Shamonda: Hat der Tierverkehr das Virus über die Alpen gebracht?

Fieber, Durchfall, weniger Milch: Im Sommer ging das Shamonda-Virus innert Wochen durch die Ställe in 21 Kantonen. Laut einer Studie von IVI und Rindergesundheit Schweiz könnte der Tierverkehr dabei mitgeholfen haben.

Das Shamonda-Virus hat sich im Sommer innert weniger Wochen über die ganze Schweiz verbreitet. Das zeigt eine Studie des Instituts für Virologie und Immunologie (IVI) in Mittelhäusern BE, der Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern und des Rindergesundheitsdienstes RGS in Zollikofen BE. Sie ist am 1. Oktober in der Fachzeitschrift «Viruses» erschienen. Sie beschreibt erstmals wissenschaftlich das Virus, das bei den erkrankten Rindern in der Schweiz gefunden wurde.

Zuerst an die Hitze gedacht

In der zweiten Juliwoche verzeichnete der RGS deutlich mehr Meldungen von Rindern mit Fieber, Durchfall und einem Rückgang der Milchleistung, vor allem bei Milchkühen. Die ersten Meldungen kamen aus der Westschweiz, danach folgten Fälle in der Zentralschweiz bis in den Kanton Thurgau. Zuerst wurde ein Zusammenhang mit der Hitzewelle vermutet. Auch Tests auf das Schmallenberg-Virus, einen nahen Verwandten, fielen negativ aus.

Ende Juli wurden deshalb in drei stark betroffenen Herden in den Kantonen Jura, Luzern und Thurgau alle erwachsenen Kühe beprobt. Im Jura hatten alle 27 Kühe Antikörper, in Luzern 36 von 38 und im Thurgau 26 von 29. Gemessen wurde mit einem Test für das Schmallenberg-Virus. Weil dieser auch auf verwandte Viren anspricht, gehen die Forschenden davon aus, dass die Antikörper grösstenteils vom neuen Virus stammen. Mehrere junge Kälber hatten keine Antikörper, obwohl ihre Mütter positiv waren und die Kälber Biestmilch erhalten hatten. Für die Forschenden ist das ein Hinweis, dass sich die Kühe erst nach dem Abkalben angesteckt hatten.

Mit einer Erbgutanalyse konnte das IVI schliesslich das Virus bestimmen. Es ist am nächsten mit dem Shamonda-Virus verwandt, unterscheidet sich aber von bisher bekannten Formen. Mit den gleichzeitig in Deutschland und Frankreich gefundenen Viren ist es eng verwandt.

Auf beiden Seiten der Alpen

Bis zum 25. August waren Proben aus 280 Betrieben eingegangen. 155 Tiere aus 110 Herden waren positiv, verteilt auf 21 Kantone. Die Fälle reichten von rund 200 Metern über Meer in Sant’Antonino TI bis auf rund 1250 Meter in Frutigen BE. Weil das Virus auch im Tessin auftrat, hat es laut den Forschenden die Alpen überwunden. Dass Gnitzen allein diese Verbreitung erklären, halten sie für unwahrscheinlich. Sie vermuten, dass der Tierverkehr, insbesondere der Transport angesteckter Tiere, eine wichtige Rolle gespielt haben könnte.

Übertragen wird das Virus hauptsächlich durch Gnitzen. Ob auch Stechmücken eine Rolle spielen, ist laut der Studie offen und muss untersucht werden.

Virus in abortierten Kälbern

Bis Ende August wurde das Virus bei 22 abortierten Kälbern im Hirn, in der Milz oder in beiden nachgewiesen. Die Forschenden werten das als ersten Hinweis, dass das Virus im Mutterleib auf das Kalb übergeht. Ob es die Aborte auch ausgelöst hat, müsse mit weiteren Untersuchungen geklärt werden. In Japan wurde das Shamonda-Virus bereits früher mit Missbildungen bei Kälbern in Verbindung gebracht.

Anfang Oktober meldete das IVI 49 positiv getestete Föten aus Rinderaborten. Seit dem 1. Oktober richtet sich die Überwachung gezielt auf Aborte und missgebildete Jungtiere. Die Untersuchung ist für die Tierhaltenden kostenlos.

Zwei verwandte Viren gleichzeitig

In Europa zirkulieren das Shamonda- und das Schmallenberg-Virus nun gleichzeitig. Weil beide Viren ihr Erbgut in einzelnen Abschnitten tragen, können sie bei einer gleichzeitigen Ansteckung Teile davon austauschen. Dabei könnten neue Varianten entstehen. Belegt ist ein solcher Austausch zwischen den beiden Viren bisher nicht. Die Forschenden fordern deshalb, die Entwicklung weiter zu überwachen. Fälle wurden auch aus Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und Österreich gemeldet.

Wie stark das Schmallenberg-Virus in den Vorjahren in der Schweiz zirkuliert hat, ist nicht bekannt. Es ist hierzulande nicht meldepflichtig, entsprechend fehlen Daten.

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