Viele Milchbauern wünschen sich einen besseren Milchpreis und mehr Transparenz im Milchmarkt. Wie der Milchpreis verbessert werden kann, ist dabei umstritten. Die einen wünschen sich verbindlichere Verträge und Freiwilligkeit von B- und C-Milch. Manche wollen, dass die Branchenorganisation Milch (BOM) oder der Staat die Milchmengen wieder steuert. Sie wollen keine ungesunde Konkurrenz, sondern Planungssicherheit.
Denn das Grundübel, darin sind sich Bauern, Marktexperten und Beobachter einig: Es hat zu viel Milch auf dem Markt, und zwar nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Europa und auf der ganzen Welt. Was also bringt es dem Molkereimilchpreis in der Schweiz, wenn die Produzenten ihre Milchmenge reduzieren?
Nachfrage steuert Milchmarkt
Die Antwort darauf fällt ernüchternd aus: Eine Mengeneinschränkung im kleinen Stil bringt erstaunlich wenig. Eine Mengenreduktion im grossen Stil führt gar zu Importzunahme und weiteren Marktanteilsverlusten, aber kaum zu höheren Preisen.
Der globale Milchmarkt ist ein Nachfragemarkt. Das heisst, die Anzahl der Konsumenten und ihre Wünsche nach Milch, Jogurts, Käse und anderen Spezialitäten bestimmt die Milchproduktionsmenge. Der Schweizer Milchmarkt ist gesättigt, die Inlandversorgung kann problemlos sichergestellt werden. Und das sorgt für Preisdruck.
Auch diese Erkenntnis ist nicht neu, so schrieb der langjährige Direktor der Schweizer Milchproduzenten (SMP), Samuel Lüthi, bereits 1982, dass in keiner Wirtschaftsordnung bei gesättigten Märkten auf Dauer «eine unbeschränkte Abnahme- und Preisgarantie» möglich sei. Im Grunde gebe es deshalb nur zwei Möglichkeiten, das Marktgleichgewicht herzustellen: «über den Preis
oder durch die Beschränkung der Menge.»
Letzteres hat man während 30 Jahren gemacht, als man 1977 die Kontingentierung in der Schweiz einführte und so die nationale Produktionsmenge steuerte. Zudem hat der Staat den Milchpreis festgelegt und die Überschüsse gleich noch mithilfe von Steuergeldern verarbeitet und exportiert. Der Milchpreis erreichte nie gekannte Höhen und lag in den besten Jahren bei einem Franken und sieben Rappen.
Markt soll stärker spielen
Die Nebenwirkungen dieser staatlichen Planwirtschaft sind bekannt: Die Wettbewerbsfähigkeit der Milchbauern litt, ebenso die Marktorientierung der Verarbeiter und der Händler. Zudem hat man mit der massiven Exportsubventionierung der Überschüsse Märkte in anderen Ländern mit billigem Käse zerstört.
Weil gleichzeitig auch der Mittelbedarf des Bundes stieg, fand langsam aber sicher ein Umdenken statt. Die Politik realisierte, dass ein «weiter wie bisher» keine Alternative ist. Der Marktschutz wurde teilweise abgebaut, die staatlichen Exportfirmen privatisiert und aufgelöst, der Käsehandel mit der EU liberalisiert und schliesslich die Kontingentierung 2009 endgültig aufgehoben. Im Zuge der Marktliberalisierung wurde die BOM zu einem wesentlichen Pfeiler innerhalb der Branche.
Preis soll Menge steuern
Sie vereint alle Akteure und legt mit Standardverträgen und der Milchmarktsegmentierung fest, welche Bedingungen im Milchkauf zu gelten haben. In Kombination mit dem Grenzschutz bei Frischmilchimporten und der Verkäsungszulage sorgt die Segmentierung für hohe A-Milchpreise. «Der Preis für die Milch im Segment A reagiert nur sehr langsam auf die sich verändernde Milchproduktion. Das ist bei hohem Preisdruck ein Vorteil für die Schweizer Produzenten. So sind in den vergangenen zwei Jahren die Schweizer Milchpreise dank relativ stabilen Preisen für das A-Segment viel weniger unter Druck gekommen, als sie es ohne Segmentierung gekommen wären», sagt deshalb Stefan Kohler von der BOM.
Anders als bei A-Milch ist die Preisbildung bei B- und C-Milch aber nicht von Inlandangebot und -Nachfrage abhängig. Kohler: «Die Preisschwankungen in den Segmenten B und C werden alleine durch die Preise auf dem Weltmarkt bestimmt.» Ähnlich tönt es beim grössten Schweizer Milchverarbeiter, der Emmi. «Der Schweizer Milchpreis wird weitestgehend von den internationalen Preisentwicklungen beeinflusst.»
1,5 Rappen, höchstens
Auch eine Mengensteuerung auf nationaler Ebene könnte diesen Zusammenhang nicht aushebeln oder umgehen. Weil der ausbezahlte Milchpreis ein Mix aus A-, B- und C-Milch ist, dürften bei einer Produktionseinschränkung die durchschnittlichen Preise dennoch leicht steigen. Die Anteile an B- und C-Milch würden nämlich verkleinert.
«Man muss aber klar sehen, dass durch eine Verringerung der B-Milchmenge auch die Käseimporte zunehmen dürften», sagt Pirmin Furrer, Geschäftsführer der Genossenschaft Zentralschweizer Milchproduzenten (ZMP).
Würden die Produzenten ganz auf die Lieferung von C-Milch verzichten, würde laut Emmi der durchschnittliche Milchpreis um etwa einen Rappen steigen. Im Molkereimilchmarkt würden durch den Verzicht auf C-Milch rund 1,5 Rappen drin liegen.
Wie Stefan Kohler von der BOM sagt, dürfte dies in den laufenden Monaten bei den meisten Molkereimilchproduzenten der Fall sein. «Die Milchproduktion für den Juni 2016 ist gemäss einer provisorischen Prognose von Datenbank-Milch um 4,8% gegenüber dem Juni 2015 gesunken. Gegenüber Juni 2014 beträgt der Rückgang sogar 7%.»
Auch SMP-Direktor Kurt Nüesch beobachtet den Mengenrückgang. Sollte dieser anhalten, «gibt es in den kommenden Monaten auch wieder Raum für Milchpreiserhöhungen, der von den Milchvermarktungsorganisationen zu nutzen ist.» Allerdings relativiert er mögliche Preisaufschwünge mit der Entwicklung des internationalen Marktes.
Wirkungsvoll bei Käse
Während eine Mengensteuerung im Gesamtmarkt nur minime Wirkungen auf die Schweizer Milchpreise haben dürfte, ist eine Mengensteuerung innerhalb einzelner Verwertungsketten ein wesentlicher Garant für das Marktgleichgewicht. So beweisen beispielsweise die Gruyère-Produzenten, dass bei einem rigorosen Mengenmanagement auch die Marktpreise gehalten werden können.
Die Mengensteuerung funktioniert bei Gruyère deshalb so gut, weil es einen klaren Absatzmarkt und eine klare Positionierung gibt. Gleichzeitig ist der Schutz der Ursprungsbezeichnung gewährleistet und die beiden Sortenorganisationen führen die Produktion und die Verarbeitung relativ straff, können die ganze Wertschöpfungskette koordinieren und steuern. Und die Käsereimilchproduzenten können ihre Milch im Molkereimilchmarkt als Einschränkungsmilch absetzen.
Kontingentierung vom Tisch
Diesem Problem mit einer generellen Mengensteuerung zu begegnen ist für die meisten Branchenakteure der falsche Weg. ZMP-Geschäftsführer Pirmin Furrer wählt sogar noch klarere Worte: «Eine Mengenführung ohne weiterführende Massnahmen wäre mindestens problematisch.» Aus seiner Sicht ist klar, dass eine Mengensteuerung alleine nicht die gewünschten Preiseffekte bringen würde. «Man hat nicht ohne Grund die Kontingentierung abgeschafft und die Branche auf mehr Wettbewerb vorbereiten wollen», fügt er an.
Das zeigen auch die Statistiken. Die Schweizer Milch hat während der Zeit der Kontingentierung Marktanteile im Ausland verloren. Ausserdem ist der Schweizer Käsemarkt weniger stark gewachsen als der globale Käsemarkt. Dasselbe gilt noch in grösserem Ausmass für die EU, deren Politik nun mit aller Kraft versucht, diesen Nachteil zu kompensieren. Die Schweiz ist mittendrin und mit einem Marktanteil der globalen Milchproduktion von gut 0,5% nicht massgebend für die Preisentwicklung.
Hansjürg Jäger