «Dadurch wird sichtbar, ob der Betrieb auch diese Faktoren angemessen entlöhnt», sagt Bonev.

Agristat arbeitet an noch aussagekräftigerem Instrument

Vollkosten seien wichtige Grundlagen für die Betriebe als wirtschaftlicher Benchmark und für die Branche in Preisverhandlungen, stimmt Sandra Helfenstein zu. «Von dem her begrüssen wir es, dass Agroscope diese jährlich online zur Verfügung stellt», sagt die Kommunikationsleiterin des Schweizer Bauernverbands (SBV).

Dessen statistischer Dienst, Agristat, arbeite indes an einer neuen Lösung, bei der diese Vollkostendaten mit den relevanten Indizes der Produktionskosten kombiniert werden. Dies, um ein «noch aussagekräftigeres und aktuelleres Instrument für Preisdiskussionen bereitzustellen», erklärt Helfenstein.

Woher kommen die Zahlen?

Die Vollkostenzahlen von Agroscope basieren auf den anonymen Daten aus der Zentralen Auswertung von Buchhaltungsdaten (ZA-BH). Diese Daten stellen Landwirt(innen) den Forschenden freiwillig zur Verfügung, wofür sich Petyo Bonev in der Mitteilung von Agroscope dankbar zeigt. «Die zentrale Auswertung ist in der Schweiz derzeit die beste Datengrundlage im Bereich Einkommen», erläutert Sandra Helfenstein.

Die Daten wiesen ihr zufolge eine hohe Qualität auf, seien durch die Stichprobengrösse repräsentativ und würden regelmässig aktualisiert. Für gewisse Betriebszweige – insbesondere Spezialkulturen – seien für belastbare Vollkostenrechnungen allerdings zusätzliche Daten notwendig. Denn in diesem Bereich lieferten nur wenige Betriebe Zahlen an die ZA-BH und es wäre ein höherer Detailgrad an Informationen nötig, als ihn Agroscope erfasse. «Deshalb erfolgt die Datenerhebung heute subsidiär durch die Branche», so Helfenstein.  

Aufwändig, kann aber aufschlussreich sein

Die übliche Betriebsbuchhaltung decke die Stufe Deckungsbeitrag ab, fährt sie fort. Im Gegensatz dazu könnten in der Vollkostenrechnung Gemeinkosten wie Infrastruktur, Maschinen oder Arbeitseinsatz auf die Produktionszweige verteilt werden, was die Berechnung des Arbeitsverdienstes pro Stunde ermögliche.

«Das ist natürlich mit Aufwand verbunden, kann aber sehr aufschlussreich sein, um sich der Kostenstruktur des eigenen Betriebs bewusst zu werden», hält Sandra Helfenstein fest. Es liess sich die Rentabilität einzelner Betriebszweige berechnen und auf dieser Grundlage könne man die Betriebsstrategie optimieren oder Investitionsentscheide treffen.

«Hierfür gibt es verschiedene Planungstools, die je nach Betrachtungsebene – gesamtbetrieblich oder einzelne Kulturen – und je nach Spezialisierung des Betriebs geeignet sind.»

Erkenntnisse aus den Vollkosten für die Milchwirtschaft

Die Schweizer Milchproduzenten (SMP) reagieren auf die Veröffentlichung der neuen Vollkosten mit einer Mitteilung, in der sie (erneut) auf den tiefen Stundenlohn von ÖLN-Milchviehbetrieben aufmerksam machen. Den aktuellen Zahlen zufolge lag er 2024 bei 13,37 Franken – gegenüber einem Vergleichslohn im Talgebiet in der Höhe von 42 Franken pro Arbeitsstunde. Angesichts dieser grossen Differenz, gesunkener Milchpreise und gestiegener Produktionskosten, setzten sich die SMP daher für Verbesserungen am Markt und bei den agrarpolitischen Rahmenbedingungen ein. «Die laufenden Arbeiten innerhalb der Branche müssen dazu beitragen, die Milchmengen besser auf die Verarbeitungskapazitäten abzustimmen», so der Verband weiter. Zudem müssten die Importe angegangen, die Planungssicherheit erhöht und verlässliche vertragliche Rahmenbedingungen geschaffen werden. Alles mit dem Ziel von Milchpreisen, die die Leistungen und Kosten der Milchproduzent(innen) berücksichtigen.

23 Prozent aus Viehverkauf, 21 Prozent aus Direktzahlungen

Eine weitere Erkenntnis der SMP aus den Agroscope-Zahlen: Rund 23 Prozent der Markterlöse in der Milchwirtschaft werden über den Viehverkauf erzielt. Daher sei es umso wichtiger, finden die SMP, auch diese Erlöse auf einem tragfähigen Niveau zu halten. Gleichzeitig stammten 21 Prozent des Gesamterlöses der untersuchten Betriebe aus den Direktzahlungen. In diesem Zusammenhang verlangt der Verband eine stärkere wirtschaftliche Perspektive der Milchproduktion im Schweizer Grasland dank verbesserter politischer Rahmenbedingungen, eine Weiterentwicklung des Grenzschutzes und eine Anpassung der Verkäsungszulage.

Höhere Anforderungen nur dort, wo sie bezahlt werden

Zuletzt ergänzen die SMP, Investitionen seien vorsichtig zu kalkulieren und, wo immer möglich, Kosten einzusparen. «Gleichzeitig sind der Bund, die Labelinhaber und weitere Akteure aufgefordert, höhere Anforderungen nur dort festzulegen, wo eine entsprechende Mehrabgeltung über den Markt oder durch Direktzahlungen erfolgt», schliesst die Mitteilung. 

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