Die Biodiversität in der Schweiz wird verschiedentlich und regelmässig untersucht. Vergleichbare Studien dazu, was auf Feldern, in Obsthainen und Gärten an Nutzpflanzen wächst, gab es hingegen bisher nicht. 

Nun liefert ein Pilotprojekt der Schweizerischen Kommission für die Erhaltung von Kulturpflanzen (Skek) und der Stiftung Pro Specie Rara (PSR) mit Unterstützung des Bundesamts für Landwirtschaft erstmals einen Überblick: «Vieles ist erreicht – doch die Zukunft der Agrodiversität hängt davon ab, ob das bestehende Engagement weitergeführt und gezielt ausgebaut wird.»

Was fördert der Bund?

Im Rahmen des «Nationalen Aktionsplans zur Erhaltung und nachhaltigen Nutzung der pflanzengenetischen Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft» (NAP-PGREL) unterstützt das Bundesamt für Landwirtschaft Projekte in drei Bereichen: Erhaltung, Nutzung und Sensibilisierung. 

Ein Projektbeispiel aus der Kategorie Nutzung sind etwa die Bergkartoffeln aus dem Albulatal. Das sind Nischensorten wie Erdgold oder Maikönig, die auch an die Gastronomie vermarktet werden. In einem anderen Projekt wurde der Sortengarten des Sindelhofs in Bötzberg AG unterstützt, in dem 300 verschiedene Apfel- und 100 Birnensorten stehen. 

Die sortenspezifische Nutzung und Vermarktung sollte die regionale Obstvielfalt erhalten und fördern. Für die nächsten Jahre legt der Bund für den NAP-PGREL einen Schwerpunkt auf die Förderung der Nutzung der Agrobiodiversität.

Stabile Erträge, Widerstandsfähigkeit und Basis für die Züchtung

Skek und PSR begründen in einer Mitteilung, warum die Vielfalt der Kulturpflanzen und ihrer Sorten in der Schweiz überhaupt wichtig ist. «Sie sorgt für stabile Erträge, stärkt die Widerstandsfähigkeit gegenüber Klimawandel, Krankheiten und extremen Wetterereignissen – und bildet die Basis für die Züchtung zukünftiger Sorten.» 

Die Auswahl an Weizensorten verschiedener Klassen ermöglicht z. B., den Anbau an das Potenzial des Standortes anzupassen. Unterschiedliche Blühzeitpunkte sorgen dafür, dass nicht alle Obstbäume gleichermassen von einem Frostereignis betroffen sind. Verschiedene Salatarten kommen mit Hitze und starker Sonneneinstrahlung unterschiedlich gut zurecht.

Vielfalt macht den Pflanzenbau fit

Robuste Kartoffelsorten sind ein aktuell häufig diskutiertes Beispiel, wie Vielfalt den Pflanzenbau fit für die Zukunft machen soll. Bohnen, alte Getreidearten oder auch Kastanien können Möglichkeiten bieten für neue Betriebszweige und Absatzkanäle.

Alte Sorten Seltenes anpflanzen und kochen: Pro Specie Rara startet neues Projekt Donnerstag, 13. April 2023 «Agrobiodiversität ist eine zentrale Grundlage für eine nachhaltige Landwirtschaft», fassen Skek und PSR zusammen. «Gleichzeitig ist sie entscheidend für eine vielfältige und ausgewogene Ernährung.»

Engagement und Netzwerk für guten Gesamtzustand

Insgesamt sei die Nutzpflanzenvielfalt hierzulande heute gut abgesichert. Das kommt allerdings nicht von allein. Die Studienautoren führen den guten Zustand auf das Engagement zahlreicher öffentlicher und privater Akteure, ein gut funktionierendes Netzwerk sowie die Unterstützung durch den Bund zurück.

In Genbanken und Sammlungen liegen tausende Sorten für Anbau und Nutzung bereit. Positiv sei zudem, dass Nischenkulturen wie Emmer, Lupinen oder Lein in den letzten Jahren deutlich an Anbauflächen gewinnen konnten – wobei sie jedoch erst ein Prozent der Ackerfläche in der Schweiz bedecken.

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Abo Totalrevidierte Tierzuchtverordnung «Vermehrung statt genetischer Vielfalt gefördert»: Sorge um gefährdete Rassen wächst Dienstag, 9. Dezember 2025 Auf mehr als der Hälfte der gesamten Schweizer Ackerfläche wachsen heute Winterweizen, Mais und Wintergerste. Ackerkulturen, Leguminosen, Futterpflanzen und Mais weisen eine geringe Sortenzahl auf. Bei Kartoffeln und im Obstbau liegt sie höher. Die Konzentration vieler Kulturen auf wenige Sorten erhöhe die Anfälligkeit des Systems und verringere seine Anpassungsfähigkeit, warnen Skek und PSR.

70 Pflanzenarten werden züchterisch bearbeitet

Neue, an die Schweizer Landwirtschaft angepasste Sorten werden weiterhin gezüchtet: Agroscope sowie 15 kleinere und mittlere Züchtungsbetriebe haben 2024 total 70 Pflanzenarten züchterisch bearbeitet und in den Jahren 2023 und 2024 137 neue Sorten auf den Markt gebracht. 

Allerdings sei die Zahl der bearbeiteten Pflanzenarten rückläufig, ebenso gingen die eingesetzten personellen Ressourcen in den letzten Jahren zurück. Insbesondere für Fachpersonen ortet die Studie einen Mangel an Aus- und Weiterbildungsangeboten im Bereich Agrobiodiversität.

Nutzpflanzenvielfalt muss auf den Teller

Abo Hausgarten «Pflanz das Rare» kommt an Donnerstag, 14. März 2024 Für die Züchtungsarbeit sind wilde Verwandte von Nutzpflanzen eine wichtige Quelle der Vielfalt. Hier sehen die Studienautoren Handlungsbedarf, denn ein bedeutender Teil (31 Prozent) dieser Pflanzen gilt in der Schweiz als bedroht. Sowohl durch den Schutz in der Natur als auch via Saatgutbanken liessen sich in diesem Bereich Verbesserungen erreichen.

«Um die Nutzpflanzenvielfalt langfristig zu sichern und besser zu nutzen, sind zusätzliche Anstrengungen notwendig», so das Fazit. 

Bei der nachhaltigen Nutzung würden verschiedene Indikatoren einen klaren Auftrag erteilen, hier vermehrt Ressourcen zu investieren: «Die Nutzpflanzenvielfalt muss stärker aus den Genbanken und Sammlungen hinaus auf die Felder und in die Gärten gebracht werden – schliesslich auch auf unsere Teller.»  

Wie bringt man die Vielfalt auf Felder und Teller?
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Was nicht gekauft wird, wird auch nicht angebaut. Daher ist die Vermarktung von alten Sorten und Nischenkulturen bei der Förderung der Agrobiodiversität ein zentraler Punkt.

«Alternative Landwirtschaftsformen wie Solawis oder Permakultur-Höfe, aber auch Direktvermarkter leisten hier oft wichtige Pionierarbeit», beobachtet François Meienberg, Bereichsleiter Politik bei Pro Specie Rara (PSR). Er ist Mitautor der Studie zur Agrobiodiversität in der Schweiz und sieht zu deren Förderung mehrere Ansatzpunkte.

Akteure tauschen sich aus
Gerade um mehr Landwirt(innen) für den Anbau zu erreichen, brauche es die züchterische Weiterentwicklung der Kulturen bzw. Sorten. «So lassen sich etwa die Erträge verbessern, beispielsweise bei Buchweizen.» Meienberg schildert, wie für Buchweizen an mehreren Fachtreffen die Bedürfnisse verschiedener Akteure in der Wertschöpfungskette besprochen worden sind.

«Es braucht auch eine Mühle, die das verarbeitet und jemanden, der das Mehl verkauft oder etwas daraus bäckt», gibt er zu bedenken. «Um Nischenkulturen zu fördern, braucht es die ganze Wertschöpfungskette.»

Bei Nischenkulturen braucht es etwas mehr Informationen
Für ebenso wichtig hält er die Sensibilisierung der Konsumentenschaft. Das Gütesiegel von PSR ist auf entsprechenden Produkten im Detailhandel sichtbar. «Wenn es um alte Sorten geht, stehen Sortenblätter mit den spezifischen Eigenschaften zur Verfügung», sagt François Meienberg. 

Zwar liesse sich ein Apfelkuchen gleich zubereiten, wenn statt eines Gala-Apfels ein Boskoop oder – zum Beispiel – eine Oberrieder Glanzreinette zum Einsatz kommt, aber das Geschmackserlebnis ist ein anderes.

Bei Nischenkulturen wie Buchweizen helfen Rezepte, die Konsument(innen) etwa bei Coop (Fooby-Rezeptdatenbank) oder Migros (Migusto) finden können. Eine Möglichkeit böten auch die wöchentlichen Magazine der beiden Detailhändler. «Es gibt immer wieder Beispiele wie Nischenkulturen plötzlich zum Trend werden», erinnert sich Meienberg und erwähnt Quinoa. Um das Pseudogetreide entstand eine Weile lang ein Boom, der mittlerweile allerdings gänzlich abgeflacht ist.

Zwei Strömungen für die Zukunft
Für die Zukunft sieht der Experte zwei Strömungen – je nachdem, welche stärker ist, dürfte das die Vielfalt der Nutzpflanzen in der Schweiz fördern oder bremsen. «Zum einen ist das Interesse bei den Konsumenten vorhanden», stellt er fest. Das haben erst kürzlich wieder die jährlichen PSR-Setzlingsmärkte mit Tausenden Besucher(innen) gezeigt. Gleichzeitig gibt es eine Zunahme bei den alternativen Landwirtschaftsformen, die eher auf Nischenkulturen und Spezialitäten-Sorten setzen. 

«Auf der anderen Seite haben wir eine fortschreitende Konzentration auf dem Saatgutmarkt», fährt Meienberg fort. Grosse Konzerne würden aber eben nicht explizit für die Schweiz, sondern für den grossen europäischen oder globalen Markt züchten. So würden sie keine Vielfalt zu den an hiesige Besonderheiten angepassten Produkten liefern. «Ich bin ein Optimist und hoffe, dass die erste Strömung stärker ist.»

Mehr Informationen für diese Art der Biodiversitätsförderung
Auf Stufe Landwirt(innen) fördern IP-Suisse und Bio Suisse mit ihrem Programm «mit Vielfalt punkten» bereits die Agrobiodiversität. Das sensibilisiere viele Produzenten, lobt François Meienberg. PSR selbst will künftig aktiver werden auf der Plattform agrinatur.ch.

Diese Website bietet bisher eine Fülle von Informationen zur klassischen Biodiversitätsförderung mit BFF. «Aber Biodiversität lässt sich auch auf dem Feld mit diversen Nutzpflanzen fördern», betont Meienberg.

Hier wolle man mehr in passende Sortenlisten, Sortenfinder und die entsprechende Beratung investieren. «Eine weitere Aufgabe ist dann natürlich, das Saat- und Pflanzgut zur Verfügung zu stellen», bemerkt er. Hier leisteten auch hiesige kleinere Saatgutbetriebe und Baumschulen indes gute Arbeit.