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«Es vergeht kein Tag, ohne dass wir Mutterkorn finden»

Die Getreideernte im Kanton Waadt wird zum wiederholten Mal durch Mutterkornbefall getrübt. Etabliert sich die Pilzkrankheit, oder ist es noch ein Ausnahmephänomen?

Die Ernte im Einzugsgebiet der Landi Gros-de-Vaud im Kanton Waadt ist am 14. Juli fast abgeschlossen. «Ich denke, es stehen noch zehn Prozent des Getreides auf dem Feld, etwa in höheren Lagen», sagt Olivier Sonderegger, Direktor der Genossenschaft. Die Mengen seien zwar nicht vergleichbar mit der Spitzenernte 2025. «Aber zum Glück auch nicht mit dem Jahr 2024», bemerkt er. Gerste und Raps seien gut gewesen, Weizen eher mässig im Ertrag. «Aber die Leute sind angesichts der Trockenheit zufrieden.» Sonderegger selbst hatte in Folge des Wetters mehr Schäden und grössere Mengen Kleinkorn befürchtet, als es tatsächlich gegeben hat. «Aber es ist schon furchtbar trocken.»

15 bis 20 Prozent des TOP-Weizens deklassiert

Die Qualität des Brotweizens stimme betreffend Hektolitergewicht, Fallzahlen und Feuchtigkeit. Der Proteingehalt falle aber eher tief aus. «Wir mussten relativ viel um- oder deklassieren», schildert Olivier Sonderegger. Er schätzt, dass 15 bis 20 Prozent der TOP-Weizenposten wegen zu tiefem Proteingehalt in Klasse I oder eine Mischklasse mit zwischen 10 und 11 Prozent Proteinanteil umgewandelt worden sind. Nur in Einzelfällen musste bei der Landi Gros-de-Vaud wegen unter 10 Prozent Protein Brotweizen in den Futterkanal geleitet werden.

Nicht mehr nur Sommerweizen

Während Fusarien kein Thema waren, trat erneut Mutterkorn auf. «Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht einen Posten mit Mutterkorn finden», sagt Olivier Sonderegger. Der Befall sei zwar weniger stark als noch 2025. Dass der Pilz nun aber schon im dritten Jahr Probleme bereitet, macht dem Waadtländer Sorgen. «Im ersten Jahr war eigentlich nur Diavel und somit Sommerweizen betroffen, später dann diverse Sorten», gibt er zu bedenken. Nicht selten sei das angelieferte Getreide wegen Mutterkorns nicht mehr als Lebensmittel geeignet und oft auch nur noch knapp zu Futterzwecken. Manches wurde weitergeschickt an einen Betrieb mit Farbausleser, um die schwarzen Überdauerungsstadien (Sklerotien) auszureinigen.

Olivier Sonderegger ist der Meinung, dass das Thema Mutterkorn nun dringend angegangen werden muss. «In den ersten zwei Jahren dachte man noch an eine Ausnahmeerscheinung. Jetzt besteht die Gefahr, dass die Sklerotien im Boden sind», warnt er. Vielleicht brauche es Massnahmen zur besseren Gräserbekämpfung, vermehrten Pflugeinsatz oder höhere Anforderungen ans Saatgut.

Geringe Nachfrage nach dem diesjährigen Getreide

Was die Lagerlogistik angeht, so ist man bei der Landi Gros-de-Vaud gewisse Engpässe gewohnt. «Wir nehmen pro Jahr etwa 15 000–20 000 t an und haben Kapazität zum Lagern von 12 000–12 500 t», erklärt der Direktor. Wie in anderen Jahren auch habe man heuer extern Lagerraum zugemietet. Letzterntige Ware vor Beginn der neuen Ernte abholen zu lassen, habe zwar relativ gut funktioniert. Sonderegger beobachtet aber eine geringe Nachfrage für die neue Ernte bei Verarbeitern und Abnehmern. Bis zum Abschluss der Erntesaison beschäftigt ihn und sein Team vorerst, die verfügbaren Zellen sinnvoll geplant zu befüllen. Die verschiedenen Produkte und Labels machen das herausfordernd und bedeuten für die Produzenten mitunter gewisse Wartezeiten oder Verzögerungen. «Wir versuchen, es jeweils der Mehrheit unserer 220 Lieferanten recht zu machen», meint Sonderegger.

«Ich würde von Ausnahmeerscheinungen sprechen»

Er wisse von Posten, die wegen Mutterkornbefalls separat mit einem Farbausleser behandelt werden, sagt André Zimmermann, wissenschaftlicher Mitarbeiter des kantonalen Pflanzenschutzdienstes im Waadtland. «Letztes Jahr waren 3–5% der angelieferten Menge betroffen, zum Glück sind dieses Jahr weniger Posten befallen. Das Vorkommen ist aber weitverbreitet, verschiedene Sammelstellen sind betroffen», so seine Beobachtung. Er würde dennoch für dieses Jahr von Ausnahmeerscheinungen sprechen.

Gräser in den Griff bekommen

Zimmermann hat sich bereits früher mit dem starken Auftreten von Mutterkorn 2025 befasst und dabei festgestellt, dass sich in jenem Jahr verschiedene Risiken für erhöhten Befall kumuliert hatten. So kamen ein feuchter Frühling und Lichtmangel im Mai zusammen, die Weizenblüten könnten länger offen und weniger fruchtbar gewesen sein. «2026 war die Witterung eigentlich für den Mutterkornpilz nicht sehr förderlich», erklärt der wissenschaftliche Mitarbeiter und ergänzt: «Mit befallenen Grassamen in den früheren Jahren und auch im Saatweizen war der Druck dieses Jahr dennoch recht gross.» Das Ziel muss daher aus seiner Sicht sein, die Gräserpopulation in den Griff zu bekommen – was aber in Gebieten mit Resistenzen gegen Wirkstoffe der Gruppen HRAC 1 und 2 wegen fehlender alternativer Mittel schwierig werde.

Unterschied zur Deutschschweiz

«Hitze und Trockenheit waren in diesem Jahr in der Westschweiz grösser als in der Deutschschweiz. Dieser Stressfaktor kann sicher auch mithelfen, Mutterkorninfektionen zu fördern», hält Zimmermann fest. Für ihn ist klar, dass diese Pilzkrankheit weiterhin eine Herausforderung bleiben wird. Erstaunlich sei, dass wiederum Weizen fast ebenso stark betroffen war wie Roggen. «Das entspricht nicht dem Normalfall.» 

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