Der Melkroboter funktioniert wie jeder andere auch. Die Kuh tritt heran, beginnt das Futter zu fressen, während der Arm ausfährt und einen Zitzenbecher nach dem anderen an das Euter hängt. Das Besondere an der Maschine ist, dass sie auf der Alp steht. Das bringt Herausforderungen mit sich. Eine der Fragen, die sich stellt: Woher kommt der Strom? Der Klassiker wäre ein Dieselgenerator.

Max Ursin will diese lärmige, stinkende und umweltschädliche Möglichkeit aber umgehen. Der Ingenieur hat einen Salzbatterieanhänger gebaut. Der speichert die gewonnene Energie von einer Photovoltaikanlage und gibt sie zu gegebener Zeit an den Melkroboter ab.

Zur Person
Max Ursin studierte Bauingenieur an der ETH in Lausanne. Er arbeitete für die Kraftwerke Oberhasli AG und hatte dort mit Wasserkraftwerken zu tun. Heute ist er selbstständig, dem Thema Energie ist er dabei treu geblieben. Er führt die Firma Innovenergy, die neben den mobilen Salzbatterien auch grössere Speicheranlagen beispielsweise für Bahnunternehmen konzipiert.

Kompressor frisst Strom

Die Batterie besteht im Wesentlichen aus Kochsalz, Eisen, Nickel und Keramik. Letztere leitet die Natriumionen. Das Prinzip ist auf der Alp Honegg im Berner Oberland bereits erfolgreich in Betrieb genommen worden (wir berichteten). Nun hat Max Ursin die Salzbatterie von der dortigen Rohrmelkanlage auf den Melkroboter auf der Alp Oberberg im Berner  Diemtigtal adaptiert.

Das habe nicht schlecht geklappt, meint Max Ursin. Auch wenn nicht von Anfang an alles reibungslos funktionierte. «Um Stromspitzen abzufedern, wird die Salzbatterie von einem Generator unterstützt. Den mussten wir mit einem grösseren Modell austauschen, damit genügend Leistung geliefert wird» erzählt Ursin. Seither habe es keine nennenswerten Probleme mehr gegeben.

Beim Melkroboter gibt es eine Komponente, die besonders viel Strom frisst. Das ist der Kompressor, der den Druck erzeugt, um den pneumatischen Arm zu bewegen. Wenn der Roboter am Melken ist, muss dieser Arm präzise arbeiten. Das braucht Energie. Der Strom darf dann auf keinen Fall ausfallen. Andernfalls ist die computergesteuerte Maschine ganz durcheinander und weiss plötzlich gar nicht mehr, welche Kuh am Melken ist. Es gehen Daten zu Milchmenge und Gesundheit des Tiers verloren. Die Milchqualität kann dann zum Beispiel nicht kontrolliert werden. Die Folge wäre, dass die bisher gemolkene Milch dieser Kuh weggeschüttet werden müsste. Ganz ohne Dieselgenerator geht es also nicht.

Generator unterstützt

Aufgeladen wird die Batterie durch eine Photovoltaikanlage. Diese ist auf dem Dach des Stalls installiert. Sie liefert mit ihrer Fläche von 35 Quadratmetern sechs Kilowatt. Das reicht für 25 bis 35 Kilowattstunden pro Tag. Der Melkroboter läuft zwei Mal am Tag fünf Stunden lang und verbraucht in dieser Zeit das doppelte an Strom, nämlich 50 Kilowattstunden. Zum Vergleich: Eine Maschine voll Wäsche zu waschen verbraucht etwa eine Kilowattstunde.

Im Fall des Melkroboters muss der Generator das Energiedefizit abdecken. Der schaltet sich ein, sobald die Batterie nur noch zu 30 Prozent geladen ist. Er füllt sie wieder bis zu 60 Prozent, dann schaltet er wieder aus. Schliesslich soll vor allem die Sonne Energie liefern. «Mit dieser kombinierten Lösung spare ich zwei Drittel des Diesels am Tag», sagt Martin Hehlen, der Bewirtschafter der Alp.

Frühe Tagwacht

Der Betrieb auf der Alp ist ganz auf das Melken ausgerichtet. Am Abend, nach dem Gang durch den Melkroboter, kommen die Kühe auf die Weide. Von dort holen sie die beiden Angestellten um 21 Uhr in den Stall. So sind die Kühe am Morgen, wenn um 3 Uhr der Melkbetrieb beginnt, bereits in der Nähe und müssen nicht mehr gesucht werden. Es wird übrigens so früh begonnen, damit die Milch rechtzeitig in der Käserei abgeliefert werden kann.

Vom Stall aus werden die Tiere mit Gittern in den Melkstand geleitet, von wo aus sie auf die Tagesweide gelangen. Dieses Führen der Tiere sei sehr wichtig: «Genauso wie das Holen von den Weiden. Die Kühe kommen nämlich nicht von selber», sagen die Hirten. Der Roboter melkt auf der Alp, anders als im Stall, nicht rund um die Uhr. Den Kühen muss Zugang verschafft werden. Damit können also keine Arbeitskräfte eingespart werden. Doch ihre Arbeit ist einfacher geworden. Ausserdem sendet der Melkroboter Daten an den Landwirt, was jederzeit einen Überblick über den Zustand der Kühe ermöglicht.

Anlage kommt mit ins Tal

Es ist die zweite Alpsaison, die Hehlen so organisiert. Früher melkte er mit einem mobilen Sechser-Melkstand. Mit der neuen Lösung sei er sehr zufrieden, so der Landwirt. Wenn das Vieh im Herbst wieder ins Tal zieht, nehmen sie auch den Melkroboter, die Salzbatterie und die Sonnenkollektoren mit nach unten. Denn auf dem Talbetrieb wird mit der genau gleichen Einrichtung gemolken. Der Melkroboter ist zu dem Zweck in einer Art Schiffscontainer eingebaut, der auf Rädern steht und transportierbar ist. Die drei Salzbatterien, der Generator und die Wechselrichter sind ebenfalls alle auf einem Wagen untergebracht, den Max Ursin und seine Firma Innovenergy so verkaufen. Die Solarpanels sind demontierbar und werden und auf dem Talbetrieb wieder der Sonne ausgesetzt werden.

Diese Mobilität macht das Projekt lohnenswert. Der Landwirt muss nicht in zwei verschiedene Melkanlagen investieren. Und auch die Energiequelle macht ökonomisch Sinn. Die Konkurrenz mit dem Diesel-Generator nehme er jedenfalls auf, sagt Max Ursin: «Der Diesel kostet 85 Rappen pro kWh. Die Salzbatterie liegt mit 35 Rappen deutlich darunter.» Da der Netzstrom mit 20 Rappen noch tiefer liegt, sei diese im Talbetrieb nicht die günstigste Variante. «Aber auf der Alp auf jeden Fall», sagt Ursin. Ganz zu schweigen vom eingesparten CO2, das so die frische Alpenluft weniger belastet.