Pilzmatten im Praxistest: gegen Unkraut und biologisch abbaubar

Myco-Mats bestehen aus regionalem Pflanzenmaterial und Pilzmycel. In Obstanlagen und Reben werden sie getestet und parallel weiterentwickelt.

Seit diesem Frühling liegen in der Apfelanlage des Obergrundhofs in Emmen LU auffällige Matten unter den Jungbäumen. Sie bestehen aus regionalem Pflanzenmaterial und Pilzmycel und dienen der Unkrautunterdrückung. «Wir müssen einen Weg finden, die Nachhaltigkeit zu gewährleisten und zugleich ohne weggefallene Wirkstoffe auszukommen», sagt Patrick Schmid.

Früher habe man mit Bodenherbiziden für die ganze Saison quasi ausgesorgt, erklärt der Betriebsleiter. Jetzt komme das unerwünschte Grün trotz Herbiziden jeweils schnell wieder auf. Schmid ist kein Freund von Fadenmähern, «das bringt viel Plastik in die Anlage», gibt er zu bedenken. Und das Hackgerät sei für den Einsatz zwischen den Bäumen wenig geeignet. Die Pilzmatten – genannt «Myco-Mat» – sind ein Lösungsansatz, der bis 2028 auf dem Obergrundhof im Praxistest ist.

Wirkung und Haltbarkeit im Fokus

«Die ersten Prototypen haben wir im März ausgebracht», schildert Joël Pothier von der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW). Er betreut das Projekt und die Praxisversuche, bei denen sich die Matten sowohl im Obstbau als auch unter Reben beweisen müssen. «Wir untersuchen insbesondere, wie gut Myco-Mat den Unkrautdruck reguliert und wie sich darunter Bodentemperatur sowie Bodenfeuchte entwickeln», so Pothier.

Ebenso beobachtet man die Haltbarkeit der Matten unter Praxisbedingungen und die Produktionskosten. Der Forscher hält fest, dass diese Aspekte zentral sind, um das Potenzial von Myco-Mat beurteilen zu können. «Unser Ziel ist es, eine praxistaugliche und biologisch abbaubare Lösung zur Unkrautunterdrückung als Alternative zum Einsatz von Herbiziden und Plastikfolien zu entwickeln», fasst er zusammen.

Entstanden im Gespräch mit Landwirten

«Eine weitere Stärke der Myco-Mat liegt darin, dass regionales Pflanzenmaterial aus der Pflege von Naturschutzflächen sinnvolle Verwendung finden kann», so David Rast. Er entwickelt neben der Myco-Mat mit dem Start-up Mycostrat aus Emmenbrücke LU auch myzelbasierte Dämmstoffe für die Baubranche. «Besonders die intelligente Nutzung von Pilzmyzel als Binder und die damit verbundene unproblematische Abbaubarkeit bergen grosses Potenzial im Sinne der Kreislaufwirtschaft», findet er. 

Die Idee für die Myco-Mat entstand durch Gespräche mit landwirtschaftlichen Betrieben und Baumschulen, erzählt Rast. «Mit der Myco-Mat versuchen wir, deren Wunsch nachzukommen, ein praktikables Mulchsystem für Obst- und Rebanlagen  zu liefern, das Beikräuter wirkungsvoll am Durchwachsen hindert, gut Wind und Wetter trotzen kann, aber auch praktisch im Hinblick auf Mäuse sein soll.»

Lorenz Rüedi, Swissmycel; David Rast, Myostrat; Joël Pothier, ZHAW; Verena Brugger, Müller-Thurgau-Stiftung und Grazia Grassi, Lidl auf dem Obergrundhof in Emmen LU. (Bild: Lidl)

Noch dauert die Herstellung lange, aber das soll sich ändern

Lorenz Rüedi von der Firma Swissmycel ergänzt: «Als Basis für die Herstellung der Myco-Mat verwenden wir Technologie und Know-how, das sich in der Edelpilzproduktion bewährt hat.» Mit seiner Firma Swissmycel bringt er innovative Anwendungen von Myzel aus dem Labor aufs Feld – neben der Myco-Mat sind noch weitere Lösungen für die Landwirtschaft in der Pipeline. Zusammen mit David Rast von Mycostrat möchte Rüedi die industrielle Skalierung der Matten voranbringen.

Aktuell braucht es noch einige Wochen, bis die Prototypen genügend stabil verwachsen sind, um sie in der Obstanlage einzusetzen. Die beiden haben aber Lösungsansätze, wie sich der Prozess noch deutlich verkürzen lässt. Was die Beständigkeit der Matte betrifft, erachten sie eine Einsatzdauer von zwei Jahren als realistisch. Die pflanzliche Biomasse wird durch nützliche Bodenorganismen nach und nach abgebaut.

«Wie schnell dies geschieht, können wir durch die Rezeptur und Herstellungsparameter beeinflussen», erklärt Rüedi. «Aber natürlich spielen auch die effektiven Bedingungen am Einsatzort eine entscheidende Rolle.» Die Matten sind so entwickelt, dass daraus keine Pilzfruchtkörper wachsen.

Lidl unterstützt das Projekt

«Im Labor funktioniert viel – im Feld oft weniger», bemerkt Landwirt Patrick Schmid. Umso wichtiger findet er, dass die Pilzmatten in echten Obstanlagen und Rebbergen getestet werden. Um die Durchführung der Forschungs- und Praxisversuche zu ermöglichen, hat Lidl Schweiz eine Anschubfinanzierung von 20 000 Franken geleistet.

Auch seitens des Discounters erhofft man sich eine praxistaugliche, biologische und wirtschaftliche Methode zur Unkrautunterdrückung ohne Herbizide. So erklärt Grazia Grassi, Leiterin Unternehmenskommunikation, das Engagement von Lidl. Sie sieht viele Vorteile: «Die Landwirtschaft könnte von einer einfacher anzuwendenden Lösung profitieren, die Arbeitszeit und Kosten spart», sagt sie.

«Gleichzeitig entstehen heimische Produkte, die mit weniger Pflanzenschutzmitteln angebaut werden.» Es gelte, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren, die Biodiversität zu schützen und die Bodenqualität zu erhalten. «Denn: Ohne gesunde Böden gibt es keine guten Lebensmittel», betont Grassi.

Kein Hindernis für die Arbeiten am Baum

Auf dem Obergrundhof werden derzeit Äpfel geerntet. Die Pilzmatten liegen bisher unter sehr jungen Bäumen, die noch keine Früchte tragen. Patrick Schmid erwartet aber durch die neue Form der Unkrautunterdrückung kein Hindernis für die Arbeiten am Baum. Die ersten Matten seien schnell zerfallen und durch eine weiterentwickelte Version ersetzt worden, erzählt der Luzerner Landwirt.

Er hofft, dass seine Jungbäume in den nächsten Jahren von den Pilzmatten profitieren werden, auch punkto Nährstoffverfügbarkeit und Mikronährstoffen dank besserem Bodenklima. «Für mich ist der Aufwand sehr begrenzt», sagt er zu seiner Beteiligung am Projekt. Aber er sieht Potenzial in den Myco-Matten.

Lidl sucht Projekte

Im Einklang mit seiner Strategie zur Unternehmensverantwortung unterstützt Lidl Schweiz innovative Projekte entlang der ganzen Wertschöpfungskette – wie z. B. Myco-Mat. «Im Vordergrund stehen Praxisbezug und Skalierbarkeit, ein klares Potenzial zur Reduktion von Pflanzenschutzmitteln, Plastik oder Emissionen sowie zur Förderung von Biodiversität oder Tierwohl», erläutert Grazia Grassi die wichtigsten Kriterien.

Dazu gehört auch der partnerschaftliche Ansatz, also die Kooperation zwischen Wissenschaft und innovativen sowie praxisnahen Organisationen.

Projektideen können hier eingereicht werden: nachhaltigkeit@lidl.ch

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