Artikelreihe zur Zukunft der Weidewirtschaft
Das UNO-Jahr der Weiden und Hirten gibt Anlass, über die Zukunft der Weidewirtschaft nachzudenken. An einer Tagung in Naters (VS) wurde deutlich, dass insbesondere der fehlende Nachwuchs die Branche beschäftigt. In unserer Artikelreihe zeigen wir, vor welchen Herausforderungen Hirten stehen, welche politischen Rahmenbedingungen die Weidewirtschaft prägen und weshalb sich Menschen für den Hirtenberuf entscheiden.
Die Ziegen- und Schafhirtenausbildung dauert ein bis zwei Jahre und umfasst fünf Module mit theoretischen und praktischen Inhalten. Dazu kommen mindestens zwei Wochen Stallpraktikum und sechs Wochen Alppraktikum. Die Teilnehmenden lernen unter anderem den Umgang mit den Tieren und Arbeitshunden, die Weidebewirtschaftung und verschiedene Hütetechniken. Nach Abschluss aller Module und Praktika folgt die Prüfung zum Zertifikat.
Die Ausbildung wurde neu organisiert
Martina Schäfli ist Lehrerin und Beraterin für Kleinviehhaltung am Bündner Plantahof und ist verantwortlich für die neu aufgestellte Ziegen- und Schafhirtenausbildung. Bis und mit dem Ausbildungsgang 2025/26 gab es die «Schweizerische Schafhirtenausbildung». Diese wurde als Zusammenarbeit zwischen der Agridea und den landwirtschaftlichen Schulen Visp (VS) und Plantahof (GR) angeboten. Während die Schulen die Theoriemodule aufgebaut und durchgeführt haben, habe die Agridea die Koordination der Ausbildung und insbesondere der Praktika übernommen.
Ab dem Jahr 2026 habe sich die Agridea aus der Ausbildung zurückgezogen, da sie aufgrund personeller Veränderungen und der Kürzung des Budgets für Herdenschutz nicht mehr über genügend Mittel für die Koordination verfügte. «Wir vom Plantahof haben uns deshalb entschieden, ab Herbst 2026 die Ziegen- und Schafhirtenausbildung neu zu organisieren und eigenständig durchzuführen», so Schäfli. Ausserdem hätten sich die Anforderungen an die Arbeit von Ziegen- und Schafhirten in den letzten 20 Jahren grundlegend verändert, während der Kursinhalt mehr oder weniger gleichgeblieben sei.
Der Aufbau bleibe vergleichbar mit Theoriemodulen und einem Stall- sowie Alppraktikum. Neu würden explizit auch Ziegenthemen sowie das selbstorganisierte Hütehundtraining in die Ausbildung einbezogen.

Es braucht gewisse Voraussetzungen
Aufgrund der Erfahrungen der letzten Jahre rechnet Martina Schäfli mit 15–20 Teilnehmenden pro Ausbildungsgang. «Im Modul 1 sind wir diesen Herbst mit 17 motivierten Teilnehmenden gestartet», sagt Schäfli. Das Feld der Teilnehmenden sei bunt gemischt. Von jung bis alt, mit diversen Hintergründen und Vorbildungen. Erfahrene Landwirt(innen) fänden sich kaum unter den Interessent(innen). Wichtige persönliche Eigenschaften eines Hirten oder einer Hirtin sind laut Schäfli Charakterstärke und Durchhaltewille sowie eine gewisse Stresstoleranz und Verantwortungsbewusstsein.
«Es sind nach wie vor romantische Vorstellungen vom Leben auf der Alp verbreitet», erklärt die Lehrerin. Insbesondere Schafalpen seien aber meistens sehr abgeschieden und schwer zugänglich. Hinzu kämen die langen Arbeitstage mit körperlich schwerer Arbeit und die grosse Verantwortung über viele Tiere. Auch seien es oft sehr einfache Verhältnisse bezüglich Infrastruktur wie Strom, Wasser und Verpflegung.
Nicht mehr wie früher
Laut Martina Schäfli sind die Anforderungen an eine Schafhirtin oder einen Ziegenhirten in den letzten Jahren massiv gestiegen. «Früher weideten viele Schafe und Ziegen auf den Alpen frei. Es gab kaum Zäune, geschweige denn Herdenschutzhunde.» Gelegentliche Kontrollgänge durch die Tierbesitzer hätten ausgereicht.
Durch die vermehrte Präsenz von Grossraubtieren hat sich dies grundlegend verändert. Der Arbeitsaufwand sei massiv gestiegen, es brauche viel mehr Verständnis und Fachwissen rund um die Kleinwiederkäuer, aber auch Hüte- und Herdenschutzhunde sowie Zauntechnik.
Aber auch etwa der Tourismus stellt Hirtinnen und Hirten vermehrt vor Herausforderungen. «Man muss als Hirtin diesbezüglich aufmerksamer sein und sehr viel mehr kommunizieren, als dies früher nötig war», betont Schäfli. Aus diesen Gründen braucht es deutlich mehr gut ausgebildetes Personal auf Alpen als früher. «Um mehr Personen zu befähigen, diese zahlreichen Ansprüche an gute Hirten zu erfüllen, sehen wir uns in der Pflicht, diese Ausbildung anzubieten», hält sie fest.

