Auf den griechischen Inseln Naxos und Santorin liefern sich Landwirtschaft und Tourismus einen zunehmend härteren Wettkampf um Wasser, Land, Arbeitskräfte und Wohnraum – und die Landwirtschaft zieht dabei meist den Kürzeren.
Naxos, mit dem höchsten Gipfel der Region und führend in Vieh- und Kartoffelanbau, hat in den letzten zehn Jahren Millionen Feriengäste angezogen, die wegen der Strände kommen, aber auch wegen der lokalen Küche: Graviera Naxos mit geschützter Ursprungsbezeichnung (g.U.), hochwertiges Rindfleisch, frisches Gemüse und die g.U.‑Kartoffeln von Naxos.
Manche Bäuerinnen und Bauern sind versucht, wertvolles Ackerland zu Höchstpreisen für den Bau von Hotels zu verkaufen. Das Problem beschränkt sich nicht auf Naxos: Auf Santorin steht auch die berühmte Rebsorte Assyrtiko unter Druck – durch Wasserknappheit, Klimawandel und die Sogwirkung des Tourismus.
Wasser wird für die Bauern von Naxos knapp
Nikolas Pittaras hält 200 Holstein-Kühe sowie weitere 300 Rinder und produziert damit 2860 Tonnen Milch pro Jahr – der grösste Teil davon fliesst in die Herstellung des Premiumkäses Graviera Naxos g.U. Daneben bewirtschaftet er 20 Hektar Ackerbaufläche mit Winterkulturen sowie, je nach Niederschlag, zwischen zwei und acht Hektar Sommerkulturen wie Sorghum und Mais.

Für Pittaras liegt der Hauptkonfliktpunkt beim Wasser. «Es gibt einen Speicher mit einer Kapazität von 600 000 Kubikmetern und einen Staudamm, der 1,5 Millionen Kubikmeter sammelt – doch das Wasser wird für die touristische Nachfrage verwendet», sagt er.
«Die Brunnen versiegen deshalb, Jahr für Jahr. Früher haben wir 200 oder 300 Meter tief gebohrt, heute sind wir bei 450 Metern. Gut, sagen wir, wir kommen auf 1000 Meter. Und dann? Dann ist Schluss. Dann sind wir am Ende.»
Tourismus treibt Lebenskosten in die Höhe
Die Wasserknappheit macht ihn zunehmend abhängig vom Regen: Die Erträge bei Winterackerkulturen schwanken zwischen rund 25 Tonnen pro Hektar und, in guten Jahren, dem Doppelten davon. Der Tourismus treibt zudem die Lohn- und Wohnkosten in die Höhe.
«Wenn jemand eine kleine Wohnung für 100 oder 150 Euro pro Nacht an Feriengäste vermieten kann, wird es extrem schwierig, Wohnraum für landwirtschaftliche Angestellte zu finden», sagt Pittaras.

Er befürchtet, dass dieser Druck die Konzentration der Produktion beschleunigt. Kleine Familienbetriebe, sagt er, würden «jeden Tag» schliessen – und er sieht wenig Sinn darin, wenn Naxos am Ende bei «drei oder vier Grossbetrieben» lande, die dieselbe Milchmenge produzierten wie heute «320 bis 330 Betriebe». Ihr Verschwinden würde nicht nur die Wirtschaft der Insel verändern, sondern auch ihr Landschaftsbild und ihr soziales Gefüge.
Kartoffeläcker weichen der Bautätigkeit
Der Kartoffelbauer Spiros Skarpos, der fünf bis sechs Hektar bewirtschaftet, beschreibt einen ähnlichen Rückgang. Die Fläche für Naxos-Kartoffeln mit Gütesiegel ist von rund 600 auf 300 Hektar gesunken. Neben der Wasserknappheit nennt er die Konkurrenz um Land als Ursache.
In Plaka, bestem Ackerland nahe einer der beliebtesten Strandzonen der Insel, geben manche Bauern ihre Felder für Bauprojekte auf. Wasserleitungen müssen entfernt werden, der Zugang wird schwieriger, und die Landwirtschaft gerät zunehmend in Konflikt mit dem Tourismus. «Wenn der Traktor frühmorgens zur Kartoffelernte ausrücken muss, stört das womöglich die Feriengäste nebenan.»
Trübe Aussichten für Santorins goldene Rebe
Auf Santorin erzählt die Rebsorte Assyrtiko eine ähnliche Geschichte. Die weisse Traube, geschätzt für ihre mineralische Note, ihre Zitrusaromen und ihre feste Struktur, gedeiht besonders gut in der kargen Vulkanlandschaft der Insel. Laut Yannis Paraskevopoulos, Winzer und Besitzer von Gaia Wines, geben Bauern ihre Rebberge trotz Traubenpreisen von 9 bis 10 Euro pro Kilo zugunsten lukrativerer Einnahmen im Tourismus auf.
«Die Wasserknappheit, verschärft durch den Klimawandel, schreckt die jüngere Generation ab – die Bewirtschaftung bleibt zunehmend den Älteren überlassen», sagt er.
Die Ankunft neuer Weingüter – mittlerweile rund 20 an der Zahl – hat die Traubenpreise in die Höhe getrieben. «Assyrtiko vom Festland erzielt etwa einen Zehntel des Preises von Santorin. Trotzdem ist die Rebfläche in den letzten 20 Jahren von rund 1200 auf 900 Hektar gesunken», sagt Paraskevopoulos.

Klimawandel macht zusätzlich Druck
Tzanes Darzentas, der 15 Hektar Assyrtiko bewirtschaftet und zu den grösseren Produzenten der Insel zählt, nennt die Wasserknappheit als Hauptgrund für den Rückgang. Kommunal entsalztes Wasser kostet rund 3 Euro pro Kubikmeter – doch nur wenige Bauern erhalten überhaupt Zugang dazu.
Die meisten kaufen deshalb Bewässerungswasser von privaten Entsalzungsanlagen für rund 7 Euro pro Kubikmeter und müssen die Tankwagen-Betreiber regelrecht um eine Lieferung bitten. Darzentas hat die Bewirtschaftung von zwei Dritteln seiner Rebflächen in abgelegenen Lagen aufgegeben – nicht weil das Wasser zu teuer wäre, sondern weil die Tankwagen diese Parzellen nicht erreichen.
Dennoch will er weitermachen und plant, weitere vier Hektar in Lagen zu kaufen, die für Tankwagen zugänglich sind. Der Klimawandel macht die Landwirtschaft jedoch zunehmend unberechenbar. «Früher sagte man: In zehn Jahren hat man ein Katastrophenjahr, acht durchschnittliche Jahre und ein Spitzenjahr», so Darzentas. «Die letzten drei Jahre waren extrem ertragsschwach» – schlechte Niederschläge verschärfen den Druck auf die Produzenten zusätzlich.
Der Tourismus wird nicht grundsätzlich abgelehnt
Pittaras lehnt den Tourismus jedoch keineswegs grundsätzlich ab. «Wir alle können vom Tourismus leben», sagt er – vorausgesetzt, ein Teil des generierten Wohlstands hilft, den Landwirtschaftssektor am Leben zu erhalten. Landwirtschaft und Tourismus seien in seinen Augen gegenseitig voneinander abhängig.
Als Kind begleitete er seinen Vater auf dem Traktor, beladen mit Wassermelonen und Tomaten, «von Tür zu Tür» zu Hotels und Restaurants in Chora, der Inselhauptstadt. «Ohne Touristen würden unsere Produzenten nicht so gut bezahlt», räumt er ein. Was er ablehnt, ist das Prinzip des «schnellen Gelds»: Er wünscht sich «einen Tourismus, der die Umwelt respektiert, der die ganze Gesellschaft respektiert und der es allen ermöglicht, zusammenzuarbeiten und zu leben».
Auf der Suche nach einem gemeinsamen Nenner
Trotz aller Spannungen sehen die befragten Bäuerinnen, Bauern und Winzer Tourismus und Landwirtschaft nicht als unvereinbare Gegensätze. Die Herausforderung besteht darin, die landwirtschaftlichen Ressourcen so zu erhalten, dass die Landwirtschaft weiterhin Einheimische und Gäste versorgen kann – während gleichzeitig der Tourismus erhalten bleibt, der für die griechische Wirtschaft zentral ist.
Die Wiederverwertung von Abwasser gilt als möglicher Brückenschlag. Pittaras, Skarpos und Paraskevopoulos zeigen sich offen für Massnahmen, die den Konkurrenzdruck um Wasser entschärfen könnten. «Der Tourismus generiert enorme Einnahmen, und ein Teil davon sollte in die Modernisierung bestehender Kläranlagen investiert werden, um Wasser bereitzustellen, das sich für die Bewässerung eignet», sagt Paraskevopoulos.
Skarpos macht sich für einen ähnlichen Ansatz auf Naxos stark. Er schlägt vor, den Wasserbedarf des Tourismus über Entsalzungsanlagen zu decken. Die Bauern, sagt er, hätten der Gemeinde bereits geholfen – doch das entnommene Grundwasser gehe letztlich ins Meer verloren und speise die unterirdischen Reservoirs nicht mehr.
Am Ende geht es nicht darum, ob der Tourismus existieren soll, sondern ob der Wohlstand, den er schafft, jene landwirtschaftlichen Landschaften, Produkte und Gemeinschaften erhalten helfen kann, die diese griechischen Inseln so besonders machen.

