Der Verein Faire Märkte Schweiz (FMS) wendet sich in einem Streit mit Syngenta an die Öffentlichkeit. «Goliath gegen FMS», titelt er in einer Medienmitteilung. Der Konzern drohe mit einer Klage, weil er in einer Analyse von FMS als marktmächtig bezeichnet werde. «Dies, obwohl das Unternehmen auf seiner Website selbst verkünde, ein global führendes Agrarunternehmen zu sein», schreibt FMS. Man werte dies als Versuch, sachlich begründete Transparenzarbeit durch juristische Drohungen zu unterbinden.
Wird zu viel bezahlt?
Stein des Anstosses sind Recherchen von FMS zum Markt für landwirtschaftliche Vorleistungen. Insbesondere bei Dünge- und Pflanzenschutzmitteln bestünden im inter-nationalen Vergleich deutlich Preisunterschiede von durchschnittlich 27 bis 68 Prozent gegenüber benachbarten Ländern, so die Kritik. Auf Seiten der Einzelhändler gebe es eine grosse Marktmacht, was die Vertriebspreise steigen lasse. Hinzu kommen laut FMS starke regionale Preisunterschiede und mangelnde Transparenz.
Dank mehr Transparenz und weniger Marktverzerrungen könnte die Schweizer Landwirtschaft laut dem Verein erhebliche Kosten einsparen. Insgesamt würden aber die teureren Vorleistungen die gestiegenen Produzentenpreise wieder zunichte machen. «Die Märkte im landwirtschaftlichen Vorleistungsbereich werden weitgehend von marktmächtigen Unternehmungen dominiert», so das Fazit von FMS. «Viele sind auch global agierende Konzerne wie Fenaco, Bayer, Syngenta, Maschinenkonzerne usw.»
Gleichgewicht gerät ins Wanken
Gemäss Mitteilung von FMS hat Syngenta auf diese Aussagen mit einem «Drohbrief» reagiert. Die Nennung des Konzernnamens im Zusammenhang mit «Marktmacht» sei rufschädigend und nicht schlüssig belegt. Daher sei die Streichung des Namens Syngenta gefordert und mit rechtlichen Schritten gedroht worden. FMS hat die fraglichen Stellen mittlerweile angepasst. «Nicht, weil die inhaltliche Aussage falsch wäre», schreibt FMS. «Sondern als Entgegenkommen.» An der sachlichen Richtigstellung der Einschätzung hält FMS vollumfänglich fest. Wenn Unternehmen zentrale Informationen zurückhielten und gleichzeitig Druck auf jene ausübten, die ebendiese Zahlen sichtbar machten, gerate das Gleichgewicht ins Wanken, warnt FMS-Präsident Stefan Flückiger.
Syngenta selbst zeigt sich auf Anfrage der BauernZeitung sehr überrascht darüber, dass FMS eine Mitteilung zu diesem Thema verschickt hat. Und auch darüber, dass der Verein Marktführerschaft mit Marktmissbrauch gleichsetze. «Wir standen mit Stefan Flückiger in Kontakt, weil es bei den FMS-Analysen zu Branche und zu Pflanzenschutzmitteln immer wieder unfundierte Anschuldigungen gab», erklärt Syngenta-Mediensprecher Beat Werder. Namentlich habe Syngenta um die Datengrundlagen gebeten, nachdem der Konzern wiederholt ohne Rückfrage als Preistreiber genannt worden sei. «FMS konnte nicht liefern, erhebt aber weiterhin die entsprechenden Vorwürfe.»
Kontakt nach erster Publikation
Auf konkrete Fragen der BauernZeitung geht der Mediensprecher nicht ein. In einem Mailverkehr zwischen FMS und Syngenta, den er dieser Redaktion vorgelegt hat, steht die Kontaktaufnahme der Transparenzorganisation nach der Publikation ihrer ersten Analyse zum Markt für landwirtschaftliche Vorleistungen.
FMS holte 2024 per Mail die Sichtweise von Syngenta ein und fragte nach den Gründen für Preisdifferenzen – und danach, wie sie sich verringern liessen. In Ihrer Antwort macht Regina Amman, Leiterin Nachhaltigkeit und Public Affairs bei Syngenta, geltend, sie hätte sich über eine frühere Kontaktaufnahme und einen Austausch vor Veröffentlichung der Analyse gefreut, «hätten doch gewisse Fakten und (potenzielle) Missverständnisse vorab direkt geklärt werden können». Syngenta verkaufe keine Düngemittel – wobei besonders diese Produkte teurer geworden seien – und die Preise für Pflanzenschutzmittel von Syngenta seien «sehr nahe am europäischen Preisniveau», fährt Amman in der Mail fort.
Den Namen streichen
Im Februar 2026 fragte Syngenta – wiederum gemäss dem vom Konzern gegenüber der BauernZeitung offengelegten Mailverlauf – nach den Datenquellen für die neuerliche Publikation von FMS. Nach Erhalt der entsprechenden Links schrieb Regina Amman, diese Quellen würden die explizite Nennung von Syngenta im Zusammenhang mit höheren Preisen nicht rechtfertigen. «Wir halten fest, dass die explizite Nennung unserer Firma und die Begründung mit der Marktmacht durch Sie nicht schlüssig hergeleitet werden und rufschädigend wirken.» An diesem Punkt folgte die Forderung, den Namen Syngenta an zwei Stellen zu streichen. «Wir behalten uns rechtliche Schritte ausdrücklich vor.»
Die FMS-Analyse stütze sich auf überprüfbare Quellen und amtliche Statistiken, betont der Verein in seiner Mitteilung. Im Februar habe man bei Syngenta konkret nach der Preisentwicklung gefragt und sich explizit bereit erklärt, die eigenen Aussagen anzupassen, sollte Syngenta andere neue Daten liefern. Der Mailverlauf bestätigt dies. Der Konzern will aber keine Preisangaben an FMS verschicken und verweist auf den intensiven Wettbewerb. «Kein zusätzliches Datenmaterial, keine Zusammenarbeit – aber juristische Drohungen gegen eine kleine NGO, die Transparenz schafft», fasst Stefan Flückiger zusammen.
Rückläufige Preise
Was sagt Syngenta nun zur Preisentwicklung bei den Pflanzenschutzmitteln im eigenen Sortiment? Eigene Zahlen sowie aggregierte Marktdaten von 2019 bis 2026 würden die FMS-These nicht stützen, dass Syngenta seine «Marktmacht» zur Durchsetzung höherer Preise durchsetze, sagt Beat Werder. «Im Gegenteil: Erhebungen belegen, dass die Preise für unsere eigenen Erzeugnisse wie für die sechs bei Scienceindustries organisierten Firmen seit über fünf Jahren rückläufig sind.»
Diese Firmen würden ihre Zahlen anonymisiert an Agristat liefern und schätzungsweise 60 Prozent des Gesamtmarkts repräsentieren. Die übrigen 40 Prozent würden durch Drittfirmen vertrieben oder kämen als Parallelimporte in die Schweiz.
Gründe für den Preisunterschied
Den «kleinen Preisunterschied» gegenüber dem europäischen Ausland rechtfertigt Syngenta mit dem allgemein höheren Kostenniveau hierzulande, Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie dem «aufwändigen und langwierigen» Pflanzenschutz-Registrierungsprozess in der Schweiz.
«Zudem beschäftigt Syngenta in der Schweiz Pflanzenschutzberater, die die Kunden durch die ganze Saison hindurch direkt beraten», ergänzt Beat Werder. Dieser Beratungsaufwand sei durch die kleineren Betriebsstrukturen hierzulande höher. Nicht zuletzt werden laut dem Konzern rund zwei Drittel der Pflanzenschutzprodukte von Syngenta über Dritte verkauft – auf diese Endpreise habe man keinen Einfluss. «Diese Aussagen würden auch durch die von FMS geforderte Weko-Untersuchung bestätigt, der sich Syngenta nicht widersetzt», so Werder. Man erwarte von FMS eine «faktenbasierte und faire Diskussion».
Stefan Flückiger lässt die Erklärungen Syngentas nicht gelten. «Syngenta gehört unbestritten zu den weltweit führenden Unternehmen im Vorleistungsbereich und ist daher für die Darstellung der Marktstruktur offensichtlich relevant», schreibt er sowohl an Regina Amman als auch in der Mitteilung an die Medien. Die Erwähnung erfolge im strukturellen Kontext und enthalte keine Behauptung über ein konkretes Fehlverhalten des Unternehmens.
Eine funktionierende Marktwirtschaft brauche Transparenz, hält FMS fest. Sie brauche unabhängige Analysen und die Sicherheit, dass kritische Stimmen ihre Arbeit ohne Angst vor juristischen Drohungen machen könnten. Daher findet es FMS wichtig, dass 2023 die Schweizer Allianz gegen SLAPP gegründet worden ist. Die Abkürzung steht für «Strategic lawsuits against public participation», die Allianz setzt sich also gegen Einschüchterungsklagen ein.


