«Ich habe kein Problem, wenn man keinen sieht, wir sind hier in der Natur. Das ist keine Voliere.» Mit dieser Aussage hatte Nationalratspräsident Andreas Aebi (SVP/BE) heute morgen die Lacher auf seiner Seite. Gemeinsam mit seiner Frau Thea liess der Landwirt aus Alchenstorf sich von BirdLife-Geschäftsführer Raffael Ayé und Weggefährten die drittgrösste Kiebitzkolonie der Schweiz zeigen. Die Kiebitze machten sich zwar rar an diesem nebligen Morgen, aber ihr Ruf war zu hören wie auch der schöne Gesang der Feldlerche, die ebenfalls hier lebt.

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Die Kiebitze machten sich rar an dem nebligen Juni-Morgen im Seeland. Links wächst Mais, rechts eine Kiebitzmischung. (Bild Jeanne Woodtli)

Wieder 15 Brutpaare

15 Brutpaare leben mittlerweile wieder auf den eingezäunten sechs Hektaren. 1995 gab es noch 70 Brutpaare im Grossen Moos. Anfang der Nullerjahre kein einziges mehr, wie Biologe Paul Mosimann erklärte. Zusammen mit Stephan Strebel führt er ein Planungsbüro in Ins im Bereich Landschaft- und Naturschutz. Gemeinsam kümmern sie sich im Auftrag von BirdLife um die Kiebitzkolonie. Dieses Jahr dürften etwa neun Jungtiere überlebt haben, denn der feuchte, kalte April machte ihnen zu schaffen. Bei rund 100 Eiern sei der Bruterfolg zwar bescheiden, aber für Kiebitze sei dieser Wert normal. 

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So sehen Kiebitze aus, wenn man sie zu Gesicht bekommt: Im Grossen Moos brüten wieder um die 15 Paare. (Bild Lucas Lombardo, BirdLife Schweiz)

Roger und Paul Schwab gaben ihre Zuckerrüben auf

2017 liessen sich spontan Kiebitze auf einem Zuckerrübenfeld von Paul und Roger Schwab nieder (die BauernZeitung berichtete). «Überrascht», sei er damals gewesen, sagt Junior Roger Schwab im Gespräch mit der BauernZeitung. Vater und Sohn waren bereit, die Zuckerrüben zugunsten der seltenen Watvögel aufzugeben. Doch ganz so einfach war es dann doch nicht. «Erstmal mussten wir mit der Zuckerfabrik Kontakt aufnehmen, denn wir hatten ja einen Abnahmevertrag. Diese zeigte sich aber sofort kulant.»

Kiebitz-Mischung eingesät

Bereits zum fünften Mal sind die Kiebitze nun auf das Land der beiden und eines Berufskollegen zurückgekehrt. Insgesamt sechs Hektaren sind eingezäunt, auf dem Teil von Schwabs wächst heuer Mais, auf der Parzelle von Andreas Gugger wurde heuer eine Kiebitzmischung angesät. Diese enthält Ölrettich, Buchweizen, Flachs und Phacelia.

Kiebitze mögen abfrierende Gründüngungen, denn sie wollen im Frühling wenig Vegetation, wie Raffael Ayé ausführte. «Es gibt zwei Strategien von Bodenbrütern. Man kann sich gut verstecken oder gut schauen, damit man im Notfall wegfliegen kann. Kiebitze wollen gut schauen und deshalb rundum Sicht haben.»

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Ein Kiebitz-Junges wartet auf seine Mutter. (Bild Lucas Lombardo, BirdLife Schweiz)

Zaun und Bewässerung

Was die gefährdeten Vögel auch mögen, ist Wasser. Als sich der Vogels des Jahres 2019 vor fünf Jahren hier niederliess, lag Wasser auf der Parzelle. Ursprünglich stammen die Kiebitze aus Moorgebieten. Mittlerweile werden die Felder seit Februar mit einer Solarpumpe aus dem direkt nebenan liegenden Kanal bewässert. Das gefalle den Vögeln sehr, hiess es am Medienrundgang. 

Der kilometerlange mit Solarstrom betriebene Zaun schützt die Kiebitze vor Räubern wie Füchsen. Auf Flexinetze wurde bewusst verzichtet, weil sich darin Feldhasen und andere Kleintiere verfangen können. Weitere Feinde sind der Graureiher, der Rot- und der Schwarzmilan oder die Mittelmeermöwe.

Die Kiebitze wehren sich aber durchaus, wie die anwesenden Fachleute erklärten. Sie fliegen etwa Scheinangriffe, mit den Füssen voraus, direkt bis kurz vor das Gesicht des Fuchses. «Solche Scheinangriffe machten sie auch auf uns Menschen, wenn wir Nester zählen wollen», erzählte Paul Mosimann. Auch Greifvögel oder Kolkraben greifen sie per Luftabwehr an.

Bauern werden entschädigt - es gibt auch Nachteile

Andreas Aebi wollte wissen, wie die Bauern denn entschädigt würden. Die Parzelle mit der Kiebitzmischung ist als Rotationsbrache angemeldet. Dafür gibt es den Vernetzungsbeitrag des Kantons und einen Artenförderungsbeitrag. Die Differenz zum Ertrag der in der Fruchtfolge geplanten Kultur übernimmt BirdLife. «Es ist richtig, dass die Bauern so entschädigt werden, wie wenn hier eine normale Kultur wüchse», sagte der Nationalratspräsident. «Das hier ist genauso wichtig wie Gerste», so der bekennende Vogelfan, der sich stark für verschiedene Arten engagiert. Solche Projekte seien die Zukunft, «wir Bauern brauchen hier auch eine Vorwärtsstrategie.»

Es gebe aber auch Nachteile, warf Landwirt Paul Schwab ein, nicht alles sei himmelblau. Die Verunkrautung der Flächen, etwa mit Disteln, sei ein grosses Problem, «eine ackerbauliche Katastrophe.» Aber man sei zusammen mit den Vogelschützern nun auf gutem Weg zu lernen, wie man das Unkraut in Griff bekomme. Wenn die Kiebitze losgezogen und der Zaun geräumt ist, soll die ganze Brache gemulcht und der Boden bearbeitet werden. Im Spätsommer möchte man dann erneut eine Kiebitzmischung einsäen.

«30 Jahre lang keine Ahnung von Vögeln»

Im Mais findet Roger Schwab den Aufwand in Ordnung. Der Zaun sei die grösste Herausforderung. «Wenn ich ins Feld will, muss ich vorher immer telefonieren und auch innerhalb des Zauns zu säen ist etwas aufwändig.» Für den jungen Bauern waren die letzten fünf Jahre interessant. «Vorher hatte ich 30 Jahre lang keine Ahnung von Vögeln, aber nun habe ich doch einiges gelernt.» Die Rückmeldungen der Berufskollegen seien durchwegs positiv, «klar drückt dir einer mal einen blöden Spruch rein, aber alle Inser Bauern haben grundsätzlich gesagt, falls es dazu käme, wären sie auch zu so etwas bereit.»

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Roger Schwab hat schon seit fünf Jahren Kiebitze auf seinen Feldern. (Bild Jeanne Woodtli)

Weitere Arten profitieren

Von den verschiedenen Naturschutz-Massnahmen und dem Engagement der lokalen Landwirte profitieren auch viele weitere Arten: 2020 wurden laut BirdLife mit über 70 Dorngrasmücken-Revieren dreimal mehr als 2007 festgestellt, und den auf drei Brutpaare angewachsenen Steinkauzen gelang es, neun Jungvögel aufzuziehen.

Grauammer bleibt Sorgenkind

Sorgenkind bleibt laut dem Umweltverband die Grauammer. Sie habe in den letzten zehn Jahren einen starken Bestandseinbruch erlitten. 2020 konnten gerade noch 13 Reviere festgestellt werden. Für eine positive Entwicklung reiche die Qualität der Lebensräume derzeit noch nicht aus – umso bedeutungsvoller sei das Grosse Moos für das Überleben dieser Art.

Witzwil engagiert sich

Die Justizvollzugsanstalten Witzwil haben schon vor über 20 Jahren Pilotmassnahmen für die Grauammer ergriffen. Im Rahmen des Projekts Kulturlandvögel im Grossen Moos haben BirdLife Schweiz, die JVA Witzwil und weitere Partner Buntbrachen für die Art errichtet, die auch prompt besiedelt wurden. «Es bleibt aber noch viel zu tun», bilanziert Bird Life in einer Mitteilung. 

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Eine für die Grauammer angelegte Buntbrache auf den Flächen der JVA Witzwil. Der Streifen ist 1,5 Kilometer lang. (Bild Jeanne Woodtli)