Thomas Rüttimann richtet seinen Betrieb konsequent auf das Graswachstum aus

Thomas Rüttimann aus Abtwil AG setzt seit über 20 Jahren auf konsequente Weidemilchproduktion. Seine 64 Kühe müssen keine Leistungsrekorde brechen.

Wenig Mechanisierung, saisonale Abkalbung und eine vorteilhafte Flächenstruktur sind die Eckpfeiler der Low-Cost-Strategie von Thomas Rüttimann. Dabei kann er auf die tatkräftige Unterstützung seiner Familie zählen.

Die Kuh soll das Gras selber holen

«Eine Handvoll Gras gibt nur einmal Milch. Wenn die Kuh das Gras selber holt, bleibt vom Ertrag dieser Milch beim Bauern mehr. Die Kosten für Futterbergung und Fütterung fallen so weg.» Mit dieser Rechnung bringt Thomas Rüttimann seine Betriebsphilosophie auf den Punkt. Der Bauer aus Abtwil im aargauischen Freiamt bewirtschaftet 35 Hektaren LN und hält 64 Milchkühe mit einer durchschnittlichen Jahresleistung von rund 5500 Kilogramm.

Den Anstoss zur Umstellung erhielt er 2001 an einer Weidetagung am Waldhof. Dort lernte er das System von Hansjürg Fuhrimann kennen. Die Milchproduktion auf das Wachstum des Weidegrases auszurichten, überzeugte ihn. Seither hat er seinen Betrieb konsequent darauf ausgerichtet.

Thomas Rüttimann ist überzeugt vom Weidemilch-System. Mit wenig Input günstig Milch zu produzieren, ist seine Leidenschaft. (Bild: Familie Rüttimann)

Auch züchterisch hat sich einiges verändert. Früher standen Schweizer Fleckvieh und Red Holstein im Stall. Heute prägen KiwiCross, neuseeländische Holsteins und Friesen die Herde. Rüttimann sucht eine funktionelle, weidetaugliche Kuh mit guter Eutergesundheit, tiefen Zellzahlen und passender Körpergrösse. Der 1994 erbaute Stall mit seinen Liegeboxen und teilweise schmalen Laufgängen setzt dabei Grenzen. Übergrosse Kühe wären hier fehl am Platz.

Nach der Abkalbesaison ist wieder Ruhe

Ein entscheidender Pfeiler des Systems ist die saisonale Abkalbung. Ende Januar kommen die ersten Kälber zur Welt. Bis Ende Februar haben bereits zwei Drittel der Kühe abgekalbt. Damit fällt die Phase der höchsten Milchleistung mit dem einsetzenden Graswachstum zusammen.

Ende April beginnt die Besamungszeit. Während der ersten drei Wochen werden die meisten Kühe mit gesextem Sperma besamt. Anschliessend übernimmt ein geleaster Angus-Stier die Arbeit. Die konzentrierte Abkalbesaison bedeutet während einiger Wochen viel Arbeit. Für Rüttimann lohnt es sich deshalb, einen Tränkeautomaten zu mieten. Bereits nach zwölf bis 24 Stunden kommen die neugeborenen Kälber in eine grössere Gruppe, wo sie am Automaten ad libitum Milch aufnehmen können.

«Im Vergleich mit anderen Betrieben bekommen unsere Kälber zu viel Milch. An dieser Stellschraube könnte man noch mehr drehen», meint Rüttimann selbstkritisch. Nach dem Absetzen gehen die Kälber im Aufzuchtvertrag auf einen anderen Betrieb.

Der grosse Vorteil liegt für ihn in der zeitlich begrenzten Arbeitsbelastung: «Gerade die Abkalbezeit ist sehr intensiv, aber der Vorteil unseres Systems ist, dass du mit jeder Arbeit einmal fertig wirst; so hat Ende April auch die letzte Kuh gekalbt, einen Monat später ist der letzte Tränker weg und bis nächsten Januar siehst du kein Kalb mehr im Stall.»

Der Unterbruch kommt auch der Kälbergesundheit zugute. Der Stall kann nach der Aufzuchtperiode gründlich gereinigt werden und bleibt anschliessend während Monaten leer. Rüttimann erinnert sich an eine Aussage seines Viehhändlers: «Der Viehhändler sagte mir, dass aus solchen Betrieben wie dem unsrigen immer gesunde Kälber kämen.»

Die ganze Familie hilft mit

«Auf dem Betrieb bin ich nicht auf mich allein gestellt. Ich kann jederzeit auf die Mithilfe meiner Frau Judith zählen. Und auch zwei unserer drei Töchter interessieren sich für die Landwirtschaft und packen auf dem elterlichen Betrieb mit an», sagt der Aargauer. Die eine Tochter, Anna, studiert Agronomie an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) in Zollikofen BE. «Kira absolviert derzeit ein landwirtschaftliches Praktikum und will im nächsten Jahr ebenfalls das Agronomiestudium an der HAFL in Angriff nehmen», fährt er fort.

Die tatkräftige Unterstützung von Judith, Anna und Kira kommt Thomas Rüttimann insbesondere während der intensiven Abkalbesaison und bei anderen Arbeitsspitzen entgegen. Ausserhalb dieser Phasen ist der Betrieb so organisiert, dass er mit wenig personellem Aufwand geführt werden kann.

2003 erlebte Rüttimann erstmals eine Melkpause. Es war für ihn ein Schlüsselerlebnis. «Das Weidemilch-System mit saisonaler Abkalbung bringt dem Betriebsleiter und seiner Familie grosse Freiheiten», sagt er. 2007 konnte die ganze Familie dank einer zuverlässigen Betriebsvertretung für fünf Wochen nach Neuseeland reisen. Das Land der Weidemilch blieb für ihn interessant. Vor drei Jahren absolvierte er auf der Südinsel ein einmonatiges Praktikum auf einem Milchviehbetrieb mit 950 Kühen.

Im Herbst wird nur noch geweidet

Bei Rüttimanns beginnt die Weidesaison Ende Februar. Wenn es rund läuft, gibt es ab Ende März bis Ende Oktober keine Zufütterung im Stall. In dieser Zeit sind die Kühe Tag und Nacht auf der Weide. Im Sommer, bei Hitze, gehen sie im Verlauf des Vormittags in den Stall. Auf den meisten Weiden sind die Tränken direkt an die Wasserversorgung angeschlossen. Die Parzellen sind ein bis vier Hektaren gross, und zweimal täglich wird eine neue Portion eingezäunt. Im Winter wird mit dem Pneulader Gras- und Maissilage vorgelegt, während der Galtzeit zusätzlich Ökoheu.

Ganz ohne Zufütterung ging es im diesjährigen Trockensommer nicht. Die schweren Böden liefern zwar lange Wasser nach, dennoch musste Thomas Rüttimann im Juli und August täglich eine Siloballe im Stall zufüttern. Ab Anfang August wird auf seinem Betrieb kein Futter mehr konserviert. Die vorhandenen Flächen stehen danach ausschliesslich den weidenden Tieren zur Verfügung. «Mein Ziel ist, im Herbst möglichst lange weiden zu können», erklärt er.

Das konsequente Weiden von Ende Februar bis November ermöglicht die Produktion von kostengünstiger Milch. (Bild: Familie Rüttimann)

Dass die Kühe dabei etwas älteres Gras aufnehmen, ist erwünscht. Nach seiner Erfahrung beugt dies auch dem Blähen vor. Mit der Zufütterung hält er sich möglichst zurück: «Und im Stall kein Futter vorlegen, sonst fressen sie draussen weniger.»

Der Traktor stammt aus dem Jahr 1993

Auch bei der Mechanisierung bleibt Rüttimann seiner Low-Cost-Strategie treu. Sein Allradtraktor hat Jahrgang 1993, einen eigenen Kreiselschwader besitzt er nicht. Futterbergung, Silieren und die Arbeiten beim Anbau der zwei bis drei Hektaren Silomais überlässt er weitgehend Lohnunternehmern. Auf dem gesamten Betrieb werden jährlich nicht einmal ganz 2000 Liter Diesel verbraucht.

Die steigenden Kosten für Maschinen, Service und Unterhalt betrachtet er kritisch. Schliesslich müssten diese Investitionen mit zusätzlichem Milcherlös finanziert werden. Das ist nicht seine Vorstellung von wirtschaftlicher Milchproduktion. «Ich will nicht mit meiner Arbeit zahllose vor- und nachgelagerte Betriebe mitfinanzieren».

Eine Unterführung für die Weidekühe

Eine Besonderheit des Betriebs ist die Gesamtmelioration der Gemeinde Abtwil. Rüttimann ist als Aktuar in deren Ausführungskommission engagiert und bezeichnet die Güterzusammenlegung als «Projekt, von dem die ganze Landwirtschaft von Abtwil enorm profitiert».

Die Planungen begannen 2009, der Neulandantritt erfolgte 2018. Waren seine Flächen vorher auf rund 30 über das ganze Dorfgebiet verstreute Parzellen verteilt, sind es heute noch rund zehn. Sie sind durch ausgebaute Weidewege und eine Unterführung unter der Kantonsstrasse erschlossen.

Durch die Melioration wurden grosse Parzellen geschaffen. Mit Weidewegen und einer Unterführung ist der Weidegang sicher geworden. (Bild: Familie Rüttimann)

Dadurch können die Kühe einen grossen Teil der Flächen selbstständig und auch bei Dunkelheit sicher erreichen. Auch die Güllewirtschaft wurde vereinfacht. Heute kann Rüttimann seine Weideflächen verschlauchen. «Ich habe seit Jahren kein Druckfass mehr angehängt», stellt er zufrieden fest.

Mehr Weide statt mehr Milch

Auch zur Diskussion um die zu hohen Milchmengen in der Schweiz hat Rüttimann eine klare Meinung: «Die Weidehaltung müsste von der Politik mehr gefördert werden, so könnten die Milchmengen reduziert werden», sagt er. Er ist sich sicher, dass die Milchproduktion so stärker an der betriebseigenen Grasgrundlage ausgerichtet würde.

«Wenn nochem Maise de Bitz ihagisch, blibt kein Cholbe zrugg», schreibt Rüttimann zu diesem Bild. (Bild: Familie Rüttimann)

Dass sein System der saisonalen Milcheinlieferung durch die Abnehmerin der Milch, die ZMP (Zentralschweizer Milchproduzenten), unterstützt wird, schätzt und würdigt er sehr.

Nach mehr als zwei Jahrzehnten Weidemilchproduktion ist für ihn nicht die maximale Milchleistung entscheidend, sondern was unter dem Strich übrig bleibt. Ebenso wichtig ist die Lebensqualität. Während der Arbeitsspitzen wird gemeinsam angepackt, danach kehrt wieder Ruhe ein. Oder wie Rüttimann es ausdrückt: Man wird mit jeder Arbeit einmal fertig.

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