Schweiz Tourismus sieht keine Konkurrenz zur Landwirtschaft

Ein Gespräch über Bauland, Wasser und Arbeitskräfte – und warum die Schweiz laut Schweiz Tourismus anders tickt als Griechenland.

Nach der Recherche zu den Verdrängungseffekten zwischen Landwirtschaft und Tourismus auf den griechischen Inseln Naxos und Santorin wollten wir wissen: Gibt es Vergleichbares auch in Schweizer Tourismusregionen – etwa beim Bauland, bei der Infrastruktur oder bei den Saisonarbeitskräften? Wir haben bei Schweiz Tourismus (ST), der nationalen Organisation für die touristische Vermarktung des Landes, nachgefragt. Die Antworten von Mediensprecher Markus Tschannen fallen entsprechend versöhnlich aus.

Ein direkter Vergleich mit Griechenland hinke, so Tschannen: Gesetzliche Grundlagen – etwa in der Raumplanung –, öffentlicher Diskurs, Preisniveau und räumliche Gegebenheiten seien zu unterschiedlich.

Die Kreuzschifffahrt etwa, die im Mittelmeerraum für Massentourismus-Phänomene sorge, kenne die Schweiz gar nicht. Zwar gebe es auch hierzulande Hotspots, die zur Hochsaison stark besucht seien – «wir sind aber weit vom Massentourismus entfernt», so Tschannen. In den allermeisten Schweizer Tourismusregionen bewege sich der Tourismus «in einem sehr erfreulichen Rahmen»: Er schaffe Wertschöpfung bis tief in die Täler, ohne die Infrastruktur oder die Gastfreundschaft der Bevölkerung zu belasten.

Von Konkurrenz keine Spur

Verdrängungseffekte bei Ressourcen seien in der Schweiz aus Sicht von ST kein Problem wie andernorts. Der Baulandbedarf für den Tourismus – ohne das Thema Zweitwohnungen – sei langfristig überschaubar, die Zahl der Hotelbetten bleibe seit Jahren stabil, und die Tourismusförderung sei vor allem bestrebt, die Auslastung zu verbessern, so Markus Tschannen.

Wasser sei in den Tourismusregionen nicht so knapp wie in anderen Gegenden, und bei den Arbeitskräften gebe es in der Schweiz kaum Konkurrenzsituationen, behauptet Tschannen. Im Gegenteil: Seit jeher arbeiteten Tourismus und Landwirtschaft gerade in den Berggebieten nicht nur in Koexistenz, sondern in Symbiose – von Bergbauern, die im Winter bei den Bergbahnen arbeiten, über die Abgeltung für die Landnutzung im Wintersport bis hin zu diesem Sommer, als Speicherseen der Bergbahnen teilweise zum Tränken von Vieh genutzt werden konnten.

Punktuelle Herausforderungen sieht Tschannen am ehesten in der gegenseitigen Akzeptanz und Rücksichtnahme. In der Bevölkerung fehle manchmal die Wertschätzung für die Bedeutung von Landwirtschaft und Tourismus.

Manchmal kommt es zu Konflikten

Markus Tschannen zufolge ist der Tourismus naturgemäss eine Dienstleistung, die Gäste vor Ort geniessen – eine enorme Chance für die Wertschöpfungskette inklusive Landwirtschaft, die aber auch Konfliktpotenzial berge.

Wo Menschen von ausserhalb – «manchmal auch etwas unbedarft» – auf Privateigentum und die Interessen der lokalen Bevölkerung träfen, könne es zu Konflikten kommen, die meist auf Missverständnissen beruhten. Diesen gelte es, mit geeigneten Massnahmen und gegenseitigem Wohlwollen entgegenzuwirken.

Auf die Frage, ob die Landwirtschaft der Wertschöpfung des Tourismus in Bergregionen wirtschaftlich unterlegen sei, antwortet Tschannen ausweichend: «Tourismus und Landwirtschaft gehören untrennbar zusammen in die Bergregionen; sie in ihrer Bedeutung gegeneinander auszuspielen, schadet am Ende beiden.»

Kühe und Hofläden als Werbeträger

Aus der eigenen Marktforschung wisse man, dass die Berge und die Natur die wichtigsten Reisetreiber für die Gäste seien, so Markus Tschannen – und zur Natur zähle auch die Alpwirtschaft. Neben beeindruckenden Gipfeln und Bergseen gehörten die kleinzellige Bewirtschaftung, gepflegte Dörfer und Felder, neugieriges Vieh am Wegesrand und bäuerliche Traditionen zur «DNA des Schweizer Tourismus».

Zwei Dinge würden die Gäste im Schweizer Tourismus seit Jahren zuverlässig begeistern: Kühe und die Möglichkeit, auf Höfen entlang der Wanderwege in Selbstbedienung lokale Spezialitäten zu kaufen.

«Ohne die Landwirtschaft wäre der Tourismus in der heutigen Form nicht möglich», sagt Tschannen. Entsprechend spielt die Landwirtschaft auch in den Vermarktungsaktivitäten von ST immer wieder eine bedeutende Rolle – einerseits auf der Bildebene, aber auch als Teil der Kampagnenbotschaften.

Drei Beispiele nennt Tschannen: die inzwischen zwölfteilige YouTube-Serie «Culinary Grand Tour of Switzerland», in der die Influencer Noah Bachofen und Nico Franzoni Bauernhöfe, Hofläden, Käsereien, Metzgereien und Weingüter besuchen. Die Reise «Farm to Fork» im September, bei der sieben Journalistinnen und Journalisten aus Nah- und Fernmärkten zu drei Schweizer Hotels sowie zu Produzentinnen und Produzenten geführt werden. Und die Kampagne «Grape Escapes», mit der ST 2024 und 2025 Unterkünfte in den Rebbergen bewarb, um dem Önotourismus zu mehr Bekanntheit zu verhelfen.

Politik? Dazu äussert man sich lieber nicht

Zur Raumplanung verweist Markus Tschannen an den Schweizerischen Tourismus-Verband STV, der als Branchenverband die politischen Interessen des Tourismus vertrete. Als Vermarktungsorganisation äussere sich ST grundsätzlich nicht zu politischen Themen.

Unabhängig von den politischen Rahmenbedingungen ist Tschannen aber überzeugt, dass das Synergiepotenzial zwischen Landwirtschaft und Tourismus weitaus grösser sei als das Konfliktpotenzial – und dass es sich lohne, wenn beide Seiten ihre Zusammenarbeit noch mehr verstärkten, als das heute schon der Fall sei. Gerade lokal produzierte Lebensmittel spielten bei den Gästen eine zunehmend wichtigere Rolle.

Bei der Gästesensibilisierung setzt ST auf zwei Formate: die fünfteilige Webserie «Going Swiss», die sich vor allem an asiatische Gäste richtet und Themen wie Honesty Shops und den Respekt vor Privatgrund behandelt, sowie die Brancheninitiative «Travel with care. Leave with memories.», die Gäste während der Anreise und an touristischen Hotspots auf Regeln aufmerksam macht. Zum Beispiel: auf den Wegen bleiben, Abfall mitnehmen, Tiere nicht stören.

Toggenburg und Baselland als Vorzeigebeispiele

Im idealen Szenario für 2040, sagt Markus Tschannen, stärken sich Tourismus und Landwirtschaft durch eine enge Zusammenarbeit gegenseitig: Der Tourismus trägt zum Einkommen der Landwirtschaft bei, und die Landwirtinnen und Landwirte sorgen als engagierte Gastgeber mit dafür, dass die Gäste ein einmaliges Ferienerlebnis erhalten – von aktivem Agrotourismus bis zur Nutzung landwirtschaftlicher Produkte, mit und ohne direkten Gästekontakt. Allfälliges Konfliktpotenzial werde auf beiden Seiten durch Dialog und passende Massnahmen minimiert.

Als bereits etablierte Beispiele nennt Tschannen das Toggenburg, wo die rund um die Uhr geöffneten Toggenburgshops zum Kauf regionaler Produkte einladen, sowie den Kanton Baselland, wo die Landwirtschaft eng ins touristische Angebot eingebunden ist – etwa über die Baselbieter Hofroute, die Genusswoche oder das Angebot, auf Bauernhöfen zu übernachten oder mit dem Wohnmobil dort zu stehen.

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