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Saatgutbehandlung neu denken: Es braucht sie nicht in jedem Fall

Während drei Jahren untersuchte das Projekt Rés0sem rund 30 Weizenparzellen im Wallis und der Waadt. Die Ergebnisse stellen die Logik einer systematischen Behandlung von zertifiziertem Saatgut in Frage.

Lange Zeit beruhte der Schutz von Weizensaatgut vor der Aussaat hauptsächlich auf chemisch-synthetischen Behandlungen. Diese Produkte ermöglichen die Desinfektion des Saatguts und die Begrenzung bestimmter bodenbürtiger Krankheiten, während sie zugleich ein gleichmässiges Auflaufen der Kulturen sichern. Angesichts der wachsenden Erwartungen hinsichtlich einer Reduktion von Pflanzenschutzmitteln sind jedoch in jüngerer Zeit neue Lösungen auf dem Schweizer Markt erschienen: die Dampfbehandlung Thermosem und die Behandlung mit Elektronenstrahlen E-Vita.

Zertifiziertes Saatgut entspricht strengen Vorgaben

Diese Technologien werden ebenso wie die Applikation von Fungiziden auf das Saatgut direkt von den Vermehrungsorganisationen bei zertifiziertem Saatgut eingesetzt, das heisst bei Saatgut, das gemäss einem strengen Pflichtenheft (Verordnung des WBF über Saat- und Pflanzgut) hinsichtlich der Qualität und Reinheit der Vermehrungsparzellen und Saatgutpartien produziert wird. Für Weizen schreibt die Qualitätssicherung von Swisssem zusätzlich eine von Agroscope durchgeführte Gesundheitsanalyse vor, um zu überprüfen, dass die Krankheitserreger Microdochium spp., verantwortlich für den Schneeschimmel, und Tilletia spp., verantwortlich für den Steinbrand, unter den empfohlenen Schwellenwerten bleiben.

Versuche bei Landwirten durchgeführt

Ziel der Studie Rés0sem, die von Agroscope, dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), der Genossenschaft der Getreidezüchter (ASS) und Proconseil durchgeführt wurde, war es, verschiedene Behandlungsstrategien bei zertifiziertem Saatgut unter einem breiten Spektrum von Bedingungen zu vergleichen. Unterschiedliche Behandlungen – Thermosem, E-Vita, eine chemisch-synthetische Fungizidbehandlung sowie eine im biologischen Landbau zugelassene Behandlung (Tillecur, auf der Basis von Senfpulver) – wurden auf dieselben Posten zertifizierten Saatguts angewendet.

Diese Varianten wurden in Streifenversuchen, die während drei Jahren von 30 landwirtschaftlichen Betrieben durchgeführt wurden, mit einer unbehandelten Kontrolle derselben Saatgutpartie verglichen. Das Versuchsdesign ermöglichte zudem die Untersuchung des Mikrobioms, also der bakteriellen und pilzlichen Gemeinschaften, die eine wesentliche Rolle für das Funktionieren des Bodens spielen, mittels genetischer Analysen in der Rhizosphäre und im wurzelnahen Boden.

Keine wirklichen agronomischen Gewinne

Weizenerträge aus Saatgut, das verschiedenen Behandlungsverfahren unterzogen wurde: Es zeigen sich keine systematischen Unterschiede.(Bild: Proconseil)

Die Ergebnisse sind eindeutig: Die verschiedenen Saatgutbehandlungen hatten im Vergleich zur unbehandelten Kontrolle weder einen signifikant positiven noch einen negativen Effekt auf Auflaufen, die Blattkrankheiten, Ertrag oder Qualität der Kultur. Josep Massana Codina (Agroscope), wissenschaftlicher Leiter des Projekts, erklärt: «Wenn das Saatgut von Anfang an gesund ist und der Boden einen geringen Pathogendruck aufweist, bringt die Saatgutbehandlung keinen messbaren agronomischen Nutzen.»

Ist eine Saatgutpartie hingegen infiziert, ist eine Behandlung notwendig, um die Kulturen zu schützen. Die Gesundheitsanalyse des Saatguts ist daher wesentlich, um die Bekämpfungsmassnahmen an die tatsächlichen Risiken anzupassen. In Jahren mit hohem Krankheitsdruck, insbesondere durch Microdochium spp., ist es erforderlich, über wirksame Alternativen zu konventionellen chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln zu verfügen, namentlich dann, wenn Pflanzenschutzmittel infolge regulatorischer Entscheidungen vom Markt genommen oder in ihrer Anwendung eingeschränkt wurden. Derzeit laufen Versuche, um die Wirksamkeit mehrerer Behandlungen und alternativer Lösungen zu bestätigen.

Mikrobielles Bodenleben kaum beeinflusst

Die Studie untersuchte ebenfalls die Wirkung der Behandlungen auf die mikrobiellen Gemeinschaften des Bodens und der Rhizosphäre. Entgegen dem, was man annehmen könnte, führten weder Pflanzenschutzbehandlungen noch diese alternativen Verfahren im Vergleich zu unbehandeltem Saatgut zu einer klaren oder systematischen Veränderung der mikrobiellen Diversität.

Die Zusammensetzung der mikrobiellen Gemeinschaften schien vielmehr mit dem Parzellenkontext, den klimatischen Bedingungen oder dem Entwicklungsstadium der Kultur zusammenzuhängen als mit der auf das Saatgut angewendeten Behandlung. Mit anderen Worten: Das Mikrobiom des Weizens scheint gegenüber Saatgutbehandlungen relativ robust zu sein. Dies bestätigt, dass in einem gesunden Boden und bei zertifiziertem Saatgut von guter gesundheitlicher Qualität diese Behandlungen – ob phytosanitären oder alternativen Charakters – das mikrobielle Leben nicht signifikant verändern.

Weg von systematischen Behandlungen

Die zentrale Aussage dieser Studie ist einfach: Nicht jede Situation erfordert eine Saatgutbehandlung. Mit zertifiziertem und gesundheitlich geprüftem Saatgutund in Böden mit gutem biologischem Zustand kann sich Weizen durchaus ohne besondere Saatgutbehandlung etablieren und Ertrag bringen.

Zu einer Zeit, in der die Landwirtschaft ihre Produktionsmittel optimieren will, ohne die Produktivität zu beeinträchtigen, laden diese Ergebnisse dazu ein, sich von einer Logik der systematischen Behandlung zu lösen. Behandlungen sollten den tatsächlich risikobehafteten Situationen vorbehalten bleiben, etwa bei Partien mit Pathogengehalten oberhalb der empfohlenen Werte: Genau dies entspricht dem Grundprinzip des integrierten Pflanzenschutzes.

Wahrnehmung durch Landwirt(innen) als ein Haupthindernis

Schliesslich stellt die Wahrnehmung der Saatgutbehandlung durch die Landwirtinnen und Landwirte das Haupthindernis für eine Veränderung der Praxis dar. «Saatgutbehandlungen werden von den Bewirtschaftern als eine Art Versicherung wahrgenommen, und folglich wird ein Verzicht auf Behandlung – welcher Art auch immer – als Risiko angesehen», fasst Rebecca Hevia (FiBL), verantwortlich für die sozialwissenschaftlichen Untersuchungen von Rés0sem, zusammen. «So wäre die Mehrheit der ÖLN-Betriebe, einschliesslich jener mit dem Label IP-SUISSE, bereit, auf chemische Behandlungen zu verzichten, wenn sie über ein Gesundheitszertifikat verfügten, um zu bestätigen, dass das Pathogenniveau unter den Normen der Branche liegt.»

Eine gewisse Zurückhaltung bleibt bestehen, was sich durch das Bedürfnis der Betriebe erklärt, selbst Erfahrungen zu sammeln, um sich vom Ausbleiben negativer Auswirkungen bei vollständigem Verzicht auf jegliche Saatgutbehandlung zu überzeugen. Für die nächste Kampagne wird das Angebot an zertifiziertem, unbehandeltem Weizensaatgut mit Gesundheitszertifikat deutlich ausgeweitet. Eine Gelegenheit für alle, dies auf dem eigenen Betrieb zu erproben.

Jacques Demierre, Geschäftsführer der Genossenschaft der Getreidezüchter (ASS) in Moudon VS, erklärt seine Haltung zu den Ergebnissen von Rés0Sem.(Bild: ASS)

«Die Zertifizierung stellt eine solide Garantie dar»

Als Verantwortlicher eines Vermehrungsbetriebs, der 1909 gegründet wurde und am Projekt Rés0sem beteiligt ist, kann ich die grosse Bedeutung dieses Ansatzes für die Schweizer Landwirtschaft sowie für unsere Genossenschaft, die aktiv in diese Arbeiten eingebunden ist, nur unterstreichen. Dieses Projekt liefert wissenschaftlich fundierte und praxisnahe Erkenntnisse zu einer zentralen Debatte: jener über die Zweckmässigkeit von Saatgutbehandlungen in einem Kontext des Übergangs zu nachhaltigen Produktionssystemen.

Passt vollständig zum Grundsatz

Die Verwendung von zertifiziertem Saatgut beruht auf einem grundlegenden Prinzip: Die gesundheitliche Qualität des Saatguts ist entscheidend für den Erfolg der Kultur. Die Zertifizierung, die auf strengen Anforderungen und rigorosen Kontrollen basiert, stellt heute eine solide Garantie für die Landwirtinnen und Landwirte dar. Sie ermöglicht den Einsatz gesunder, zuverlässiger und an die Produktionsbedingungen angepasster Partien und reduziert damit die Risiken von Anfang an.

In diesem Zusammenhang zeigt sich, dass, wenn der Boden frei von Pathogenen ist, die Verwendung von zertifiziertem, unbehandeltem Saatgut ohne nachgewiesenes Risiko für die Kultur in Betracht gezogen werden kann. Dieser Ansatz fügt sich vollständig in die Grundsätze einer modernen Landwirtschaft ein, die darauf abzielt, die Betriebsmittel zu optimieren und zugleich das agronomische Potenzial zu erhalten.

Absicherung in Risikosituationen

Für unsere Genossenschaft führen diese Ergebnisse ebenfalls zu einer pragmatischen wirtschaftlichen Reflexion. Die Entwicklung oder systematische Anwendung von Alternativen zur Desinfektion von Saatgut erscheint uns zum jetzigen Zeitpunkt nicht zweckmässig. Dagegen stellt ein gezielter und begründeter Einsatz traditioneller Saatgutbehandlungen einen relevanten und derzeit sicherlich nachhaltigeren Kompromiss dar. Er ermöglicht es, Ertrag und Qualität der Kulturen in Risikosituationen abzusichern und zugleich zu nachhaltigen Produktionsketten beizutragen.

Letztlich lädt uns Rés0sem dazu ein, uns von einer systematischen Logik zu lösen und zu einem Ansatz zurückzukehren, der auf Beobachtung, Risikoanalyse und der Wertschätzung der Qualität zertifizierten Saatguts beruht.

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