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Studie von Agroscope: Mit mehr Pflanzenbau zum Zielbild – bei stabilem Einkommen

Der Bundesrat hat Ziele definiert und Agroscope zeigt, wie das passende Land- und Ernährungssystem aussehen sollte. Fazit: Anders, aber potenziell profitabel.

Seit 2022 ist bekannt, wohin es mit dem Schweizer Land- und Ernährungssystem nach Meinung des Bundesrats gehen soll. Im Auftrag des Parlaments hat er damals sein Zielbild bis 2050 dargelegt. Kerninhalte sind eine Ernährung gemäss Schweizer Lebensmittelpyramide, ein Selbstversorgungsgrad von mindestens 50 Prozent, gesenkte Treibhausgas-Emissionen, optimierte Nährstoffflüsse, reduzierter Food Waste, hohe landwirtschaftliche Wertschöpfung pro Arbeitskraft sowie der Einsatz von umwelt- und ressourcenschonenden Technologien. Damit konkretisiere man den Gesellschaftsvertrag gemäss Verfassung, so der Bundesrat. Er verweist auf die Artikel 104 zum Kernauftrag der Landwirtschaft und 104a zur Ernährungssicherheit.

«Eine Chance für das Gesamtsystem»

Im Auftrag des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW) hat Agroscope das Landwirtschafts- und Ernährungssystem modelliert, das diesen Ansprüchen gerecht wird. «Das Zielbild ist grundsätzlich erreichbar», fasste Albert von Ow zusammen. Der Agrarwissenschaftler ist einer der Autoren der Agroscope-Studie und wurde von Biovision eingeladen, die Resultate an einem Webinar vorzustellen. Zentral ist dabei weniger die Erkenntnis, dass das Zielbild erreichbar wäre – sondern die Resultate dazu, wie stark sowohl Landwirtschaft als auch Konsumenten und Umwelt davon profitieren könnten. «Das Zielbild bietet eine Chance für das Gesamtsystem», so von Ow. Tatsächlich gebe es mehr Synergien als Zielkonflikte.

Sektoreinkommen sinkt um zwei Prozent

Ein wesentlicher Bestandteil des Zukunftsbildes ist die Verlagerung von Produktion und Konsum hin zu mehr pflanzlichen und weniger tierischen Nahrungsmitteln. Das trägt zur Erreichung der Ziele hinsichtlich gesunder Ernährung, Umwelt und Selbstversorgungsgrad bei. Bisher erzielen Landwirt(innen) aber mehr Wertschöpfung im tierischen Bereich, weshalb ein wirtschaftlicher Verlust beim Umbau des Ernährungssystems befürchtet wird. Dem widerspricht Agroscope.

Bei Einhaltung aller Ziele gemäss Bundesrat würde laut Studie das Sektoreinkommen geringfügig um zwei Prozent sinken. Investitionsrisiken seien dabei nicht berücksichtigt, räumte Albert von Ow ein. «Wir haben da eine ziemlich hohe Flughöhe und betrachten die Gesamtsicht, nicht die Einzelbetriebe», erklärte er. Gleichzeitig gab es im Modell aber auch keine agrarpolitischen Massnahmen, die Veränderungen auf den Betrieben finanziell abfedern könnten.

Zur Wertschöpfung schreibt Agroscope ausserdem, dass in bisherigen Nischenkulturen wie Hafer, Hirse oder Süsskartoffeln wirtschaftliches Potenzial läge – sofern die nötigen Vermarktungs- und Verarbeitungsstrukturen aufgebaut werden können. «Die monetäre Produktion dieser Kulturen pro ha ist zwar beschränkt», sind sich die Studienautoren bewusst. Aber: «Langfristig könnten daraus durchaus wertschöpfungsstarke Märkte aufgebaut werden.» Ausserdem fielen die Kosten in der Tierhaltung, bemerkte Albert von Ow.

Weniger Futterbau, mehr Gemüse, Kartoffeln, Getreide, Obst und Hülsenfrüchte

Die Zunahme der pflanzlichen Produktion kann im Modell den Rückgang der tierischen wirtschaftlich gesehen fast vollständig kompensieren. Auf der Ackerfläche steigt der Anbau pflanzlicher Nahrungsmittel zulasten der Futterproduktion von einem auf über zwei Drittel der Fläche.

Einige wertschöpfungsintensive Kulturen werden entsprechend der neuen Nachfrage ausgedehnt. Der Gemüsebau wächst flächenmässig auf rund das Dreifache des heutigen Stands. Mehr Kartoffeln, Brotgetreide, Obst und Hülsenfrüchte gehören ebenfalls zum neuen Bild der Schweizer Landwirtschaft – und eine halbierte Anbaufläche für Zuckerrüben, da die Nachfrage nach Süssem sinkt.

Naturwiesen dienen der Produktion von hochwertigem Grundfutter für eine raufutterbasierte Milchviehhaltung. Die Biodiversität auf den verbleibenden, extensiv genutzten Standorten würde, soweit möglich, durch den Wechsel von QI zu QII erhöht.

Der Ernährung gemäss Empfehlung folgend, müsste im Zielbild 2050 dreimal mehr Gemüse angebaut werden. (Bild: Ruth Aerni)
Die Milchproduktion soll auf Raufutter basieren. Im Szenario Zielbild 2050 gibt es weniger Schweine- und Grossviehmast sowie Mutterkühe. (Bild: BauZ)

Ein Drittel weniger Tiere

Markant sind die Veränderungen im Tierbestand. Im Modell sinkt er um rund einen Drittel. Es gibt vor allem weniger Schweine- und Grossviehmast sowie Mutterkühe. Basierend auf den Ernährungsempfehlungen blieben Milchvieh- und Geflügelbestände ungefähr stabil. Das Talgebiet ist stärker betroffen, da hier mehr Produktionsalternativen verfügbar sind. «Im Berggebiet gibt es sogar etwas mehr Milchkühe», bemerkte Albert von Ow.

Wie bei allen wissenschaftlichen Arbeiten sind die Grenzen des Modellierens zu beachten. So wurde zwar das weitere Bevölkerungswachstum miteinbezogen, nicht aber z. B. weiterentwickelte Anbausysteme oder technischer Fortschritt sowie der Klimawandel. Bei Umstellungen in der Produktion kommt der Bedarf nach Arbeitskräften und den nötigen Kompetenzen hinzu – ein Schweinehalter wird schliesslich nicht über Nacht zum Gemüsegärtner. Weiter müssen die erforderlichen Flächen mit den passenden Bodeneigenschaften verfügbar sein.

Haupttreiber ist eine nachhaltige Ernährung

Das Zielbild 2050 sieht sowohl Ziele aufseiten der Produktion als auch des Konsums vor. Die grössten Veränderungen bringen laut Agroscope die Zielgrössen «Treibhausgasemissionen Konsum» und «Lebensmittelpyramide». Die an Umwelt und Gesundheit angepasste Nachfrage ist demnach der Haupttreiber, um das ganze Ernährungssystem umzubauen.

Die gute Nachricht: Das heisst, eine dem Zukunftsbild entsprechende Landwirtschaft würde nicht an der Nachfrage vorbeiproduzieren. Der Nachteil: Der grösste Hebel liegt im Konsum – und der lässt sich bekanntlich nur schwer betätigen.

«Es braucht weitgehende Veränderungen», betonte Barbara Wegmann, die das Webinar seitens Biovision moderierte. Albert von Ow stellte klar, Agroscope habe sich nicht mit dem Weg zum Zielbild befasst. Andere Studien hätten aber gezeigt, dass sanfte Massnahmen wie Informationen oder Sensibilisierung besser akzeptiert würden als Gebote oder Verbote. Bestehende Trends in die richtige Richtung gelte es zu unterstützen.

Vorsichtig vorgehen, um das Zielbild nicht zu gefährden

Das Webinar fand im Rahmen der «Tage der Agrarökologie» statt und wandte sich damit auch an die breite Bevölkerung. Eine Teilnehmerin fragte nach den nächsten Schritten, nachdem die neuen Ergebnisse von Agroscope auf dem Tisch liegen. Die Bauern müssten doch informiert werden, wie es weitergeht, fand sie.

«Die Studie wurde im Auftrag des BLW erstellt und es war sehr interessiert an den Resultaten», erklärte Albert von Ow. Das BLW werde sie in der weiteren Entwicklung der Agrarpolitik berücksichtigen und es stehe hinter dem Zielbild 2050 des Bundesrats. «Das sind aber langfristige Ziele – man muss vorsichtig damit umgehen», betonte der Agroscope-Forscher. Und weiter: «Man darf nicht meinen, sie liessen sich innert weniger Jahre erreichen.» Sonst würden, so von Ow, Akteure vor den Kopf gestossen und das ganze Zielbild gefährdet. Seiner Meinung nach ist Zurückhaltung angesagt.

Für Biovision ist es etwas zu viel Zurückhaltung – gerade, was die AP 30+ angeht. Aus Sicht der Stiftung reichen die in der Vernehmlassung der Agrarreform vorgeschlagenen Massnahmen bei weitem nicht aus, um die notwendige Transformation einzuleiten. Das war auch die Motivation für Biovision, das Webinar zu veranstalten. «Es war uns ein Anliegen, die Studienergebnisse etwas breiter zu zeigen», erläuterte Barbara Wegmann. «Bisher war die Information dazu nur zurückhaltend – eventuell aus politischen Gründen», ergänzte sie.

Klimastrategie versus AP 30+

In der Klimastrategie Landwirtschaft und Ernährung (KSLE) der Bundesämter für Landwirtschaft (BLW), Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) sowie jenes für Umwelt (Bafu) sind zur Veränderung der Konsummuster in der Schweiz mehrere Massnahmen vorgesehen. Dazu gehören das Etablieren einer nachhaltigen Ernährung in der Gemeinschaftsgastronomie und das Ausrichten der Absatzförderung auf eine nachhaltige Ernährung.

Zu Letzterem heisst es im Massnahmenplan des Bundes zur KSLE, es sollten in Zukunft mehr Mittel aus der Absatzförderung in die pflanzliche Produktion fliessen. Jene für tierische Ware seien anzupassen und für staatlich subventionierte Werbeaussagen sollten strengere Auflagen gelten. Bis auf Zielvereinbarungen mit dem Detailhandel und die Unterstützung von Kommunikationsprojekten durch Städte und Gemeinden enthält die AP 30+ keine der konsumseitigen Massnahmen aus der KSLE.

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