«Ich hatte schon früh Freude an den Tieren, sie nachzuziehen und zu zeigen. Mein Wunsch war es immer, an einer Ausstellung nur Tiere aus Eigenzucht zu präsentieren.» Dieser Wunsch des Walliser Viehzüchters Gabriel Ammann vom Lerchenhof in Turtmann ging vor zwei Jahren fast in Erfüllung. Sage und schreibe 32 Tiere, davon 30 Eigenzuchten, präsentierte er damals an der Oberwalliser Verbandsausstellung.
Ohne den Nachwuchs der ganzen Familie wäre die Teilnahme mit 32 Tieren aber nicht möglich gewesen, weiss der engagierte Viehzüchter. Und die Familie ist gross. Denn die Viehzucht des Lerchenhofs wird von den drei Geschwistern Gabriel, Christian und Michaela als Betriebszweiggemeinschaft (BZG) gemeinsam geführt. Gesamthaft haben sie sechs Kinder vom Teenageralter bis zu jungen Erwachsenen.
Die Nachfolger machen sich bereit
Die Kinder wurden schon früh in den Betrieb einbezogen. Entsprechend ist auch die Nachfolge in Sicht, denn mehrere Kinder sind an der Landwirtschaft interessiert und arbeiten teilweise bereits auf dem Betrieb. «Was wir tun, ist nicht einfach ein Beruf. Es ist Liebe und unsere Passion. Offenbar haben wir mit unserer Jungmannschaft nicht viel falsch gemacht, denn wir konnten ihnen unsere Freude an der Viehzucht vermitteln. Das zu sehen, freut mich sehr», verrät Gabriel Ammann. Entsprechend früh können die Jungen nach Wunsch auch eigene Bereiche übernehmen. Der 45-jährige Betriebsleiter hätte auch kein Problem, den Betrieb bereits mit etwas über 50 Jahren zu übergeben. «Ich bin für diverse Lösungen offen», erklärt er.

Betriebsspiegel Lerchenhof
Betriebsleiter und Familie: Gabriel und Sarah Ammann (2 Kinder), Bruder Christian Ammann, Schwester Michaela Vogel (4 Kinder).
Mitarbeitende: 2 Auszubildende, 1 Angestellter
Ort: Turtmann VS
Lage: 600 m ü. M., voralpine Hügelzone
Fläche: 50 ha landw. Nutzfläche, davon 15 ha Kunstwiese, 10 ha Weiden und 25 ha Naturwiese
Tiere: 70 Swiss-Fleckvieh-Milchkühe (SF), 20 Mutterkühe Limousin und Angus, 40 Rinder, Jungvieh und Kälber der Rasse SF, 15 Schafe, 6 Pferde, 3 Ponys, 20 Hühner, 2 Zwergziegen, im Winter 12 Eringerkühe eines Berufskollegen
Stalldurchschnitt: 7500 kg Milch, mit 3,7 % Fett und 3,27 % Eiweiss
Milchmenge pro Jahr: 400 000 kg Milch
Melksystem: Absauganlage
Mix aus Milch- und Mutterkühen
Der Lerchenhof wird als Vollweidebetrieb im Oberwalliser Talgrund geführt. Die Aufgabengebiete sind unter den Betriebsleitenden klar aufgeteilt. Gabriel Ammann ist für das komplette Management zuständig, seine Frau Sarah für die Buchhaltung. Sie wohnen mit ihren Kindern auf dem Hof, während die Geschwister auswärts leben.
Bereits der Vater betrieb Viehzucht. Er molk in zwei Ställen und führte einen Viehhandel. Letzteren haben die Geschwister aufgegeben. «Wir haben von Beginn weg auf Aufzucht gesetzt. Dabei blieb noch etwas Platz für Mutterkühe. Im Laufstall wollen wir etwas ohne grossen Arbeitsaufwand dazuverdienen», erklärt der Betriebsleiter die Strategie sowie die Haltung von Milch- und Mutterkühen. Der Offenlaufstall wird auch für die Mastremonten genutzt. Gemolken wird im Anbindestall. Eine Hälfte des Milchviehs verbringt den Sommer auf dem Heimbetrieb, die andere Hälfte wird zur Sömmerung auf verschiedene Alpen verteilt.
«Die Kühe müssen zuerst etwas leisten, um Kraftfutter zu bekommen.»
Gabriel Ammann über seine Fütterungsstrategie
Gabriel Ammann setzt auf Langlebigkeit. Bei den Zuchtselektionskriterien stehen die Gehalte und das Euter im Vordergrund. Die Kühe sollen mittelgross gewachsen sein und ein gesundes Fundament für die Weidetauglichkeit und Alpung aufweisen. Zudem sollen sie fruchtbar und gesund sein und die Milchleistung möglichst aus dem Grundfutter beziehen, denn auf dem Lerchenhof müssen die Tiere ihr Futter selbst auf der Weide holen. Kraftfutter wird im Stall nur sparsam und leistungsentsprechend eingesetzt. «Die Kühe müssen zuerst etwas leisten, um Kraftfutter zu bekommen. Ich gebe ihnen nicht Kraftfutter, damit sie etwas leisten», erklärt er.
Mehr Miteinander im Kanton gewünscht
Jeden Morgen steht Gabriel Ammann gegen vier Uhr im Stall und melkt selbst. Das ist ihm wichtig. Abends melkt jemand anderes. Die Milch wird in der Augstbordkäserei Turtmann zu Walliser Raclettekäse verarbeitet. Auch wenn die Käserei im Ort liegt, wird die Milch täglich abgeholt. Dahinter steckt ein Genossenschaftsgedanke. «Wir Talbauern helfen den Bergbauern, den Milchtransport zu vergünstigen. Im Gegenzug sollten sich die Bergler dafür einsetzen, die Produkte an die Touristen zu verkaufen.» Leider würden das nicht mehr alle so sehen, bedauert Ammann. Generell wünscht er sich für die Zukunft, dass die Walliser Bauern wieder vermehrt zusammenstehen und viel mehr miteinander als gegeneinander arbeiten.
Doch zurück zum Lerchenhof. Die Bewirtschaftung des Hofes ist arbeitsintensiv und Trockenheit ein grosses Problem. Während der Sommermonate ist täglich eine Person nur für die Betreuung der Bewässerungsanlagen zuständig. Trotz viel Arbeit setzt Gabriel Ammann nicht auf arbeitserleichternde Technologien. Zu viele Knöpfe, auch bei den Traktoren, sind ihm zuwider. «Andere sind in meinem Alter weiter in der Digitalisierung. Ich aber benötige noch Papier und Leuchtstift und der Brunstkalender hängt im Stall, wo jeder hineinschreiben kann. Dazu stehe ich», erklärt er bestimmt.

Schulklassen lernen auf dem Hof
Auf der Betriebswebsite steht: «Lerchenhof – der etwas andere Bauernhof in Turtmann.» Doch was macht den Hof anders? Das komme vom Vater. Dieser richtete den Hof so ein, dass alles rollstuhlgängig ist, weil er den Hof und die unterschiedlichen Tiere für alle zugänglich machen wollte. Der Hof liegt abseits vom Dorf an einem Wanderweg und angrenzend an ein Naturschutzgebiet, wo es seltene Vögel wie den Wiedehopf zu sehen gibt.
Turtmann liegt zudem im Perimeter des regionalen Naturparks Pfyn-Finges. Ganze Völkerwanderungen würden am Hof vorbeilaufen und Besuchende seien willkommen, erzählt Gabriel Ammann. Was ihn jedoch ärgert, sind Menschen, die in den Wiesen umhertrampeln, und Autos, die querbeet abgestellt sind. Abhilfe schaffen ein Zaun und ein neues Fahrverbot. Ammanns begrüssen mehrmals im Jahr Schulklassen. Ihnen wird aber nicht wie andernorts ein Programm geboten. Nachdem einige Verhaltensregeln erklärt wurden, dürfen sich die Kinder frei auf dem Hof bewegen. «Sie profitieren so extrem. Sie saugen in zwei Stunden auf, was man ihnen in derselben Zeit im Unterricht nicht mitgeben kann», so Gabriel Ammanns Erfahrung.
Hoffen auf die Multifunktionshalle
Der Betriebsleiter ist seit vergangenem Jahr Gemeindepräsident von Turtmann-Unterems. Er hat sich stark für das «Arena-Projekt» mit Multifunktionshalle eingesetzt. Die Arena soll künftig für Viehausstellungen und Ringkuhkämpfe genutzt werden können. Er war massgeblich daran beteiligt, das Projekt nach Turtmann zu holen, und erklärt: «Das Wallis hat nichts dergleichen. Keine Hallen, wie sie überall im Bernbiet stehen. Die Schäfeler etwa gehen in die Turnhalle und verlegen einen Schutzboden. Das kann es doch nicht sein», moniert er. Zudem seien die Ringkuh-Arenen von Aproz und Goler in Raron auslaufende Projekte, da etwa letztere in einem Naturschutzgebiet liege.
Für das Arena-Projekt wurde ein Verein gegründet, unter dessen Führung nun die weitere Planung und Realisierung vorgenommen werden. Die Gemeinde Turtmann ist nicht mehr aktiv, sondern nur noch als Bewilligungsbehörde involviert. Daher kann Gabriel Ammann auch keine Angaben zum aktuellen Stand und Zeitplan machen.
Stillsitzen geht nicht auf Dauer
Betriebsführung, engagierte Viehzucht und Gemeindepräsidium – damit sind die Tage von Gabriel Ammann gut gefüllt. Als Ausgleich ist der 45-Jährige als Fussballschiedsrichter tätig. Auch Ferien liegen gelegentlich drin. Doch mehr als ein paar Tage am Strand liegen geht nicht. Dann müsse wieder Bewegung rein. «Fürs Stillsitzen und Nichts-Tun bin ich nicht gemacht», verrät er. Und man glaubt ihm aufs Wort.

