Artikelreihe zur Zukunft der Weidewirtschaft
Das UNO-Jahr der Weiden und Hirten gibt Anlass, über die Zukunft der Weidewirtschaft nachzudenken. An einer Tagung in Naters VS wurde deutlich, dass insbesondere der fehlende Nachwuchs die Branche beschäftigt. In unserer Artikelreihe zeigen wir, vor welchen Herausforderungen Hirten stehen, welche politischen Rahmenbedingungen die Weidewirtschaft prägen und weshalb sich Menschen für den Hirtenberuf entscheiden.
«Ich möchte etwas Neues, wo ich selbstständig sein kann, ohne gleich selbst einen Hof führen zu müssen.» Noah Wildisen studiert Agrarwissenschaften an der ETH in Zürich und hat diesen Herbst die Ziegen- und Schafhirtenausbildung auf dem Plantahof in Landquart GR begonnen. Da er nicht auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, hat er neben dem Studium immer wieder praktische Erfahrungen in der Landwirtschaft gesucht.
Nicht nur am Schreibtisch arbeiten
Als stellvertretender Geschäftsführer eines Käseladens und bei Einsätzen auf verschiedenen Landwirtschaftsbetrieben hat er erste Erfahrungen gesammelt. Heute arbeitet er bei Soil to Soul, einem gemeinnützigen Verein, der sich für gesunde Böden, und zukunftsfähige Ernährungssysteme einsetzt und Menschen aus Landwirtschaft, Gastronomie und Wissenschaft zusammenbringt.
Die Arbeit bei Soil to Soul gefällt ihm sehr. Gleichzeitig möchte er langfristig nicht ausschliesslich am Schreibtisch arbeiten. «Mir ist wichtig, neben der theoretischen Auseinandersetzung mit der Landwirtschaft, auch selbst draussen und praktisch zu arbeiten», sagt Noah Wildisen.
Fasziniert vom Zusammenspiel
Das erste Ausbildungsmodul hat Noah Wildisen bereits überzeugt. Besonders gestaunt hat er über die Vielfalt der Teilnehmenden: «Wir sind ein buntes Päckli», sagt er. Mit Schafen und Ziegen hatte der ETH-Student bisher wenig zu tun, dafür kennt er die Arbeit mit Kühen.
Besonders fasziniert ihn die Beziehung zwischen Mensch und Tier, sei es mit den Schafen und Ziegen oder auch mit den Hunden. «Zu sehen, wie Mensch und Tiere miteinander kommunizieren, und wie alle aufeinander angewiesen sind, finde ich sehr spannend», erzählt er.

Zwischen Neuland und Herausforderung
Noch offen ist für Noah Wildisen die Suche nach einem geeigneten Praktikumsbetrieb. «Ich weiss noch nicht, wie einfach es ist, einen zu finden. Und zwischenmenschlich muss es ja auch stimmen», betont er.
Auch im Umgang mit den Hirtenhunden betritt er Neuland. «Ich führe nicht gerade ein Leben, in das ein Hund passt», sagt er. Deshalb prüft er noch, was es für alternative Möglichkeiten gibt, ausser einen eigenen Hund zu besitzen. Bisher empfinde er die Ausbildung als «sehr toll». Es seien immer mehrtägige Module und die Ausbilder(innen) würden sich Mühe geben, dass die Lernenden einen Praxisbezug hätten und auch viel draussen seien. «Man kann nicht alles im Klassenzimmer lernen», findet Wildisen.
Für den Hirtenberuf brauche es vor allem Freude an den Tieren, Motivation und körperliche Fitness, sagt er. «Ich bin gerne draussen in den Bergen unterwegs und mag auch die körperliche Arbeit. Umso schöner, dass es ein wichtiger Teil der Ausbildung ist.»
Der Typ fürs Alleinsein
Auch Selbstständigkeit ist für Noah Wildisen wichtig. Als die Kursteilnehmenden darüber diskutierten, ob sie lieber alleine oder im Team arbeiten würden, wurde deutlich, wie unterschiedlich ihre Vorstellungen sind. Für Noah Wildisen war die Antwort klar: «Ich kann mir das besser alleine vorstellen. Ich bin der Typ für das.»
Alleine unterwegs zu sein, sei er gewohnt, erzählt er. Auf mehreren halbjährigen Veloreisen hat er verschiedene Länder erkundet und dabei auch Zeit mit Hirten verbracht, unter anderem im Iran, in Algerien und in Mali. «Dabei habe ich wahrscheinlich auch die romantische Betrachtung des Hirtentums mitbekommen», sagt er. Das ruhige Leben mit den Tieren habe ihn fasziniert. «Vielleicht muss man für dieses Gefühl nicht immer mit dem Velo weit weg fahren, sondern kann das Gefühl auch zu Hause in den Bergen finden.»

