«Peggy wurde auf der Weide geboren, früher als erwartet», schildert eine Biobäuerin, die nicht namentlich erwähnt werden möchte. Sie seien an diesem Tag im Berner Seeland mit der Maisernte beschäftigt gewesen und hätten das Kalb erst zwei Stunden nach der Geburt entdeckt. Seither kümmert sie sich um das Jungtier, denn wegen mehrerer Geburtsgebrechen braucht Peggy besondere Pflege. Trotzdem haben sich die Betriebsleitenden entschieden, sie bis auf Weiteres nicht einzuschläfern.

Unterschiedliche Reaktionen

Peggy ist blind, hat einen verkürzten Unterkiefer, kognitive Defizite und einen etwas steifen Hals. Letzteres schränke ihre Bewegung noch ein, was sich mit etwas Übung aber bessern könnte. «Aus rein wirtschaftlicher Sicht wäre der Fall klar», sind sich die Besitzer bewusst. Auf Twitter sind die Reaktionen kontrovers: Manche finden, das Kalb habe eine Chance verdient und schlagen vor, Peggy könne einmal auf einem Gnadenhof leben. «In der Natur hätte sie auch keine Chance», meinen andere, «Erlösen, Friede».

Für die betroffene Bäuerin wäre Einschläfern in diesem Fall keine Erlösung. Sie spüre bei dem Tier einen grossen Lebenswillen. «Schon, dass Peggy diese ersten zwei Stunden überstanden hat, ist erstaunlich», sagt sie.

Peggy kämpft weiter

Am zweiten Tag rappelte sich das Kalb auf und konnte stehen. Entscheidend war, dass es Milch trinken kann, denn es mit Drenchen zwangs zu ernähren, wäre für die Besitzer nicht in Frage gekommen. Zuerst habe es nur geschluckt. Mittlerweile ist Peggy fast eine Woche alt und saugt etwa zwei Liter pro Gabe. «Sie hat auch zugenommen», schildert die Bäuerin, die sie zwei- bis dreimal am Tag tränken geht. «Leiden tut sie nicht, das hat mir die Tierärztin bestätigt», betont sie. Sollte sich das ändern, wäre Einschläfern klar wieder eine Option.

Nachts bei der Mutter

[IMG 2]Wegen ihres versteiften Halses konnte sich Peggy in der ersten Zeit nur unbeholfen bewegen, habe sich mehrmals richtiggehend überschlagen. Ihre Mutter, die laut der Bäuerin eher unsicher ist, sei deshalb erschrocken. «Sie hat ihr Kalb geleckt und als es ruhiger und stabiler wurde, kamen sie sich näher.» Die Nacht verbringt Peggy bei ihrer Mutter, was ihr sichtlich guttue. Tagsüber tummle sie immer mehr im Stall umher, zunehmend auch mit ihren Artgenossen.

Das blinde Kalb kenne die Abkalbebox jetzt gut und finde sich darin auch zurecht. Wie alle Jungtiere auf dem Hof wurde es nach der Geburt homöopathisch mit Arnika behandelt und bekommt auf Anraten des Vereins Kometian Silicea, um die Entwicklung zu unterstützen. Ein BVD-Test fiel glücklicherweise negativ aus.

«Wir nehmen Tag für Tag»

Wie es mit Peggy weitergeht, ist noch nicht klar und hängt von ihrem Zustand ab. «Wir nehmen Tag für Tag», sagt die Bäuerin. Sie ist sich bewusst, dass ein Tier wie Peggy in der Natur keine Chance hätte, wenn es überhaupt lebend auf die Welt kommt. «Da wir Menschen aber auf die Natur Einfluss genommen haben, gilt es auch in einem Fall wie Peggy, Verantwortung zu tragen», findet sie.

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