«Vision 3-Seen-Land 2050» geht in Umsetzung – mit Landwirten an Bord, versichert der Biologe

Die Vision von fünf nationalen Umweltverbänden umfasst konkrete Szenarien, die Widerstand wecken. Geschäftsstellen-Co-Leiter Jean-Louis Berthoud erklärt, wie er vorgeht und ordnet das Zielbild ein.

Vor ziemlich genau drei Jahren haben fünf nationale Umweltverbände ihre Vision für das 3-Seen-Land vorgestellt. Danach wurde es ruhig. Bis Birdlife, Pro Natura, der Schweizerische Fischereiverband, die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz und WWF Schweiz Anfang Juni dieses Jahres mitteilten, man habe jetzt eine Geschäftsstelle für die Umsetzung der «Vision 3-Seen-Land 2050» eingesetzt. Nun soll es also konkret werden – auf Grundlage einer Vision mit Szenarien, die Pro Agricultura Seeland 2023 als «völlig praxisfremd» und als «Extremforderungen» bezeichnet hat.

10 Prozent mehr BFF, 80 Prozent weniger Tiere

Tatsächlich sind die fünf Teilvisionen durchaus konkret. Jene zur Landwirtschaft enthält Zahlen, die aufhorchen lassen: 1500 ha organische Böden mit hohem Torfgehalt sollen aus der landwirtschaftlichen Produktion genommen und wieder vernässt werden. Weitere 3500 ha vernässte Fläche sind zur weiteren landwirtschaftlichen Nutzung vorgesehen. Zu den bestehenden 10 Prozent BFF sollen zusätzliche 10 Prozent dazukommen, ausserdem Biotope und Strukturen auf genutzten BFF. «Der Gemüsebau bleibt im heutigen Umfang erhalten», heisst es in der Teilvision weiter. Das offene Ackerland hingegen diene vermehrt der direkten menschlichen Ernährung statt dem Futterbau. Der Tierbestand im 3-Seen-Land soll im Szenario um etwa 80 Prozent sinken. Ausgenommen sind unter anderem Schafe, Ziegen und Legehennen; die Anzahl Kühe, Rinder und Wasserbüffel richtet sich nach dem lokalen Futterangebot. Im Szenario der Teilvision Landwirtschaft steht, dass die Hälfte der Proteinversorgung der Legehennen aus Larven der Schwarzen Soldatenfliege stammt, die im Projektgebiet auf Gemüseresten, Ernte- und Verarbeitungsabfällen gezüchtet werden könnten.

Künstlich trockengelegte Landschaften wie im 3-Seen-Land sind besonders anfällig für hohe Temperaturen und Trockenheit, heisst es seitens der Umweltverbänden. (Bild: Reportair, Niklaus Wächter)
Miteinander von Landwirtschaft und Natur: So könnte die klimaresistente, ökologische und produktive Landwirtschaft im 3-Seen-Land 2050 gemäss Vision aussehen. (Bild: Illustration Isabelle Bühler)

Ziel: Diskussion anstossen

Dieses Zielbild bis 2050 lässt einen leer schlucken. Auf Anfrage ordnet es Jean-Louis Berthoud ein. Er leitet zusammen mit Emanuel Egger die neue Geschäftsstelle der «Vision 3-Seen-Land». «Die Vision ist kein parzellenscharfer Ausführungsplan und kein verbindliches Massnahmenprogramm», versichert der Biologe. Vielmehr sei es eine Verbindung fachlicher Bestandsaufnahmen mit möglichen Zukunftsszenarien. Ziel sei es, eine Diskussion anzustossen. «Darüber, wie Landwirtschaft, Boden, Wasser, Biodiversität, Landschaft und regionale Wertschöpfung langfristig gesichert werden können», so Berthoud. Man habe keine fixfertigen Lösungen.

Die betrieblichen Realitäten verstehen

Die Geschäftsstelle setzt demnach auf Dialog. Ihr Auftrag bestehe darin, die Grundlagen der «Vision 3-Seen-Land» mit Wissen, Bedürfnissen und wirtschaftlichen Realitäten der regionalen Akteure zusammenzuführen. Dazu werden derzeit erste Kontakte geknüpft, prioritär zu landwirtschaftlichen und anderen Organisationen, Beratung, Behörden und regionalen Akteuren. Dabei wollen Jean-Louis Berthoud und Emanuel Egger sicherstellen, dass alle gleichberechtigt zum Zug kommen: Teilregionen, Nutzergruppen, Organisationen, Betriebsformen, Eigentumsverhältnisse und laufende Projekte sollen berücksichtigt werden. «Es ist uns wichtig, vorhandenes Wissen, Erfahrungen, Anliegen und Investitionen, Herausforderungen und betriebliche Realitäten zu verstehen», sagt Berthoud.

Man ist bereit, über Herausforderungen zu sprechen

Bisher hat er erste informelle Gespräche als «offen und konstruktiv» erlebt. Der Co-Geschäftsführer räumt jedoch ein, dass die Reaktionen auf die Vision unterschiedlich ausfielen. «Es gibt kritische Stimmen – insbesondere, wenn sie als Einschränkung der landwirtschaftlichen Produktion oder als bereits beschlossener Flächenplan verstanden wird», schildert er. Berthoud stellt indes eine Bereitschaft fest, über Herausforderungen wie Bodensackung, Wasserhaushalt, Vernässung, Trockenheit, Drainagen oder langfristige Ertragssicherheit zu sprechen. Nach Möglichkeit sollen Projekte zusammen mit den betroffenen Akteuren entwickelt werden.

Praxiswissen und wissenschaftliche Analysen zusammenbringen

Wie passen die detaillierten Ausführungen der Teilvision Landwirtschaft – das, was Pro Agricultura Seeland als praxisfremd kritisiert hat – zu diesem gemeinsamen Erarbeiten von Lösungen? «Die Fachberichte können das Wissen der Landwirt(innen) nicht ersetzen», stellt Jean-Louis Berthoud klar. «Umgekehrt ersetzt das Praxiswissen auch keine langfristige fachliche Analyse der Boden-, Wasser-, Klima- und Biodiversitätsentwicklung», ergänzt er. Für tragfähige Lösungen brauche es beides – und Kritik, um offene Fragen sowie sensible Punkte aufzudecken.

Pflege und Finanzierung von BFF müssen gesichert sein

Zu den offenen Fragen, die bereits vor drei Jahren bemängelt worden sind, gehört die Pflege zusätzlicher Ökoelemente. Pro Agricultura fragte sich, wer dafür zuständig sein sollte. Die Geschäftsstelle hat keine pauschale Antwort, hält aber fest, dass neue ökologische Elemente nur mit geklärter Bewirtschaftung, Pflege und langfristiger Finanzierung geschaffen werden sollten. Es sei die ökologische Wirkung ebenso sicherzustellen wie die praktische Bewirtschaftbarkeit und eine faire wirtschaftliche Lösung. «Landwirtschaftliche Pflege ist eine Leistung und muss entsprechend anerkannt sowie abgegolten werden», meint Jean-Louis Berthoud.

Gute Voraussetzung für das Seeland als Pionierregion

Allerdings identifizieren sich viele Landwirt(innen) primär mit der Produktion von Lebensmitteln. Hier stützt sich die «Vision 3-Seen-Land» stark auf veränderte Konsummuster, wie sie der Bund anstrebt. Es ist die Rede von einer Anpassung der Kulturen, des Tierbesatzes, der Tierarten und der Art der Bewirtschaftung. Diese Transformation geht derzeit aber schleppend voran bzw. ist wenig spürbar. «Das Seeland könnte eine wichtige Pionierrolle einnehmen», findet Jean-Louis Berthoud. Er sieht die angestrebte Transformation zwar nicht als alleinige Aufgabe der Landwirtschaft. Im 3-Seen-Land seien die Voraussetzungen mit spezialisierten Betrieben und bestehenden Verarbeitungs- sowie Absatzstrukturen aber gut. «Entscheidend ist dabei, dass wirtschaftliche Risiken einer Umstellung nicht einseitig bei den Betrieben liegen», sagt der Biologe. Die Geschäftsstelle wolle dabei verbinden und unterstützen.

Pro Agricultura Seeland arbeitet unter anderem mit Bodenaufwertungen, bei denen Sand oder Aushubmaterial zum Einsatz kommt. Die «Vision 3-Seen-Land» lehnt das nicht grundsätzlich ab. (Bild: Klaus Lanz))

Sorgfältige Bodenaufwertungen könnten auch Teil der Lösung sein

Die wirtschaftlichen Folgen für die Landwirt(innen) haben die Co-Geschäftsführer auch im Blick, wenn es um Wiedervernässungen geht. Berthoud nennt dabei als zentrale Bedingung ein tragfähiges Betriebs- und Einkommensmodell. Bodenaufwertungen mit Sand und Aushubmaterial, wie sie Pro Agricultura Seeland befürwortet, lehnt der Biologe nicht grundsätzlich ab. Diese Massnahme könne – sorgfältig und mit geeignetem, bodenkundlich geprüftem mineralischem Bodenmaterial ausgeführt – auf stark degradierten und kaum mehr torfhaltigen Flächen sinnvoll sein. «Lösungen sollten aber nicht nur überbrücken, sondern eine langfristige Perspektive bieten», bemerkt Berthoud.

«Tragfähige Lösungen erreichen wir nur gemeinsam»

Als Nächstes will sich die Geschäftsstelle weiter einen Überblick verschaffen über Akteure, Netzwerke und bestehende Projekte. Parallel sind Abklärungen zu Synergien und Finanzierungsmöglichkeiten vorgesehen. «Als Erstes braucht es belastbare Daten, Kenntnis voneinander, Vertrauen, geeignete Partner und gemeinsam entwickelte, überzeugende Projekte», fasst Jean-Louis Berthoud zusammen. Er lädt alle Akteure ausdrücklich dazu ein, sich mit Erfahrungen, Fragen und Ideen zu melden. «Tragfähige Lösungen erreichen wir nur gemeinsam – praxisnah, freiwillig und mit dem Ziel, die landwirtschaftlichen Betriebe ebenso wie Landschaft, Boden, Wasser, Biodiversität und regionale Wertschöpfung langfristig zu stärken.» 

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