Am Neujahrstag 2025 fiel es zum ersten Mal auf. Die Wasserbüffel auf einer Weide in Brandenburg, nahe Berlin, verhielten sich leicht verändert und frassen weniger gern. Die Herde bestand aus einem Stier, sechs Kühen und sieben Kälbern auf einer teilweise eingezäunten Weide von 8,5 Hektaren. Am 3. Januar nahmen die Tiere deutlich weniger Futter auf, am 4. Januar lahmte ein Kalb. Am 5. Januar starben die ersten beiden Büffel, kurz darauf ein drittes Tier.
Die ersten beiden Kadaver holte das Fahrzeug der Tierkörperbeseitigung am 8. Januar ab. Proben wurden keine genommen. Der Wagen fuhr am selben Tag noch sechs weitere Betriebe an. Den dritten Kadaver brachte man ins Landeslabor. Die Fachleute fanden ausgedehnte Schleimhautschäden in Maul und Pansen, rund ein Drittel der Zungenoberfläche war betroffen. Dazu kamen Wasser in der Lunge und eine Herzmuskelentzündung, die sie auf das Virus zurückführten. Am 10. Januar bestätigte das deutsche Referenzlabor die Maul- und Klauenseuche (MKS). Die übrigen elf Büffel wurden noch am selben Tag getötet.
Ein Forschungsteam um das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), das deutsche Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, hat den Fall aufgearbeitet. Die Studie erschien Anfang Oktober in der Fachzeitschrift «Science Advances».
Läsionen bereits am Abheilen
Alle elf getöteten Tiere trugen Erbgut des Virus in sich und hatten Antikörper gebildet. Neun hatten Läsionen im Maul, zwei an den Klauen, ein Tier zeigte keine auffälligen Veränderungen. Sämtliche Läsionen waren bereits am Abheilen, die ältesten waren bei der Tötung mehr als eine Woche alt. Nur bei vier Tieren liess sich das Virus noch im Blut nachweisen. Aus der Inkubationszeit und der Entwicklung der Antikörper schliessen die Forschenden, dass das Virus in der zweiten Dezemberhälfte 2024 in die Herde gelangte.
Das Virus gehört zum Serotyp O, Linie SA-2018. Sie wurde 2018 erstmals in Indien gemeldet und danach in Sri Lanka, Nepal, Bangladesch, Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten gefunden. Zwischen 2023 und 2025 tauchten verwandte Viren in Israel, Iran, im Irak, in Syrien und der Türkei auf. Der nächste Verwandte des Brandenburger Virus stammt aus dem äussersten Osten der Türkei, nahe der Grenze zu Armenien, Aserbaidschan und Iran.
Er wurde Ende November 2024 nachgewiesen, 43 Tage vor dem deutschen Fall. In einem wichtigen Abschnitt des Erbguts unterscheiden sich die beiden Viren an einer einzigen von 633 Stellen. Zudem hat das Brandenburger Virus Erbgut mit anderen MKS-Linien ausgetauscht und ist damit ein genetisches Mischprodukt.
Zwei Hypothesen, woher die Krankheit kam
Wie das Virus auf die Weide kam, konnten die Forschenden nicht klären. Fast alle üblichen Wege fallen weg. Seit 2021 waren keine Tiere zugekauft worden. Es gab keine künstliche Besamung und keine gemeinsam genutzten Maschinen oder Fahrzeuge. Besucher hatten keinen Kontakt zu den Tieren, und die Betreuungspersonen waren nicht in Länder gereist, in denen die Seuche vorkommt. Das ganze Futter stammte vom Hof oder aus der unmittelbaren Umgebung. Rehe besuchten die Weide, Wildschweine wurden keine gemeldet. Rund 500 empfängliche Wildtiere aus den Sperrzonen wurden untersucht, alle waren negativ.
Übrig bleiben zwei Hypothesen. Die erste: Die Büffel kamen zufällig mit verseuchten Essensresten in Kontakt. Krähen hatten Abfälle aus nahen Abfallbehältern auf die Weide getragen. Die zweite: Jemand hat infiziertes Material absichtlich eingebracht. Am wahrscheinlichsten halten die Forschenden eine Einschleppung durch Menschen. Der Hof liegt nahe einer grossen Autobahn und in einem Gebiet, das bei Spaziergängern und Hundehaltern aus Berlin beliebt ist. Den genauen Weg werde man wohl nie klären können, schreiben die Autoren.
Zwischen dem 1. Dezember 2024 und dem Nachweis wurden rund 200 000 Tiere von oder zu Betrieben in Berlin und Brandenburg transportiert, über drei Viertel davon Schweine. Das Handelsnetz umfasste 1939 Betriebe, sie waren aber kaum miteinander verflochten. Die grösste Gruppe von Betrieben, die eng untereinander handelten, zählte nur 17 Höfe. Die Forschenden spielten den Ausbruch auch am Computer durch, mit allen 12 107 Klauentierbetrieben in Brandenburg und Berlin. Wurden alle empfänglichen Tiere im Umkreis von einem Kilometer gekeult, blieb es in knapp einem Viertel der Simulationen beim Büffelbetrieb allein.
Über 400 Tiere auf vier Betrieben getötet
Die Behörden handelten rasch. In drei benachbarten Betrieben wurden 245 Schweine, 13 Schafe und 3 Ziegen getötet. Auf einem Hof, der Heu vom Ausbruchsbetrieb erhalten hatte, waren es 3 Rinder, 39 Schafe und 19 Ziegen. In keinem dieser vier Betriebe fand sich das Virus. Für Brandenburg galt bis zum 17. Januar ein Transportstopp für empfängliche Tiere, für Berlin bis zum 27. Januar. In der Schutz- und der Überwachungszone wurden 193 Betriebe untersucht. Getestet wurden auch 5681 Tiere, die vorher aus Brandenburg an andere Orte in Deutschland und der EU gebracht worden waren. Alle Proben waren negativ.
Aus der nationalen Impfstoffbank wurden 750 000 Impfdosen hergestellt. Geimpft wurde nicht, weil die Seuchenlage es nicht erforderte. Am 12. März 2025 anerkannte die Weltorganisation für Tiergesundheit eine Eindämmungszone von rund sechs Kilometern Radius mit 36 Betrieben. Am 14. April 2025 erhielt Deutschland den Status «MKS-frei ohne Impfung» zurück.
Die Autoren erinnern an den britischen Seuchenzug von 2001 mit Millionen getöteter Tiere und Verlusten in Milliardenhöhe. Für sie zeigt der Brandenburger Fall, dass eine Einschleppung jederzeit und unvorhersehbar möglich ist. Sie betonen, wie wichtig Früherkennung, sorgfältige Abklärung und internationale Zusammenarbeit sind. Während des Ausbruchs beriet auch die EuFMD, die europäische Kommission zur Bekämpfung der MKS, die deutschen Behörden.
Sommer 2026: Die Suche nach dem Virus
Würde die Schweiz einen Fall wie jenen in Brandenburg rechtzeitig erkennen? Einen Hinweis gibt der vergangene Sommer. Ab der zweiten Juliwoche 2026 nahmen die Meldungen über Fieber, Durchfall und Milchrückgang bei Rindern deutlich zu. Verschiedene Labors untersuchten Einzeltiere auf mögliche Ursachen: Schmallenberg-Virus, Blauzunge, Lumpy-Skin-Krankheit und EHD. Am Institut für Virologie und Immunologie (IVI), dem nationalen Referenzlabor für MKS, wurde auch auf Maul- und Klauenseuche getestet. Alle Resultate waren negativ.
Das Shamonda-Virus, wie sich später herausstellte, ist nur kurze Zeit nach der Infektion im Blut nachweisbar, was den Nachweis erschwerte. Erst Herdenuntersuchungen, die das IVI zusammen mit Rindergesundheit Schweiz anstiess, lieferten die entscheidenden Hinweise auf ein Schmallenberg-ähnliches Virus. Eindeutig identifiziert hat das IVI das Shamonda-Virus danach mit Next Generation Sequencing, einem Verfahren, das das Erbgut eines Erregers entschlüsselt. Am 31. Juli 2026 meldete das IVI dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) den ersten Nachweis.
Neue Viren bleiben länger unerkannt
Was heisst das für eine bekannte Seuche wie die MKS? «Grundsätzlich ist die Früherkennung für bekannte Erreger einfacher als für neu auftretende Erreger, da es für ‹neue› Viren noch keine gezielten Nachweismethoden gibt», schreibt das IVI. Das gelte erst recht, wenn die Symptome eher unspezifisch seien.
Für die MKS stünden gut etablierte, spezifische Verfahren und festgelegte Meldewege zur Verfügung, hält das BLV fest. Aber auch hier könnten die ersten Krankheitszeichen unspezifisch sein, bei Schafen und Ziegen könne die Erkrankung mild verlaufen. Entscheidend seien deshalb die Beobachtung der Tiere und die frühzeitige Abklärung ungewöhnlicher Krankheitsgeschehen.
Auch der Kadaversammler
Wie würde ein Fall wie jener in Brandenburg in der Schweiz erkannt? Bei unklaren oder gehäuften Krankheits- und Todesfällen ist der Bestandestierarzt die erste Anlaufstelle. Tierhaltende müssen seuchenverdächtige Beobachtungen unverzüglich melden, so verlangen es das Tierseuchengesetz und die Tierseuchenverordnung.
Eine gesicherte Diagnose ist dafür nicht nötig. In Brandenburg holte der Kadaversammler zwei tote Büffel ab, ohne dass jemand eine Probe nahm. In der Schweiz gilt die Meldepflicht laut BLV unter anderem auch für das Personal von Entsorgungsbetrieben.
Besteht ein MKS-Verdacht, müssen Tierärzte und Untersuchungslabors sofort den Kantonstierarzt kontaktieren. Der kantonale Veterinärdienst veranlasst die amtstierärztliche Untersuchung und die Probenahme, die Labordiagnostik erfolgt am IVI. Schon bis zur amtstierärztlichen Abklärung dürfen keine Tiere, Waren oder Personen den Betrieb verlassen. Bestätigt der Amtstierarzt den Verdacht, ordnet der Kantonstierarzt eine verschärfte Sperre und weitere Untersuchungen an.
Testen ohne Verdacht
Gibt es in der Schweiz Tests auf MKS, auch wenn niemand eine Seuche vermutet? Ja, schreibt das BLV. Bei unklaren Bestandesproblemen mit MKS-ähnlichen Symptomen können Tierärzte nach Rücksprache mit dem IVI Proben untersuchen lassen. Dazu gehören etwa Fieber mit Speicheln, Schleimhautveränderungen oder Fieber mit Lahmheit. Diese Ausschlussuntersuchung löst keine Betriebssperre aus. Die Laboruntersuchung ist für Tierhaltende kostenlos, die Kosten trägt der Bund.
Am IVI werden pro Jahr ungefähr 50 bis 100 Proben von Rindern, Schafen, Ziegen, Schweinen «und auch ab und zu einmal Alpakas» auf MKS-Virus und -Antikörper untersucht. Sie verteilen sich auf zwei bis drei Ausschlussuntersuchungen pro Monat. Pro Tier braucht es mindestens zwei bis drei Proben, denn neben Blut sind Nasentupfer und unter Umständen Material aus Schleimhautdefekten nötig.
Die genaue Zahl richtet sich nach der Risikolage in der Nachbarschaft der Schweiz. Mit dem Seuchengeschehen 2025 in Europa wurden 132 Proben aus 39 Ausschlussuntersuchungen getestet. 2026 waren es bis im Oktober 74 Proben aus 16 Untersuchungen.
Wird auch bei Sektionen auf MKS getestet? Eine Untersuchung sei «jedenfalls nicht nur auf begründete Verdachtsfälle beschränkt», schreibt das IVI. Auch bei unklaren Befunden an einem verendeten oder euthanasierten Tier kann eine Ausschlussuntersuchung erfolgen. Das liegt im Ermessen der zuständigen Pathologin oder des Pathologen. Geeignet ist unter anderem Material aus veränderter Schleimhaut und aus dem Klauenbereich, Herzmuskel, Mandeln und Lymphknoten aus veränderten Bereichen.
Seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen
MKS ist eine alte Bekannte, doch kaum ein Tierarzt in der Schweiz hat sie je gesehen. Wie stellt das BLV sicher, dass sie die Symptome trotzdem erkennen? Das Bundesamt stellt der Tierärzteschaft Fachinformationen zur Verfügung, die Krankheitszeichen und das Vorgehen bei einem Verdacht oder einer Ausschlussuntersuchung beschreiben. Im «Radar Bulletin» informiert es über die internationale Seuchenlage und beurteilt deren Bedeutung für die Schweiz. Das Bulletin richtet sich ausdrücklich auch an praktizierende Tierärzte und an Diagnoselabors.
In der Aus- und Weiterbildung der Amtstierärzte schulen Spezialisten des IVI und erfahrene Amtstierärzte das Erkennen der klinischen Symptome und den Ablauf der Probenahme. Das IVI bildet zudem Studierende der Veterinärmedizin zu meldepflichtigen Viruskrankheiten aus. Allen amtlichen Tierärzten stehen die Online-Schulungen der EuFMD offen.
Erfahrene amtliche Tierärzte nehmen an praktischen Kursen vor Ort teil und geben ihr Wissen anschliessend weiter. Verankert ist die Förderung des Seuchenbewusstseins in der Tiergesundheitsstrategie Schweiz 2022+.
Auch die Abläufe bei einem Ausbruch werden geübt. Im Kanton Bern trainierten das Veterinäramt, der Zivilschutz und der Veterinärdienst der Armee vom 14. bis 17. Oktober 2025 in der Übung «DUO» die Bekämpfung eines MKS-Ausbruchs.

