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Migros-Chef: «Ich war beeindruckt von ihrem täglichen Einsatz für die Natur»

Zehn Jahre IP-Suisse bei Denner: Ein Jubiläum, das massgeblich sein Verdienst ist – nur sitzt Mario Irminger heute nicht mehr bei Denner, sondern an der Spitze der ganzen Migros-Gruppe. Wir haben ihn mit Fragen konfrontiert.

Dass IP-Suisse heute im Ladengestell von Denner steht, ist massgeblich das Verdienst eines Mannes: Mario Irminger. Vor zehn Jahren hat er als Denner-CEO das Label in die Regale seines Discounters geholt – ein Schritt, den damals kaum jemand einem Billiganbieter zugetraut hätte. Aus 30 Produkten wurden über 270, aus einem Experiment ein Jahresumsatz in dreistelliger Millionenhöhe. Zum Jubiläum tauschen diese Woche Denner-Mitarbeitende und IP-Suisse-Bauernfamilien für einen Tag die Rollen.

Nur: Gefeiert wird dieses Jubiläum nicht mehr von ihm selbst. Irminger sitzt längst nicht mehr bei Denner, sondern an der Spitze der ganzen Migros-Gruppe. Was er damals möglich gemacht hat, wirft heute die Frage auf, was daraus geworden ist. Wo steht Denner zehn Jahre später? Wo steht die Migros? Und was hat sich an der Haltung geändert, seit derselbe Mann nicht mehr ein Aufbauprojekt führt, sondern einen ganzen Konzern mit Tiefpreisoffensive und einer Führungskrise beim einstigen Vorzeigebetrieb?

Wir wollten wissen: Was ist von der Aufbruchsstimmung der IP-Suisse-Anfänge geblieben – und was hat der aktuelle Umbruch bei Denner mit seinen eigenen Entscheidungen zu tun? Wir haben Mario Irminger, CEO der Migros-Gruppe, mit Fragen konfrontiert.

Herr Irminger, gehen wir zurück ins Jahr 2016. Sie sind CEO eines Discounters, eines Geschäftsmodells, das traditionell auf Masse, Marge und tiefste Kosten ausgerichtet ist. Und ausgerechnet in diesem Umfeld entscheiden Sie sich, mit IP-Suisse eine Nachhaltigkeitsstrategie zu fahren. Was war der Punkt, an dem Ihnen klar wurde, dass Sie das wollen?

Unser Ziel war es, als erster Schweizer Discounter nachhaltig produzierte Schweizer Lebensmittel für alle zugänglich zu machen – zu Preisen, die sich jede und jeder leisten kann. Damit wollten wir zeigen, dass Nachhaltigkeit kein Luxus sein darf und einem wachsenden Bedürfnis entspricht. Der Erfolg gibt uns recht: Das IP-Suisse-Sortiment bei Denner ist von damals 30 auf über 270 Produkte gewachsen und wir setzen inzwischen jährlich einen dreistelligen Millionenbetrag um. Denner hat damit einmal mehr Pionierarbeit geleistet und Schweizer Label-Produkte auch im preisaffinen Discount-Segment etabliert.

War das eine unternehmerische Überlegung, eine persönliche Überzeugung, oder beides zugleich? Erinnern Sie sich an ein konkretes Erlebnis, ein Gespräch mit einem Bauern, einen Betriebsbesuch, der den Ausschlag gab?

Beides. Neben dem Blick auf die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden waren es die Gespräche mit IP-Suisse-Bauernfamilien. Ich war beeindruckt von ihrem täglichen Einsatz für die Natur. Und schnell überzeugt davon, dass von einer Zusammenarbeit alle profitieren. Unseren Bauern bieten sich neue Absatzwege für nachhaltig hergestellte Lebensmittel, unsere Kundschaft profitiert von erschwinglichen Label-Produkten.

Sie kamen aus der Finanzwelt, bei EY und als Finanzchef bei Heineken. Was hat ausgerechnet Sie, mit diesem Hintergrund, dazu gebracht, sich so intensiv mit den Anliegen der Schweizer Landwirtschaft auseinanderzusetzen?

Denner verkauft Lebensmittel, die Rohstoffe dafür werden von unseren Bäuerinnen und Bauern produziert. Entsprechend war es mir wichtig, die Anliegen der Schweizer Landwirtschaft zu verstehen. Zudem bewege ich mich in der Freizeit gerne in der Natur, am liebsten in den Bergen. Ich sehe dort, wie wichtig die Landwirtschaft für den Erhalt unserer Landschaft ist.

Wie sind Sie damals intern vorgegangen? Mussten Sie die Verwaltung, den Einkauf, die eigenen Leute von diesem Weg überzeugen, oder war das von Anfang an ein gemeinsamer Wille?

Sowohl bei Denner als auch bei IP-Suisse gab es kritische Stimmen, die fanden, Discounter und Nachhaltigkeit würden nicht zusammenpassen. Es brauchte einiges an Überzeugungsarbeit, an der auch die beiden IP-Suisse-Gründer Andreas Stalder und Fritz Rothen stark beteiligt waren. Schnell aber wich die Skepsis der Überzeugung. Heute sind alle Beteiligten stolz, dieses Ziel gemeinsam erreicht zu haben.

Wie eng war damals der Kontakt zu den Bauernfamilien selbst? Sind Sie auf Höfe gegangen, haben Sie mit den Leuten gesprochen, die später die Marienkäfer-Produkte lieferten?

Ja, ich habe Höfe und Bauernfamilien besucht, was ich bis heute, wenn es die Zeit erlaubt, sehr gerne mache. Es ist mir wichtig, zu sehen und zu hören, was IP-Suisse für sie im Stall und auf dem Feld bedeutet, und welchen Mehrwert es für Natur und Tier hat. Auch Denner-Mitarbeitende tauschen sich seit zehn Jahren regelmässig mit IP-Suisse aus. Gerade in diesen Wochen findet anlässlich des Jubiläums ein Job-Tausch statt. Denner-Mitarbeitende arbeiten einen Tag auf dem Hof mit, während Bauern einen Tag in einer Denner-Filiale im Einsatz sind. Das gegenseitige Verständnis ist ein entscheidender Erfolgsfaktor.

Was hat Sie am meisten überrascht an der Reaktion, sowohl von der Kundschaft als auch von der Landwirtschaft selbst, als IP-Suisse bei Denner Fahrt aufnahm?

Denner war der erste Detailhändler, der den IP-Suisse-Marienkäfer auf den Produkten abbildete. Wir investierten viel, um das Label bekannt zu machen. Etwa mit Fahnen vor den Filialen, TV-Spots und IP-Suisse-Trams. Damit haben wir den Käfer sprichwörtlich zum Fliegen gebracht. Es berührte mich, zu sehen, wie stolz die Bauernfamilien waren, als sie erstmals in der Schweiz ein klares Bekenntnis zum Käfer sahen.

Sie sagen heute oft, die Leistung der Bauern habe ihren Preis und dass die Preissenkungen nicht zulasten der Landwirtschaft gehen. Das haben Sie in den letzten Monaten mehrfach wiederholt. Ich möchte Sie nicht bitten, das nochmals zu sagen. Stattdessen: Was ist der Unterschied zwischen dem, was Sie bei Denner mit IP-Suisse aufgebaut haben, und dem, was heute bei der Migros passiert?

Es gibt keinen Unterschied. Migros war und ist noch immer die grösste Abnehmerin von IP-Suisse-Produkten. Der neue Ansatz bei Denner war es, das Label und seine Ziele sichtbar zu machen. Diesen Weg geht heute die ganze Migros-Gruppe und stärkt damit die Schweizer Landwirtschaft. Mit dem Ausbau von verantwortungsvoll hergestellten Produkten im Sortiment von Migros und Denner setzen wir ein klares Zeichen für eine umweltschonende Schweizer Landwirtschaft, für die wir ein zuverlässiger und wachsender Abnehmer sind.

Bei Denner war Nachhaltigkeit ein Aufbauprojekt, das Sie von Grund auf gestalten konnten. Bei der Migros verwalten Sie ein gewachsenes System mit enormen Grössenverhältnissen und gleichzeitig einer aggressiven Tiefpreisoffensive. Ist das noch dieselbe Haltung, nur in grösserem Massstab, oder mussten Sie Kompromisse eingehen, die Sie sich bei Denner nicht hätten vorstellen können?

Es macht sehr viel Freude, auf einem lange gewachsenen und festen Fundament weiterbauen zu können. Wir verfolgen in der Migros-Gruppe einen gemeinschaftlichen Ansatz. Für unsere sieben strategischen Geschäftseinheiten Migros, Denner, Migrolino/Migrol, Migros Industrie, Digitec Galaxus, Medbase und Migros Bank haben wir 2025 erstmals eine gruppenweite Nachhaltigkeitsstrategie verabschiedet. Dies ist wichtig, damit wir gemeinsam die grossen Themen wie Klima, Biodiversität und Menschenrechte angehen.

Fehlt Ihnen manchmal diese Klarheit von damals, als IP-Suisse noch ein klar abgrenzbares, wachsendes Projekt war, im Vergleich zu heute, wo sich die Kommunikation der Migros fast ausschliesslich um den Tiefpreis dreht?

Ich erlebe das nicht so: Verantwortungsvolles Handeln ist kein Projekt, das man abschliesst, sondern eine Haltung, die jede Entscheidung beeinflusst. So setzt die Migros beispielsweise als erste Detailhändlerin in der Schweiz in der Geflügelmast in der Breite auf halbextensive Rassen – gemeinsam mit IP-Suisse für die Marke «Optigal». Die Migros steht nicht nur für tiefe Preise, sondern ebenso für Frische, Regionalität, kultige Eigenmarken der Migros Industrie und unser starkes gesellschaftliches Engagement, mit dem wir jährlich 140 Millionen Franken an die Bevölkerung zurückgeben. Die Vision der Migros lautet: «Eine lebenswerte Schweiz für alle.» Dies wollen wir täglich leben.

Was bedeutet ein solcher Umbruch für die Kontinuität von Partnerschaften wie jener mit IP-Suisse, die über mehrere Chefetagen hinweg gewachsen ist?

Die Migros hat in den letzten Jahren Veränderungen eingeleitet, um sich für die Zukunft optimal aufzustellen. Auf unsere langjährigen Partnerschaften wie etwa mit IP-Suisse hatte das keinen Einfluss, im Gegenteil: Gerade in Zeiten des Umbruchs sind kontinuierliche, verlässliche Partnerschaften enorm wertvoll und wichtig.

Sie haben Denner selbst geprägt und wissen genau, was dieses Unternehmen braucht, um zu funktionieren. Wenn nun innert kurzer Zeit zwei Geschäftsleitungsmitglieder gehen, darunter ein CEO, den Sie selbst geholt haben, ist das dann einfach so passiert, oder hat das mit den Entscheidungen zu tun, die Sie selbst auf Migros-Stufe getroffen haben, allen voran die Tiefpreisstrategie, die Denner den Handlungsspielraum nimmt?

Die Wechsel haben unterschiedliche Gründe und nichts mit der Ausrichtung zu tun. Im Gegenteil, die Strategie ist auch unter der Führung von Michel Gruber, Denner-CEO a.i., unbestritten: Denner ist Nahversorger zu Discountpreisen, mit modernen Filialen, einem grossen Frische-Angebot und attraktiven Markenartikeln. Er behauptet seine Position als führender Discounter seit Jahrzehnten erfolgreich gegen eine ständig wachsende Zahl an Mitbewerbern.

Chris Rohrer hat mit dem ersten Nachhaltigkeitsmagazin der Migros-Gruppe auch offen gezeigt, wo die eigenen Ziele verfehlt werden. Wie nah ist dieses Bekenntnis an der Haltung, mit der Sie damals bei Denner gestartet sind?

Mit dem ersten Nachhaltigkeitsmagazin der Migros-Gruppe und der Veröffentlichung der Nachhaltigkeitszahlen nach Global Reporting Initiative (kurz GRI) zeigen wir transparent auf, wo wir in der Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie stehen und eben auch, wo wir sie noch nicht erreicht haben.

Dieser Sommer mit seinen Wetterextremen zeigt sehr konkret, was für die Landwirtschaft auf dem Spiel steht. Was ist Ihr persönliches Versprechen an die IP-Suisse-Bauern für die nächsten zehn Jahre, jenseits der Sätze, die Sie sonst dazu sagen?

Ich wünsche IP-Suisse und den Bäuerinnen und Bauern, dass sie sich weiterhin für Tierwohl, Natur und Mensch einsetzen. Und ich verspreche, dass die Migros-Gruppe dabei eine verantwortungsvolle und verlässliche Partnerin ist.