Hasenweizen nennen ihn die Bauern landläufig. Dabei ist von der Massnahme «Getreide in weiten Reihen» die Rede. Sie ist zurzeit in acht Kantonen bewilligt und hat zum Ziel, den Feldhasen zu fördern. Dieser sei durch die Intensivierung im Ackerbau und auf dem Grünland stark zurückgedrängt worden. Die Landwirte, die ihr Getreide nach den Vorgaben dieser Massnahme säen, werden entschädigt. «Es handelt sich um eine Massnahme, die im Rahmen des Typs Regionsspezifische BFF (Typ 16) umgesetzt werden kann. Dieser ist Teil der Vernetzung. Es werden deshalb Vernetzungsbeiträge von 1000 Franken pro ha ausbezahlt», erklärt das Bundesamt für Landwirtschaft auf Anfrage. 90 % dieser Kosten trägt der Bund, 10 % die jeweiligen Kantone. Es gelten grundsätzlich in allen Kantonen dieselben Anforderungen.

Auflagen nicht erfüllt

«Inwieweit die Lagekriterien in den Kantonen unterschiedlich umgesetzt und kontrolliert werden, können wir nicht abschliessend beurteilen», heisst es beim Amt für Landwirtschaft und Natur, Abteilung Naturförderung des Kantons Bern (Lanat) auf die Frage, wie die Kontrolle dieser Flächen heuer durchgeführt wurden. Denn nicht alle Bauern hielten sich an die Auflagen des Projekts, wie die BauernZeitung bei einem Erhebungsstellenleiter in Erfahrung brachte. Entscheidend ist nämlich auch, wo das Getreidefeld steht. Die Flächen dürfen nicht direkt an viel befahrenen Strassen liegen (höher als 3. Kl.-Strassen gemäss Landeskarte). Wie die einzelnen Kantone diese Weisung auslegen, scheint ihnen überlassen. Der Kanton Bern legt die Vorgabe so aus, dass nur Flächen an Haupt- und Nationalstrassen ausgeschlossen werden. «Dies ist ein Kriterium, das direkt im Feld anhand der Strassen- und Ortsschilder beurteilt werden kann und benötigt keine weitere Konsultation von Landeskarten», erklärt das Lanat. «Bei den insgesamt 505 Flächen mit Getreide in weiter Reihe zur Förderung der Feldhasen und Feldlerchen im Kanton Bern wurde das Kriterium Abstand zu Haupt- und Nationalstrassen mittels geografischem Informationssystem GIS überprüft. Dabei wurden die im Gelan (kantonales Agrardatensystem) erfassten Getreideflächen überprüft. Als Folge davon wurden 27 Flächen (5% aller Flächen) eruiert, die zu nahe an Haupt- oder Nationalstrassen lagen. «Bei 15 Flächen war die Teilfläche, die zu nahe an der Strasse lag klein und vernachlässigbar. Hier wurde von Sanktionen abgesehen. Bei vier Flächen, welche hauptsächlich im Strassenpuffer lagen, wurde auf der gesamten Fläche kein Vernetzungsbeitrag ausbezahlt. Bei acht Flächen, die teilweise im Strassenpuffer lagen, wurde der Teil, der innerhalb des Strassenpuffers lag von Vernetzungsbeiträgen ausgeschlossen», beantwortet das Lanat die Frage nach den Sanktionen. Die im Rahmen der ÖLN-Sommerkontrollen vor Ort überprüften Massnahmen könnten allerdings noch nicht abschliessend kommentiert werden, da die Kontrollkampagne noch nicht abgeschlossen sei.

«Mich stört es einfach, Unkraut zu fördern.»

Bernhard Streit, Dozent Verfahrenstechnik im Pflanzenbau HAFL

Im Oktober und November wird der nächste «Hasenweizen» gesät. Die Landwirte tun demnach gut daran, sich jetzt noch in ihrer Fruchtfolgeplanung genau zu überlegen, welche Flächen auf ihrem Betrieb die entsprechenden Anforderungen erfüllen, bevor sie ein Programm anmelden.

Kleinere Lücken sollen auch ausreichend

Bernhard Streit, Dozent Verfahrenstechnik im Pflanzenbau an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) ist sicher, eine Entschädigung (1000 Fr.) sei tatsächlich auch nötig, um den Minderertrag, der aus dieser Anbaumethode resultiere, wieder wettzumachen. Er betreut an der HAFL ein Ressourcenschutzprojekt, das die gleichen Ziele verfolgt; Feldlerchen und andere Bodenbrüter und Kriechtiere fördern. Dieses läuft allerdings bereits seit vier Jahren. «Der grösste Unterschied zwischen diesen beiden Projekten ist, dass wir in unserem Fall keine Eintragseinbussen hinnehmen wollen», sagt Streit. Das gelingt mit weniger grossen Lücken, die ihren Zweck aber ebenfalls zu erfüllen scheinen. «Die Erfahrungen die wir seinerzeit bei Agroscope in Zürich gemacht haben, zeigen auf, dass wir bei solchen Saaten, wie jener dieses Vernetzungsprojekts, mit einem Minderertrag rechnen müssen», erklärt er. Das Projekt an der HAFL strebe die Koexistenz von Produktion und Förderung der Biodiversität an. «Mich stört es einfach, Unkraut zu fördern und den Ertrag zu senken», erklärt Streit dezidiert.

Mit der Vogelwarte Sempach

Entstanden sei das Ressourcenprojekt an der HAFL im Gespräch mit Kollegen der Vogelwarte Sempach. Bernhard Streit erinnert sich, dass auch Kompromisse nötig gewesen seien. Die Kröte, welche die Vogelwarte seinerzeit schlucken musste, sind die Herbizidspritzungen. «Wir vergessen einfach in dieser ganzen Diskussion um die Herbizide, dass die Bodenbrüter durch die erhöhte Bodenbearbeitung mehr gefährdet sind. Auch ein Hasennest überlebt den Einsatz des Striegels nicht. Und wo Lücken sind, wächst Unkraut. Mit der Folge, dass gestriegelt oder gespritzt werden muss», weiss Streit.

 

Das Projekt von Bund und acht Kantonen

Die BFF-Massnahme «Getreide in weiten Reihen» ist zurzeit in folgenden Kantonen bewilligt: AG, BE, BL, LU, SO, ZG, ZH. Die Mindestanbaufläche je Betrieb beträgt 20 Aren. Beitragsberechtigt sind alle Getreidearten, sowohl als Winter- und Sommergetreide. Das Getreide muss gedroschen werden. Für Flächen an Haupt- und Nationalstrassen gilt: Die Saat in weiter Reihe ist erst ab einer Distanz von 50 m zur Strasse zulässig und anmeldbar und die Saatrichtung muss zwingend parallel zur Strasse führen. Für Umzäunung der Getreidefläche sind Flexi-Netze nicht erlaubt.

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Ein Blick in die weiten Reihen eines Getreidefelds. (Bild jsc)

Ansaat: Die Getreideansaat hat mit ungesäten Reihen zu erfolgen. Der Abstand der Reihen in ungesäten Bereichen beträgt mindestens 30 cm; das heisst zum Beispiel bei Sämaschinen mit Reihenabstand unter 15 cm müssen zwei Reihen ungesät bleiben, bei Sämaschinen ab 15 cm Reihenabstand muss nur eine Reihe ungesät bleiben. Mindestens 40 % der Anzahl Reihen, verteilt über die Breite der Sämaschine, müssen ungesät bleiben, die Verteilung darf variieren. Die Saatmenge darf in den gesäten Reihen gegenüber normaler Saat nicht erhöht werden, das heisst die Saatmenge muss bezogen auf die Fläche um mindestens 40 % reduziert werden.

Unkrautregulierung: Entweder mechanisch oder chemisch. Mechanisch ist Striegeln ab 1. Oktober erlaubt. Zwischen 1. Januar und 15. April darf maximal einmal gestriegelt werden, ab der Ernte der Vorkultur bis zur Ernte der Hauptkultur ist ein Herbizideinsatz nicht erlaubt. Einzelstockbehandlungen mittels Rückenspritze sind möglich. Wird die chemische Unkrautbekämpfung gewählt, ist ein Herbizideinsatz gemäss Direktzahlungsverordnung erlaubt, eine mechanische Unkrautregulierung (z. B. Striegeln) jedoch nicht.

 

 

Das Projekt der Fachhochschule

Das Ressourcenprojekt der HAFL läuft zwischen 2017 und 2024 und umfasst zwei Bereiche. Zum einen die Weitsaat im Weizen (keine anderen Getreidesorten), zum anderen die Begrünung im Mais. Der Versuch läuft seit vier Jahren. 2020 beteiligten sich 13 Betriebe an der Weitsaat im Weizen und zehn Betriebe an der Begrünung im Mais. Im Projektteam sind: HAFL, Vogelwarte Sempach, Uni Bern, Agridea, Swiss Notill sowie die Gutsbetriebe Bellechasse FR und Witzwil BE. Die Betreuung der Betriebe und die agronomischen Untersuchungen werden von David Kilchenmann, HAFL, bestritten. Die Untersuchungen betreffend Biodiversität werden von Sina Blösch, Doktorandin in Biologie, durchgeführt. Erste Resultat sind bereits bekannt.

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Ein Feld aus dem HAFL-Versuch. Die Lücken sind weniger gross, scheinen aber ihren Zweck zu erfüllen. (Bild sb)

Ertrag: Beim Versuch Weitsaat Weizen fällt der Ertrag auf den Betrieben teilweise leicht höher oder tiefer aus (+/−3 %) als bei Parzellen ohne Lücken. Bei starker Ausgangsverunkrautung ist ein Ertragsverlust zu erwarten.

Unkraut: In den weiten Reihen kann eine erhöhte Spätverunkrautung beobachtet werden. Eine Verminderung dieses Problems ist durch Direktsaat in Mulch im Herbst oder Untersaat im Frühling möglich.

Biodiversität: Die Daten aus dem ersten Untersuchungsjahr deuten auf einen positiven Effekt für die Feldlerche hin. Die Zwischenresultate würden auch die Hypothese stützen, dass Feldlerchen lückige Reihen zur Nestablage bevorzugen.