Negroni ist mittlerweile auf fast jeder Getränkekarte zu finden. Der bittersüsse Cocktail wirkt appetitanregend. Kein Wunder: Einer der drei Bestandteile des Getränks ist Wermut. «Genial für die Leber, die Recyclingstation des Körpers», sagt Michelle Krügel, Inhaberin von «üsi drogerie» in Münsingen BE. Die Bitterstoffe im Wermut regen die Leber an, fördern den Appetit und die Verdauung: «Dadurch ist das ganze Tier fitter», sagt die Drogistin. Stimmt die Verdauung, wirkt sich das auch positiv auf die Milchleistung aus.
Einen kleinen Haken oder ganz wörtlich, Wermutstropfen, gibt es: Die Pflanze enthält mit Absinthin einen der stärksten Bitterstoffe, die es gibt. Wer ganz vorsichtig die Spitze des kleinen Fingers in fein gemahlenes Wermutpulver tunkt und dann abschleckt, bekommt eine gute Vorstellung davon, was das Kraut auslöst – es schüttelt einen und der Speichel beginnt zu fliessen.
Mit fein gemahlenem Wermutpulver die Kühe an den Geschmack gewöhnen
«Es ist ganz wichtig, gemächlich damit zu beginnen», erklärt Michelle Krügel. Zuerst gelte es, das getrocknete Kraut im Mörser zu einem feinen Pulver zu vermahlen und es übers Futter (Mais eignet sich) zu geben. Das Pulver ist sehr fein dosierbar, zudem akzeptieren die Tiere das Heilkraut in dieser Form besser. Haben sich die Kühe an den Geschmack gewöhnt, darf das Kraut auch direkt verfüttert werden.
Von mehr als einem Teelöffel Pulver pro Kuh und Tag rät Krügel ab. Zudem sei es sinnvoll, die Kur nach drei Wochen zu beenden.
Wer jetzt den Eindruck hat, Wermut sei erst seit der Erfindung des Negroni beliebt und bekannt, täuscht sich: Die Heilwirkung von Wermut war schon im Mittelalter bekannt, die Menschen versuchten, Wermut allzeit im Haus zu haben. Als volkstümliche Namen führt das Buch «Heilkräuter im Garten» unter anderem Bauernmedizin, Bitterkraut, Magenkraut und Wärmkraut auf.
Die deutsche Äbtissin, Ärztin und Naturforscherin Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) beschreibt Wermut als eine der ältesten bekannten Heilpflanzen. Besonders bei Störungen im Verdauungstrakt kommt die Pflanze zur Anwendung, von chronischen Magenschleimhautentzündungen über Krämpfe, Blähungen, Wurmbefall bis zu Problemen mit der Bauchspeicheldrüse.
Wermut wirkt nicht nur appetitanregend und verdauungsfördernd, sondern auch antimikrobiell, entzündungshemmend, krampflösend und er fördert den Stoffwechsel.
Wermut stärkt Kühe, die sich von Krankheiten erholen, und belebt sie
Michelle Krügel berichtet, dass Wermut auch als Tonikum (Stärkungsmittel) eingesetzt wird: «Es belebt und bringt Mut, sich zu wehren.» Das kann bei Kühen, die sich von Krankheiten erholen, durchaus nötig sein. Beim Trocknen und Mahlen der Pflanze lohnt es sich, die verholzten Stängel herauszulesen.
Beim Sammeln ist Vorsicht geboten: Der Blaue Eisenhut gleicht im frühen Stadium dem Wermut, ist jedoch äusserst giftig und gehört zu den Hahnenfussgewächsen.
Der Wermut ist mit seinen silbrigen Blättchen und den gelben Blütenköpfchen eine elegante, schöne Erscheinung und duftet aromatisch. Die Pflanze gehört zu den Korbblütlern, wie zum Beispiel die Ringelblume. Menschen und in seltenen Fällen auch Tiere können darauf allergisch reagieren. Auch daher ist es sinnvoll, mit ganz feinen Dosierungen zu beginnen und die Tiere aufmerksam zu beobachten.
Zu unterscheiden gilt es zwischen dem Beifuss, der auch zur Gattung der Artemisia-Pflanzen gehört, und dem Wermut. Beifuss ist milder und kommt eher in der Küche zur Anwendung.
Wermut hingegen wirkt nicht nur im Futter der Kuh und im Negroni appetitanregend. Wer einen Blick auf seinen lateinischen Namen wirft, erkennt, dass er dem Absinth seinen Namen gegeben hat.
Schnaps hat im Stall eher seine Berechtigung, wenn es ums Einreiben geht: Für die Heilwirkung von Wermut ist Pulver sicher die bessere Wahl.
Echter Wermut (Artemisia absinthium)
- Aufrecht wachsender, mehrjähriger Halbstrauch, 60 bis 100 cm gross.
- Gedeiht am besten an vollsonnigen bis sonnigen Standorten, winterhart.
- Bevorzugt eher trockene, karge, steinige, nährstoffarme, sandige bis lehmige und durchlässige Böden.
- Geerntet werden die blühenden Triebspitzen ohne verholzte Stängelteile mit einer Länge von max. 50 cm.
- Die Stängel in Büscheln zum Trocknen aufhängen und die getrockneten Blätter aufbewahren.
Anwendung
Wermut kommt innerlich zur Anwendung, volksmedizinisch äusserlich bei schlecht heilenden Wunden. Bei Tieren empfiehlt Michelle Krügel die Verabreichung als Pulver. Menschen können Wermut auch als Tee einnehmen.
Pulver: Kraut trocknen, in den Mörser geben, Stängel herauslesen und sehr fein zermahlen. Maximal 1 TL/Kuh und Tag, Kur nach drei Wochen beenden.
Kraut: Das frische Kraut darf verfüttert werden, falls es die Tiere trotz des äusserst bitteren Geschmacks akzeptieren.
Tee: ¼ bis ½ TL mit einer Tasse heissen Wassers übergiessen, 3 bis 7 Minuten ziehen lassen.
Quellen
- Enzyklopädie «Essbare Wildpflanzen», AT Verlag, 2013, ISBN 978–3–03800–752–4
- «Heilkräuter im Garten», Haupt Verlag, 2014, ISBN 978–3–258–07830–4
- «Kräuter- und Heilpflanzenatlas», Edition-lmz AG, 2. Auflage 2025, ISBN 978–3–03888–380–7
Haftungsausschluss
Die Informationen zur Pflanze, zu deren Wirkung und das Anwendungsbeispiel sind eine Zusammenstellung aus verschiedenen Quellen. Die Wirkungen und Nebenwirkungen sind nicht vollständig aufgelistet. Die Schweizer Agrarmedien AG übernimmt keinerlei Haftung für die Folgen der Anwendung.

