Für Doris und Bernhard Wüthrich aus der Emmentaler Gemeinde Rüegsbach war es eine spezielle Viehschau, denn es wird wohl ihre letzte sein: Letzten Freitag trieben sie noch einmal 13 ihrer Kühe zu Fuss auf den Schauplatz. Gross waren die Emotionen an diesem Tag. Einerseits wissen sie, dass sie ihren Pachtbetrieb im April 2022 verlassen müssen und andererseits haben sie mit ihren Tieren an der Schau wiederum sehr gut abgeschnitten.

Die Kündigung geht nahe und die Familie weiss nicht, wie es weitergehen soll

Neben dem Schöneutertitel, den sie schon zum fünften Mal hintereinander holten, gewannen Wüthrichs Kühe auch etliche Klassensiege, wie auch die Kuh Jasmin mit der höchsten Lebensleistung von 129 638 kg – notabene alles aus eigener Zucht. «Als unsere Kuh Valeria den Schöneutertitel holte, habe ich richtig geweint», sagt Doris Wüthrich leise am Telefon. Man merkt, die Kündigung geht ihr nahe, mehr noch, da sie nicht weiss, wie es nächsten Frühling mit ihrer Familie weitergehen soll. Und trotzdem kann sie über das Thema und die schwierige Zeit offen reden, «das tut mir gut», sagt sie. Ihr Mann sei da vom Charakter her schon anders. «Bernhard will kaum mit jemandem darüber reden, hat Mühe, mit der Situation umzugehen», weiss sie. Wer Bernhard Wüthrich kennt, weiss, dass er ein Kämpfer ist. «Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass wir doch noch etwas finden werden», so der Landwirt. Einen Betrieb zu pachten oder zu kaufen sei eigentlich egal, klar müsse man dabei immer die finanzielle Situation beachten. Am liebsten würden Wüthrichs im Raum Emmental weiterbauern, denn da fühlen sie sich zuhause.

Verkaufen oder doch nicht?

Ihr Herz schlägt dabei klar für die Viehzucht und die Milchproduktion. «Wir züchten mit Leib und Seele eine funktionelle Kuh mit einer guten Milchleistung und hohen Gehalten.» Obwohl Wüthrichs, den Kindern zuliebe, doch ab und zu gerne an Viehausstellungen teilnehmen, sehen sie sich nicht als Schauzüchter: «Dazu fehlt uns einfach die Zeit», sagen sie. «Da wir schon seit Jahren alle Kühe im Natursprung decken, freut es mich besonders, wenn wir schon nur an der Viehschau Erfolge feiern dürfen», sagt der Landwirt. Wüthrichs wissen, die Zeit rennt ihnen davon. Spätestens im Februar müssen sie entscheiden, ob sie ihre 28 Kühe verkaufen wollen oder nicht. Da die Betriebsleiterfamilie in Schafhausen noch elf Hektaren Land mit Stallungen, die sich aber nur als Aufzuchtbetrieb eignen, in Pacht haben, möchte sie die Rinder bisweilen noch behalten.

Bewerbungen werden weiterhin geschrieben, die Hoffnung ist noch nicht aufgegeben worden

«Wir werden uns weiterhin auf freie Betriebe bewerben», sagen Wüthrichs hoffnungsvoll. Wenn es bis im April doch nicht klappen sollte, werde man die Situation neu überprüfen. Bernhard Wüthrich könnte sich gut vorstellen, nebenbei seinem zweiterlernten Beruf als Strassenbauer nachzugehen oder seine Frau Doris als Hauspflegerin. In erster Linie möchten sie aber weiter Bauern bleiben mit einem eigenen Hof im Emmental.