Artikelreihe zur Zukunft der Weidewirtschaft
Das UNO-Jahr der Weiden und Hirten gibt Anlass, über die Zukunft der Weidewirtschaft nachzudenken. An einer Tagung in Naters (VS) wurde deutlich, dass insbesondere der fehlende Nachwuchs die Branche beschäftigt. In unserer Artikelreihe zeigen wir, vor welchen Herausforderungen Hirten stehen, welche politischen Rahmenbedingungen die Weidewirtschaft prägen und weshalb sich Menschen für den Hirtenberuf entscheiden.
Aneah Grella aus Berlin (Deutschland) ist Langstreckenwanderin und liebt es, in den Bergen unterwegs zu sein. Sie hat sich überlegt, wie sie mit ihrer Leidenschaft, draussen in den Bergen zu sein, Geld verdienen kann. Seit 11 Jahren arbeitet sie als Körper- und Traumatherapeutin. Für sie bedeutet das, viel mit Menschen zu arbeiten, aber auch oft drinnen zu sitzen. «Draussen in den Bergen zu wandern, ist ein Ausgleich für meine Seele», sagt die 46‑Jährige.
Der richtige Zeitpunkt
Nach ihrer Eingebung, die Hirtenausbildung zu machen, suchte Aneah Grella zuerst einen «Realitätsbezug», weshalb sie im März für zwei Tage einen kleinen Betrieb besuchte. Sie weiss, dass es im Winter und Frühling weniger zu tun gibt, doch den Lämmern den Schoppen zu geben, Zäune zu stellen und zu lernen, wie man Schafe anpackt, hat sie in ihrer Entscheidung bestärkt. «Da bei den Schafen zu sein mit den Hunden, erfüllt mich und macht mich glücklich.»
Jetzt sei der richtige Zeitpunkt für die Ausbildung. Ihre Tochter ist jetzt 16 Jahre alt. «Es ist das erste Mal, dass wir uns so lange nicht sehen, aber ich kann es ihr zumuten», sagt die angehende Hirtin. Sie wird für das Praktikum im Winter zwei Wochen weg sein und für das Alppraktikum nächsten Sommer sechs Wochen. Nach der Ausbildung wird die Berlinerin für die Saison jeweils vier Monate von zu Hause weg sein, aber zu diesem Zeitpunkt ist ihre Tochter 18 Jahre alt.

Auf schwierige Situationen vorbereitet sein
Im ersten Modul lernten die Auszubildenden, sich auch auf Katastrophensituationen vorbereiten zu müssen – etwa Naturkatastrophen wie Gewitter mit Blitzschlag oder Steinschläge, auch wenn solche Situationen nicht alltäglich sind. Die Möglichkeiten der Abstürze von Hütehunden oder Schafen in sehr steilem Gelände sind für die 46-Jährige eine der grössten Herausforderungen.
Sie freut sich trotzdem sehr auf alle Teile der Ausbildung. Die Theorie sei sehr spannend, aber halt teilweise trocken. «Da sind die vielen Exkursionen ein guter Ausgleich.»
Die grösste Umstellung ist der Hund
Die grösste Umstellung wird für Aneah Grella der Hund. «Wenn ich ja sage zu dem Beruf, brauche ich einen eigenen Hütehund», sagt sie. Ein Hund bedeutet weniger Freiheiten und nimmt viel Zeit in Anspruch. «Ein Hund braucht viel Ausbildung und Erziehung, damit er eines Tages ein guter Arbeitskollege wird.» Wenn man einen Welpen kaufe, wisse man nie, was einen erwarten würde, fährt sie fort. Ausserdem wohnt sie derzeit in der Stadt, möchte aber raus aufs Land. «Das geht mit dem Hund sonst nicht.»
«Meine Tochter meinte anfangs, ob ich spinne»
Bei ihrem Sozialleben hat die angehende Hirtin weniger Angst vor grossen Veränderungen. «Meine Freunde können mich ja besuchen, wenn sie wollen. Vielleicht kommen sie sogar lieber auf die Alp als in die Stadt», sagt sie. Einige hätten bereits angekündigt, dass sie vorbeikommen werden. Familie und Freunde seien zum Teil überrascht gewesen von Grellas neuem Ausbildungsweg, doch insgesamt fanden es alle toll. «Meine Tochter meinte anfangs, ob ich spinne, jetzt findet sie es gut. Mein Partner weiss, dass ich das brauche, jedes Jahr in den Bergen zu sein», fährt sie fort.
Am Ende des ersten Moduls wurden die Teilnehmenden von der Ausbilderin Martina Schäfli gefragt, was sie aus diesem Kurs mitnehmen würden. Darauf antwortete Aneah Grella: «Ganz viel Glück.» Die Arbeit als Hirtin habe etwas, was sie tief berühren und erfüllen würde. Sie freut sich darauf.

