«Es wird vor allem auf konventionellen Milchbetrieben viel zu viel Kraftfutter eingesetzt, auch weil blindlings jemandem vertraut wird», sagt Stefan Morger, Fütterungsberater bei den Zentralschweizer Milchproduzenten ZMP. Irgendwann im Verlaufe der Jahre würden sich die Probleme dann häufen, so dass die «Fütterungsberater» zu dieser und jener Ergänzung und Hilfsmitteln raten, statt dass die Ursachen gesucht werden.
Neutrale Fütterungsberatung
Eine neutrale Fütterungsberatung sei mit ein Grund gewesen, dass die ZMP diese Dienstleistung seit diesem Jahr forcieren. Daran hätten viele Leute in der Branche, wo primär der Verkaufsumsatz von Futtermitteln im Vordergrund stehe, nicht Freude. ZMP-Geschäftsführer Pirmin Furrer habe denn auch schon einige kritische Reaktionen von Futtermittelherstellern hören müssen. Er selber habe auch schon heftige Diskussionen mit Berufskollegen gehabt, weil er deren «Beratung» hinterfragte bzw. den Bauern zu weniger Kraftfutter riet, sagt Morger.
Eine Fütterungsberatung bieten die ZMP zwar schon seit 2020 an. Meist sei der Impuls von der Melkberatung ausgegangen, dass bei Qualitätsproblemen auf Milchbetrieben auch bei der Fütterung hingeschaut werden sollte. So beauftragten die ZMP Stefan Morger schon vor Jahren jeweils im Mandat für einzelne Fälle. Ein Beispiel sei besonders dramatisch gewesen, als ein Landwirt aus dem Entlebuch vor lauter Problemen nicht mehr ein und aus wusste und gar den Ausstieg aus der Milchproduktion und Umstieg auf Mutterschafe plante, und das bei einer Menge von jährlich einer halben Mio kg Milch. Dank der Beratung sei es gelungen, diesen Landwirt aus der Tretmühle zu befreien und ihn wieder zu motivieren. Dieser Fall habe unter anderem den Ausschlag gegeben, dass die ZMP die Fütterungsberatung forcierten und Stefan Morger per Anfang 2026 in einem 40 Prozent Pensum anstellten (siehe Kasten). Nun könnten sich Bauern melden, welche ihren Betrieb gerne durchleuchtet haben wollen. Einige würden auch weiterhin von der Melkberatung gemeldet, wenn sie Probleme mit der Eutergesundheit hätten und eine Analyse der Fütterung Sinn mache.
Ziel sei grundsätzlich, die Effizienz und damit die Kosten für die Landwirte zu optimieren. Und laut ZMP soll der Fokus der Beratung auch auf einem optimalen Kraftfuttereinsatz liegen.
Mit wenigen Massnahmen viel Erfolg
Das Potenzial dafür sei riesig, sagt Morger. Das sei hätten aber viele Milchproduzenten noch nicht erkannt, auch weil beispielsweise die eigenen Buchhaltungsergebnisse kaum analysiert würden. So komme es vor, dass Agrotreuhänder einigen ihrer Kunden raten, ihn als neutralen Fütterungsberater beizuziehen. Oft brauche es nur kleine Massnahmen. «Mit geringen Drehungen an wenigen Stellschrauben ist es oft möglich, Zehntausende von Franken mehr Erlös einzufahren», sagt Morger.
Die Kuh ist kein Schwein
Er nennt folgende Stellschrauben: Das Grundfutter müsse richtig verdaut werden können, zumal die Kuh ein Wiederkäuer sei. Eigentlich sei bei Vollkostenrechnung (mit Maschinen-, Gebäude- und Arbeitskosten) das eigene Grundfutter das teuerste Futter, also müsse dieses so eingesetzt und ergänzt werden, dass eine hohe Leistung daraus resultiere.
Oft brächte allerdings weniger Ergänzungsfutter mehr. «Vielfach wird die Kuh gefüttert wie ein Schwein, das geht einfach nicht!» Mit einigen Hundert Gramm Eiweiss könne die Gesamtverdauung mehr verbessert werden, als wenn kiloweise Getreide eingesetzt werde. Das richtige Energie-Eiweiss Verhältnis und die richtigen Rohfasern seien das Spannende an der Wiederkäuerfütterung,.
Gehaltsbezahlung nicht wirtschaftlich
Der grösste Teil des Eiweisses in der Milch stamme von der Energie. Es sei ein weit verbreiteter Trugschluss, dass mehr Eiweiss im Futter mehr Eiweiss in der Milch bringe.
Nicht wirtschaftlich sei es, die Fütterung auf bessere Milchgehalte auszurichten. Das Bezahlungssystem trage dem finanziellen Aufwand nicht Rechnung. «Dünne Milch abzugeben ist wirtschaftlicher als gehaltvolle». Das habe er schon in seiner Diplomarbeit vor über 20 Jahren aufgezeigt, das System habe sich seither kaum verändert.
Kritik äussert Morger auch zur Ausbildung der Landwirte. Da würden in den Schulen Preise und Gehalte von Futtermitteln verglichen und es werde zu günstigen Einzelkomponenten geraten. Dabei liege der Hebel nicht beim günstigsten Futter, sondern wie was richtig eingesetzt werde.

Viel Geld aus der Milch ist möglich
Er kenne viele Bauern, die dank gutem Management nach wie vor sehr viel Geld aus der Milch verdienen, 6000 Franken und mehr pro Kuh. «Wer den Betrieb aber nicht im Griff hat, der kann sehr viel Geld verlieren.» Da seien grössere und spezialisierte Milchbauern bezüglich Betriebsführung aber auch viel mehr gefordert als kleinere Betriebe mit mehreren Standbeinen. Nicht wenige Milchbauern seien stark unter Druck, nicht nur finanziell, sondern auch generell überlastet und überfordert. Morger berichtet von einigen Suiziden von Bauern dieses Frühjahr, das gebe einem sehr zu denken.
Milchkrise bald überwunden
Er geht aufgrund der sehr unterschiedlichen Strukturen in der Zentralschweiz davon aus, dass sich vor allem kleinere und mittlere Betriebe künftig aus der Milchproduktion verabschieden werden. «Viele Junge sind nicht mehr bereit, sich diesen Aufwand anzutun, wenn wenig herausschaut.»
Die aktuelle Milchkrise mit zu hoher Produktion und tiefen Preisen sei andererseits nur kurzfristig. Es sei absehbar, dass aufgrund der tiefen Geburtenzahlen und hohen Schlachtviehpreise Milch bald wieder gesucht sein werde.
Kühe könnten viel mehr leisten
Das Leistungspotenzial der Kühe sei enorm, das komme beispielsweise zur Geltung, wenn vom Laufstall mit Melkstand auf Melkroboter umgestellt wird. Morger nennt Beispiele, wo die Kühe danach täglich fünf Liter mehr Milch gaben, bei gleicher Fütterung. Dies, weil Kühe nicht vor dem Melkstand warten müssen, weniger Druck auf den Füssen haben, freier sind, wann sie gemolken werden wollen, die schwächeren Kühe besser zum Futter gelangen usw. «Dank Automatisierung ist mehr Tierwohl und mehr Leistung möglich.»
Grosser Standortvorteil in der Zentralschweiz sei die gute Futtergrundlage. Das sei mit ein Grund, wieso ausländische Fütterungspläne, die auf viel schlechteren Grundfutterdaten basieren, hier nicht funktionieren.
Viehzucht setzt nicht auf Effizienz
Kritische Bemerkungen macht Morger zur Milchviehzucht. Da werde vor allem auf mehr Milch gezüchtet, was automatisch grössere Tiere bringe. «Ist die Kuh dadurch auch besser geworden? Oder leisten die Kühe einfach mehr, weil sie mehr Volumen haben?» Im Gegensatz dazu habe man in der Schweine- und Geflügelzucht klar auf mehr Effizienz gesetzt, mit mehr Fleisch bei weniger Futter, also besserer Verwertung.
Frappant seien auch die Rassenunterschiede. Wer viel Milch wolle, setze auf die Holsteinkuh, ob rot oder schwarz sei egal. Es sei doch weit bekannt, dass die braune BS-Kuh stehen geblieben sei, die Holsteiner züchterisch zehn Jahre voraus seien. «Da kommt einfach bis 1500 Kilo mehr Milch pro Kuh.» Deshalb lege die OB-Kuh so stark zu, weil sie einfacher zu halten ist, Fehler besser erträgt, mit mässiger Futtergrundlage besser zurecht kommt und gerade für viele Bergbetriebe besser geeignet ist. «Was sicher nicht geht, ist Holsteiner auf einem Bio-Betrieb, da werden die Kühe nicht alt.»
Kühe lügen nicht
Abschliessend gibt Morger folgende Tipps für erfolgreiche Milchproduktion: Wiederkäuergerechte Fütterung, ausbalanciertes Energie-Eiweissverhältnis und nicht zu stark mit schnellen Flüssig-Energien, wie Zucker und Propylengemischen arbeiten. Die könnten zwar kurzfristig mehr Milch liefern, aber die Retourkutsche komme mit Gesundheitsproblemen. «Kühe lügen nicht», sagt Morger. All die Daten, automatischen Systeme und Berechnungen seien lediglich Hilfsmittel. Gute Bauern hätten das Gespür, ihre Tiere beim Gang durch den Stall lesen zu können. Darauf müsste der Fokus noch mehr gelegt werden.
Jahrzehntelange Erfahrung als Fütterungsberater
Stefan Morger, in Langnau am Albis ZH aufgewachsen, sei auch als Nicht-Bauernsohn immer stark mit der Landwirtschaft verbunden gewesen, ging auch gerne z’Alp. In jungen Jahren war er Spitzensportler im Rudern. Er studierte zuerst Forstwirtschaft, wechselte dann zu Agronomie an der ETH, schloss 2001 ab. Seine Diplomarbeit thematisierte den Zusammenhang zwischen Grösse, Leistung und Wirtschaftlichkeit bei Milchkühen. Seine erste Stelle war Geschäftsführer bei der Bündner Viehvermittlungs AG, später war er bei der Vianco tätig, baute den Viehexport nach Osteuropa auf und eröffnete die erste Vianco-Arena. 2004 kam er zur Walzmühle, früher in Wolhusen, heute im Rain, ist dort als Leiter Verkauf und Beratung tätig. Allerdings sei dies seit Anfang Jahr nur mehr eine Immobiliengesellschaft, gehöre zur Obermühle Boswil AG. Futter werde von der Walzmühle schon seit 10 Jahren keines mehr produziert, Morger betreut aber nach wie vor Kunden in Fütterungsfragen, ohne Verkaufsdruck. So sei wohl auch ZMP aufgrund der grossen Erfahrung und dank der neutralen Beratung auf ihn aufmerksam geworden. Morger wohnt seit 2001 in Kerns OW, führt dort mit seiner Frau einen kleinen Nebenerwerbsbetrieb, 10 ha extensives Land, mit 22 Mastrindern - Pure Simmental – und rund 60 Mutterschafen. Den Sommer über bewirtschaften sie mit den Schafen die Fürenalp ob Engelberg.

